Von Holger Stark und Sascha Klettke
Berlin - Die Uhr zeigte noch 7,2 Sekunden, als Julius Jenkins, Berlins bester Schütze, den Ball in der Arena am Ostbahnhof bekam. Jenkins pflügte über das ganze Feld, er zuckte nach rechts, dribbelte nach links, und die gut zehntausend Berliner Fans warteten auf den erlösenden Wurf, der Alba den Ausgleich bringen sollte. Doch stattdessen trat Jenkins auf den Fuß von Vincent Yarbrough, seinem Bonner Gegenspieler, verlor das Gleichgewicht, taumelte, sprang halb, fiel fast. Sein Notwurf verfehlte den Korb, die verbliebenen Sekunden liefen herunter. Bonn gewann am Pfingstsonntag das erste Halbfinalspiel überraschend 73:71. Auswärts.
Der Fehlwurf mag für die erfolgsverwöhnte Mannschaft von Berlins Trainer Luka Pavicevic ein Schock gewesen sein, doch er spiegelt eine Entwicklung wieder, die dieses Jahr so deutlich wie selten zuvor sichtbar wird: In der Basketball-Bundesliga ist derzeit fast alles möglich. Um die Meisterschaft spielen mit Oldenburg, Bamberg, Bonn und Berlin vier Mannschaften, die fast gleich stark sind.
Durch den offenen Spielermarkt haben viele Clubs ihre Mannschaften mit starken Spielern aus Nordamerika und Osteuropa aufgerüstet, trotz überschaubarem Budgets. Bei Bonn und Oldenburg steht kein einziger deutscher Spieler in der ersten Fünf, bei Alba und Bamberg mit den beiden Nationalspielern Steffen Hamann und Demond Greene jeweils nur einer. "Diese Liga ist wegen der geringen Begrenzungen für ausländische Spieler extrem hart", sagt Alba-Coach Pavicevic SPIEGEL ONLINE, "deshalb ist der Titelkampf wirklich offen."
Hinzu kommt, dass es im Basketball ähnlich ist wie im Fußball: Für die Entwicklung eines Vereins ist das Erreichen der europäischen Königsklasse entscheidend. Und nur der deutsche Meister darf in der kommende Saison mit Europas besten Clubs konkurrieren. "Für uns ist es das Wichtigste, die Euroleague zu erreichen", sagt Pavicevic unumwunden; Spieler wie der Center Blagota Sekulic, aber auch der amerikanische Distanzschütze Casey Jacobsen, vorige Saison in der NBA noch bei Memphis aktiv, wären ohne die große europäische Bühne kaum zu binden.
Umso überraschender ist die erkennbare Schwächephase, die sich die Mannschaft in der wichtigsten Phase der Saison leistet. Der 2,06-Meter-Mann Ansu Sesay, einst in der NBA aktiv und in der ersten Saisonhälfte der dominierende Spieler der Liga, ist ein Schatten seiner selbst. Der deutsche Spielmacher Steffen Hamann, der vergangenen Sommer bei Olympia durchspielte, wirkt ausgelaugt, Scharfschütze Jacobsen verunsichert. Dazu kommt, dass der Publikumsliebling und bislang effektivste Alba-Spieler, Immanuel McElroy, sich im Viertelfinale gegen Paderborn am Bauchmuskel verletzte und seitdem gehandicapt auftritt.
"Die Kraft hat eine Rolle gespielt", sagte Michael Koch, der Trainer der Telekom Baskets Bonn, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zu den Gründen für den Sieg seines Teams. Es sei entscheidend, dass die Spieler zu den Playoffs "frisch" sind - körperlich und im Kopf. "Wir sind ja viel kritisiert worden, weil wir das letzte Heimspiel der Hauptrunde verloren haben", sagt Koch, "aber der vierte Tabellenplatz war schon sicher." Deshalb habe man das Training heruntergefahren und dafür gesorgt, dass die Spieler viel Spaß haben. Eine der Auflockerungsübungen: Statt Basketbälle warfen die die Spieler Tennis- und Volleybälle oder ein Football-Ei auf den Korb.

Aus der teuersten und bestbesetzten Mannschaft der Liga (Etat: gut 7,6 Millionen Euro) ist ein Team geworden, das schon an diesem Mittwoch in Bonn (Spiel läuft seit 20.15 Uhr) die Chancen auf eine Finalteilnahme verspielen kann.
Albas temporäre Schwäche könnte Oldenburgs Chance sein. Seit Jahren ist der Club bemüht, mit viel Geld einen echten Titelanwärter zu formen - mit bislang eher durchwachsenem Erfolg. Vergangene Saison scheiterte das Team von Trainer Pedrag Krunic im Halbfinale an den Berlinern, doch dieses Jahr scheinen die Norddeutschen bereit für mehr zu sein. Mit Jason Gardner kommt der wertvollste Spieler der Hauptrunde aus Oldenburg, mit Rickey Paulding ergänzt ihn ein außergewöhnlicher Flügelspieler, der gleichsam gut Dreier trifft wie spektakulär stopfen kann.
Oldenburg ist gereift, eine Mannschaft, die Kraft mit Leidenschaft vereint und ihre besten Spieler hat halten können. Wenn es eine Schwäche gibt, dann die geringe Tiefe der Bank. Doch für Bamberg hat es bislang gereicht, das erste Spiel im Halbfinale gewannen die EWE Baskets am Sonntag 82:74. Siegt Oldenburg am Donnerstag auch in Bamberg, ist die Tür zum Finale weit offen.
Neben der Titelfrage ist weiter unklar, wie die Zukunft der Basketball-Bundesliga in Zeiten der Wirtschaftskrise aussieht. Mit Nördlingen hat am Pfingstwochenende der erste Verein seinen freiwilligen Rückzug bekannt gegeben - aufgrund von Finanzproblemen. Mit Giessen und Köln schrammten in der laufenden Saison zwei Vereine knapp an der Insolvenz vorbei. Köln ist weiter auf der Suche nach Sponsoren für die nächste Saison. Gesellschafter Jürgen Wollny sagte, er sei zuversichtlich.
Bei den Paderborn Baskets, die in den vergangenen Monaten laut über einen Rückzug in die zweite Liga nachgedacht hatten, scheinen sich die wirtschaftlichen Aussichten verbessert zu haben: "Ich gehe nach dem aktuellen Stand davon aus, dass wir die Auflagen der Liga erfüllen können", sagte Vereinspräsident Wolfgang Walter SPIEGEL ONLINE.
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