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19.06.2009
 

Flush Hour

Zwitscherndes Großmaul

Phil Hellmuth ist der Rekordmann des Poker: Die meisten Bracelets, die größte Klappe. Doch bei der World Series läuft es nicht für den Ego-Riesen. Unser Kolumnist Lasse König hat sich das Desaster drei Wochen lang über Twitter angeschaut und überrascht festgestellt: Der Mann ist richtig sympathisch.

Er nennt sich ganz bescheiden "bester Pokerspieler der Erde". Er sagt über sich, er habe "Texas Hold'em revolutioniert". Er hat eine eigene Kleiderkollektion, er hat Bücher geschrieben, Millionen verdient und Rekorde gesammelt wie andere Menschen Briefmarken. 11 Bracelets, 41 Finaltischteilnahmen, 70 Mal im Geld - alles bei der World Series of Poker. Würde ihn jemand Pokergott nennen, Phil Hellmuth Jr. würde ganz sicher sagen: "Hey! Gott dieser f***** I**** hätte ver***** nochmal keine ver****** Chance gegen mich."

Am Pokertisch wirkt der Mann wie eine explosive Mischung aus Klassenclown und Streber. Und man kann Hellmuth auch hassen für sein hochhausgroßes Ego, gerade als Nordeuropäer. Seine Sprüche sind legendär, "Pokerbrat" oder "Hellmouth" nennen ihn die Profis deshalb, halb respektvoll, halb genervt. Aber seine Klasse ist so unbestritten, dass ihn die Kollegen so gern am Tisch haben wie Schimmel im Haus.

Ich ging Anfang Juni davon aus, dass ich ganz sicher bald über Hellmuth schreiben würde. Die WSOP hatte begonnen und der Mann wollte sein zwölftes Armband, seinen x-ten Rekord oder -wenn alles schief ging - wenigstens ein paar "Idioten aus Nordeuropa" Lektionen erteilen. Ich war so sicher, dass ich über die erfolgreiche Titeljagd eines grinsenden Großmauls schreiben würde, dass ich den Twitterfeed von Hellmuth abonnierte.

Ich war so sicher.

Doch was passierte? Statt überheblichen Statements (gegen andere) oder überschwänglichen Lobhudeleien (auf sich selbst) las man größtenteils verzweifelte Kurznachrichten. Monologe aus Wut, Enttäuschung und Ärger:

  • "Ich bin raus! Wow, es gibt hier ein paar richtig schlechte Spieler. Ich fühl mich gerade schlecht. Rauszufliegen kotzt mich echt an."
  • "Obwohl sie mich (aus dem Harrah's Hotel) rausgeschmissen haben, erkannte der Typ vom Vip-Service mich und hielt mir die Hotel-Suite frei. Inzwischen bin ich aus dem Turnier raus." (Hellmuth entschuldigte sich später bei Harrah's. Aus dem Turnier war er trotzdem raus)
  • "Ok, ich bin soo frustriert."
  • "Ich hab seit 50 Händen keinen Pott mehr gewonnen. Die Antes fressen mich auf. Bin jetzt All-in mit dem Bigblind. Vor einer Stunde böser Bad Beat."

Immer noch kein Bracelet. Das eine oder andere achtbare Ergebnis, nichts davon Hellmuth-like. Ich schwankte zwischen Schadenfreude und Mitleid, mit deutlicher Tendenz zu Ersterem. Geschah es ihm nicht eigentlich recht? Große Klappe, nichts dahinter? Ich fühlte mich wohl wie einer dieser Kreisligatrainer, die sich insgeheim freuen, wenn Felix Magath verliert. Oder vielleicht besser Christoph Daum. Aber mit der Zeit passierte das Unfassbare: dieser Kerl wurde mir sympathisch. Mittlerweile muss ich sogar zugeben, dass ich Phil Hellmuth-Fan bin.

Twitter gilt ja neuerdings als der Beleg für den Triumph des Bürgerjournalismus. Ob Terror in Mumbai oder Demonstrationen in Iran - der Kurznachrichtendienst ist in medialen Ausnahmesituationen die authentischste und oft einzige Quelle für die Medien. Außerdem soll Twitter auch unter Beamten sehr beliebt sein. Gespräche, die früher auf dem Flur geführt wurden bei Kippen und Kaffee, finden jetzt im Internet statt. Man muss sich weniger bewegen. Und Arbeit ist auch eine Ausnahmesituation!

Auch Pokerprofis haben Twitter für sich entdeckt. Immerhin sind sie in ihrer Wahrnehmung andauernd in irgendwelchen Ausnahmesituationen und jeder soll darüber Bescheid wissen. Daniel Negreanu zum Beispiel scheint jede Bewegung, die er macht, zu twittern. Vanessa Rousso twittert, wenn sie auf dem Balkon sitzt und ihren Kaffee trinkt. Mike Matusow twittert, dass er gerade an die Bar geht. Phil Ivey lässt twittern. Und Hellmuth ist einer exzessivsten aller twitternden Pokerprofis.

Aber eben auch der authentischste.

Hellmuth schreibt zum Beispiel von der Begegnung mit einem Fan. Dieser habe ihm gesagt, dass dessen Mutter "zwei Jahre länger lebte - wegen MIR". Man kann sich regelrecht vorstellen, wie elektrisiert Hellmuth ist, dass es neben ihm auch noch andere Menschen gibt, die ihn überhöhen.

Hellmuth fährt auch mal mit Ivey durch die Gegend oder mit 80 Meilen pro Stunde durch Vegas, nur um dann plötzlich in die Eisen zu gehen und mit quietschenden Reifen stehen zu bleiben ("truck behind me lucky no harm!"). Das ist großes Kino, obwohl sich sicher da draußen der eine oder andere Hellmuth-Hasser gewünscht haben wird, LKW-Fahrer geworden zu sein.

Am sympathischsten bleibt aber der leidende Hellmuth. Der nach einem Turnieraus auf drei zusammengeschobenen Stühlen im Casino liegt und sich ärgert, zweifelt. "Was ist los mit mir?", "Ich bin immer noch down, ich mache mir zu viele Gedanken. Es war schon immer so und wird wohl auch immer so sein."

Er würde sicher auch in Hollywood eine gute Figur machen, dieser Phil Hellmuth Jr. Er ist vielseitig, das grinsende Großmaul, der kämpferische Perfektionist, der leidende Verlierer. Das Drehbuch dieser WSOP ist jedenfalls noch nicht zu Ende geschrieben. Wie es enden wird, ist Hellmuth aber schon klar. Irgendwann erhebt er sich von dem Stuhlbett im Casino und sagt: "Aber jetzt muss ich aufstehen, denn eins ist klar: Ich werde wiederkommen!"

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