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20.06.2009
 

Klitschko vs. Tschagajew

Stahlhammer trifft Giftzwerg

Aus Gelsenkirchen berichtet Mike Glindmeier

60.000 Fans, zwei Box-Schwergewichte mit zusammen 63 Knock Outs: Der Kampf zwischen Wladimir Klitschko und Ruslan Tschagajew in der Arena auf Schalke ist rekordverdächtig. Einige Spielverderber sehen in dem Fight jedoch ein Gesundheitsrisiko - für die Zuschauer am Ring.

Bei diesem Kampf fehlen selbst Fritz Sdunek die Worte: "Ich sag dazu nichts", so die Trainerlegende, die normalerweise vor großen Fights ihre Expertise für SPIEGEL ONLINE abgibt. Einer dieser großen Kämpfe steht am Samstagabend (23 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf dem Programm, wenn der dreifache Weltmeister Wladimir Klitschko auf Ruslan Tschagajew trifft. Doch diesmal ist der Gewissenskonflikt für Sdunek zu groß. Der 62-Jährige trainierte früher Wladimir Klitschko, als dieser noch beim Hamburger Universum Boxstall unter Vertrag stand. Die Klitschkos verließen Sduneks Arbeitgeber 2004 im Streit. Während Wladimir seit dem Trennungsjahr auf Emanuel Steward als Trainer setzt, ist Bruder Witalij Sdunek treu geblieben.

Sdunek wiederum ist weiterhin bei Universum angestellt. Der Stall, aus dem Wladimirs Herausforderer Ruslan Tschagajew kommt. Boxen ist immer auch ein bisschen Politik. Sdunek tut gut daran, auf Diplomatie zu setzen, schließlich sitzt er zwischen den Stühlen - und deshalb am Samstagabend auf der heimischen Couch. "Ich bin weder in der Arena noch im Gym", so Sdunek.

Universum hat für den großen Abend zum Public Viewing geladen: Auf einer Großbild-Leinwand in der Trainingshalle im Hamburger Stadtteil Wandsbek will die "Universum-Familie das Duell um die Krone im Schwergewicht" verfolgen, gemeinsam mit "Boxern, Mitarbeitern, Gönnern und Fans die Daumen für Tschagajew drücken", heißt es in der Einladung.

Bei aller Diplomatie und Euphorie wird den meisten Besuchern eines klar sein: Tschagajew (25 Siege/17 K.o., ein Unentschieden) ist der krasse Außenseiter. Der WBA-Weltmeister im Wartestand zeigt sich einen Monat nach dem Rückschlag rund um die Absage des Walujew-Kampfes trotzdem extrem selbstbewusst: "Ich bin kleiner, aber ich bin giftig. Darauf muss er sich mit seiner Größe auch einstellen", so Tschagajew. Als Rechtsausleger ist Tschagajew unangenehm und besonders dann gefährlich, wenn er gegen größere Rivalen antritt.

Klitschko ist 15 Zentimeter größer als der Usbeke - und er weiß, dass er den Ersatzmann für den verletzten Herausforderer David Haye keineswegs unterschätzen darf: "Ich muss beweisen, dass ich der stärkste Mann im Schwergewicht bin, und das werde ich auch", sagte der 33-Jährige, der 52 seiner 55 Profikämpfe gewonnen hat, davon 46 durch K.o. "Ich werde alles für das Kampf-Motto 'Knockout auf Schalke' tun. Ich freue mich wahnsinnig auf diese 60.000 Zuschauer, die live dabei sind", sagte der Ukrainer.

Weil das Dach des WM-Stadions geschlossen sein wird, bedeutet dies wohl Europarekord für eine Indoor-Veranstaltung im Boxen. 2007 hatten Joe Calzaghe und Mikkel Kessler vor 51.000 Zuschauern im damals geschlossenen Millennium Stadium in Cardiff gekämpft. Tschagajew will sich davon nicht beeindrucken lassen: "Ich freue mich auf Klitschkos Gürtel, die ich ihm abnehmen werde."

Ärztevereinigung fordert Kampfabsage

Hinter den beiden Spitzenathleten liegen nicht nur drei Monate harte Vorbereitung, sondern auch turbulente drei Wochen. Am Kampftag 30. Mai sagte der finnische Box-Verband wegen Tschagajews Hepatitis-B-Infektion den WM-Fight gegen WBA-Weltmeister Nikolaj Walujew in Helsinki ab. Wenige Tage später platzte das Duell zwischen Klitschko und dem Briten David Haye, weil der sich im Training verletzt hatte. Innerhalb kurzer Zeit einigten sich die Klitschko Management Group und die Universum Box-Promotion auf einen Ersatzkampf.

In dieser Woche ging der Wirbel um die Gesundheit des Herausforderers aber erst richtig los. Der Berliner Box-Manager Mario Pokowietz und am Donnerstag dann die Vereinigung der US-Ringärzte hatten wegen der gesundheitlichen Risiken für die Menschen unmittelbar am Ring eine Absage des Kampfes gefordert. Das Gesundheitsamt Gelsenkirchen sieht sich aufgrund der vorliegenden medizinischen Fakten aber nicht zum Einschreiten veranlasst.

"Wir haben uns mit den Medizinern beraten und halten das Risiko einer Ansteckung für so gering, dass es hinter den Bedenken zurücksteht", sagte Gelsenkirchens Gesundheitsdezernentin Henriette Reker. Tschagajew ist Träger eines sogenannten Hepatitis-B-Antigens, in seinem Blut zirkuliert aber kein Virus. Die Wahrscheinlichkeit einer Infektion bezeichnet sein Arzt Michael Ehnert als "gleich Null". Weltmeister Klitschko ist zudem gegen Hepatitis B geimpft.

Ein weiterer Streitfall ist dagegen geklärt: Tschagajews Titel als "WBA-Weltmeister im Wartestand" steht gegen Klitschko nicht auf dem Spiel. Universum-Chef Klaus-Peter Kohl hatte einen entsprechenden Sonderantrag gestellt. Dem wurde stattgegeben - trotz des Protests von Walujew-Promoter Wilfried Sauerland. Somit steht fest: Auch nach dem Rekordkampf wird es vorerst weiter zwei WBA-Weltmeister im Schwergewicht geben. Boxen ist eben auch immer ein bisschen Politik.

Mit Material vom sid

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