Ich war schonmal hier. Zwei Wochen ist es her, da war der Ace Club in Hamburg zur Stätte meines bis dato größten Triumphes geworden. Ein Freeroll-Turnier mit 20 Teilnehmern, bei dem sich der Zweitplatzierte über einen Longdrink seiner Wahl freuen durfte und der Erste über einen Punkt für die Quartalswertung.
Ich spielte so zurückhaltend, dass jedes scheue Reh auf einer Lichtung gegen mich aggressiv gewirkt hätte. Aber es funktionierte. Am Finaltisch merkte ich irgendwann, dass ich Chipleader war - und am Ende saß ich einem jungen Mann gegenüber, dem ich den Longdrink mehr gönnte als mir. Er war machtlos gegen J-8.
Am Samstag kehrte ich zurück. Ich hatte auch viel zu lange gewartet.
Es hat verdammt viele Lesermails in den vergangenen Wochen gegeben. Oder Foreneinträge. Und die meisten gingen so: "Ist ja schön und gut und lustig, etwas über Phil Hellmuth zu lesen. Und ja, die fünf Asse sind auch sehr witzig, wir haben sehr gelacht. Aber was machst DU eigentlich?"
Ich habe daraufhin mehr Demut vor dem Leser gelobt, und mich außerdem auch gefragt, was ich eigentlich mache. Private Pokerrunden, online Spielgeld-Gezocke, Bücher lesen, in Foren stöbern. Mir fiel ein, dass ich ein Ziel habe. Sich ein Jahr vorzubereiten und es dann schleifen zu lassen ist ungefähr so wie ein Jahr Abnehmen und dann eine Woche bei Ronald McDonald einziehen. Vollpension.
Es musste was passieren.
Der Ace Club ist nicht leicht zu finden, er hat sich versteckt. Man muss in einen Hinterhof am Hans-Albers-Platz in Hamburg St. Pauli, dann durch eine Tür und eine schmale Treppe in den zweiten Stock. Menschen mit Konditionsproblemen kommen oben an und hecheln, Menschen ohne Konditionsprobleme atmen auch schwer - wenn sie Nichtraucher sind. Hier darf zwischen sechs Pokertischen gequalmt werden. Aber ich habe ohnehin wieder angefangen.
Ich sitze an einem offenbar lustigen Tisch, ein Mann mit Baseballcap erzählt gerade einen anzüglichen Witz über eine Frau und die Nachbarschaft. Alle lachen. Wahrscheinlich wollen sie ihn nur milde stimmen, die Baseballkappe soll ein sehr guter Spieler sein. Ich lache präventiv auch mal. Kurz zuvor hat jemand von einem Video erzählt, in dem Daniel Negreanu gegen Gus Hansen verliert. Er habe das gerade erst im Internet gesehen. Ich tue ahnungslos.
An diesem Abend wird ein Deepstack-Turnier gespielt. Deepstack-Turniere beginnen mit vielen Chips, hier sind es 5000. Diese Art von Turnier, so heißt es, soll auch Anfängern Spaß bringen. Aber ich als Defätist muss natürlich sofort daran denken, dass ich einen größeren Kredit genauso schnell ausgeben würde.
Mein Stapel reduziert sich relativ schnell. Ich spiele loose, raise mit Suited Connectors, calle mit A-6 aus früher Position. Die Baseballkappe und ein Typ, der aussieht wie John Goodman vor 20 Jahren, spielen wenig und gewinnen viel. Ich fühle mich immer mehr wie ein Kind, das einen Roman liest: Keine Bilder. Kein König, keine Dame, nichts. Nach etwa einer Stunde bekomme ich Könige und verdopple, nach anderthalb halte ich A-J in der Hand und gewinne den zweiten Pott. Es soll der letzte bleiben.
Ich bekomme an diesem Abend eine Lektion, wie komplex das Spiel wirklich ist. Odds und Outs und Fold-Equitys ausrechnen, die Position am Tisch ausnutzen, nach gegnerischen Tells schauen, die Stacks im Auge behalten, die eigenen Hände analysieren und die der Gegner. Multitasking ist noch nicht so meine Sache.
Ich hätte ansonsten bemerken können,
Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Aber ich bemerke nichts von alledem, weil ich erst leichtsinnig spiele und mich danach ausschließlich darauf konzentriere, keine Fehler mehr zu machen. Die Lockerheit fehlt und auch die Aggressivität im richtigen Moment. Eine Mischung aus Günter Netzer und Jürgen Kohler müsste man sein. Ein technisch versierter Holzfäller. Es ist wohl wirklich alles eine Frage des Trainings. Und manchmal auch des Glücks.
John Goodman wird es ähnlich sehen. Er fliegt kurz nach mir raus. Verdient hatten wir es beide.
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