Von Andreas Morbach, Rom
Das Schönste an diesem heißen Dienstagabend in Rom war für Michael Phelps der Gedanke an den nächsten Morgen. "Kein Vorlauf - ich kann ausschlafen", freute sich der angeschlagene Superstar der Branche über einen ausgedehnten Schlummer in seiner Herberge. Eher war allerdings damit zu rechnen, dass Phelps nicht so rasch in den ersehnten Schlaf fallen würde. Verantwortlich dafür war Paul Biedermann, der Praktikant der Halleschen Wasserwerke, der in der italienischen Metropole gerade die Schwimmwelt aus den Angeln hebt.
Erst tilgte er mit der Bestmarke des Australiers Ian Thorpe über 400 Meter Freistil den "stärksten Weltrekord von allen" (Phelps) aus den Statistiken, dann fiel ihm der Schöpfer des achtfachen Weltwunders von Peking zum Opfer. Acht Goldmedaillen bei acht Starts hatte Michael Phelps bei den Olympischen Spielen in China vor einem Jahr abgeräumt. Doch nun wurde er von diesem unheimlichen Deutschen namens Biedermann besiegt und vorgeführt - ausgerechnet auf seiner Paradestrecke, den 200 Meter Freistil. Da half dem Mann, der nach Olympia wegen Marihuana-Konsums, anschließender Verbandssperre und genereller Unlust am Schwimmsport ein halbes Jahr keinen Wettkampf bestritten hatte, auch die zweitschnellste Zeit, die er in seinem Leben über die vier Bahnen Kraul je geschwommen ist, nicht weiter.
So schnell wie an diesem Dienstag um 18.07 Uhr Ortszeit stürmte Michael Phelps deshalb auch noch nie aus einem Schwimmstadion. Nicht eine Sekunde verschwendete er darauf, Paul Biedermann, diesem Wunderknaben aus Deutschland, zu dessen phänomenalem Erfolg im Foro Italico zu gratulieren. Dabei war der Weg so nah: Phelps hing auf Bahn drei fassungslos an der Trennleine, und auf Bahn vier stieß Biedermann den Zeigefinger seiner rechten Hand gerade wuchtig in den Himmel. Als Weltmeister über 200 Meter Freistil - vor allem aber: Als Bezwinger des großen Amerikaners, des 14-maligen Olympiasiegers, der bis vor kurzem noch als unbesiegbar galt.
Nun ist das schwimmende Heiligtum befleckt. Vor lauter Unbehagen ließ sich der gestürzte König vom Australier Kenrick Monk nur noch rasch den Reißverschluss seines Schwimmanzugs öffnen - während er Biedermann keines Blickes würdigte. Damit, dass er eineinhalb Stunden später noch zu seinem Halbfinale über 200 Meter Schmetterling antreten musste, hatte die eilige Flucht sicherlich nichts zu tun. Stattdessen ahnte Triumphator Biedermann, was Michael Phelps die Stimmung verdorben hatte: "Was soll ich sagen? Er ist achtfacher Olympiasieger, und ich habe ihn auf seiner Spezialstrecke geschlagen."
In irgendeiner Ecke, erzählte der 22-Jährige später, habe ihm der Amerikaner dann aber doch noch ein anerkennendes "good race" zugerufen. Ein ordentliches Rennen - keine Frage. "Ich habe mich geehrt gefühlt", sagte Biedermann. Wobei der Umstand, dass der Hallenser auch Phelps' Weltrekord von Peking in 1:42,00 Minuten unterbot, nach seinem ersten Glanzlicht am Sonntag fast schon unterging.
Binnen zwei Tagen hat Biedermann absolute Top-Zeiten zweier Schwimm-Koryphäen unterboten. Thorpe habe ihm aus dem fernen Australien einen wohlmeinenden Kommentar geschickt, berichtete der Doppel-Weltmeister von Rom nach seinem zweiten Coup und gab den Inhalt der Nachricht wieder: "Das warst auch du, nicht nur der Anzug." Aber nur Biedermann, der sich Anfang des Jahres das Epstein-Barr-Virus eingefangen hatte und fünf Wochen überhaupt nicht trainieren konnte, weiß, was zu diesen Wundern am Tiber so alles beigetragen hat. Neben ihm und dem Superanzug seines Ausrüsters.
Vor dem Start schien es fast, als plage Biedermann, der schon im Vorlauf deutlich schneller war als Phelps, die Angst vor der eigenen Courage. Am Vorabend, als er den US-Konkurrenten im Halbfinale im indirekten Duell über eineinhalb Sekunden davon geflogen war, wäre er am liebsten sofort wieder ins Becken gesprungen, um den angeschlagenen Herrscher des Pools an Ort und Stelle zu stürzen.
Als sein großer Moment dann gekommen war, schien sich Biedermann kaum auf den Beinen halten zu können. Aber der Fan krachender Musik musste ja nicht gegen Phelps rennen, sondern schwimmen. Kaum hatte er sein Jubelbad in der Menge abgeschlossen, nahm Biedermann sehr zurückhaltend zur aktuellen Verfassung von Phelps Stellung. "Michael", weiß auch der neue DSV-Star, "ist noch nicht wieder der Alte."
Biedermann, der an diesem Dienstag fast eine Sekunde unter Phelps' Bestmarke blieb und den um ein Jahr älteren Kollegen auf Rang zwei um 1,22 Sekunden hinter sich ließ, sieht aber trotz allem noch Verbesserungsmöglichkeiten: "Beim Start und bei den Wenden hat er Vorteile, deswegen musste ich ihn während des Rennens schlagen."
Das ist ihm fulminant geglückt - und dank der Fina-Entscheidung werden die jüngsten, in hypermodernen Kunststoffanzügen erzielten Weltrekorde auch Bestand haben. Wobei Biedermanns Gala-Vorstellung in jeder Hinsicht historisches Ausmaß besitzt: Seit der Niederlage im olympischen "Kampf der Giganten" 2004 in Athen, als er Thorpe und dem Niederländer Pieter van den Hoogenband unterlag, hatte Phelps bis Dienstagabend kein Rennen über 200 Meter Freistil mehr verloren.
"Man sieht es nicht alle Tage, dass einer seine Bestzeit um sechs Sekunden verbessert", hat der US-Schwimmer Biedermanns Superrennen über die doppelte Distanz bereits skeptisch hinterfragt. Nun meinte er nur: "Heute ist der härteste Tag für mich. Er" - gemeint war Biedermann - "ist gerade einfach in einer besseren Verfassung." Sprachs - und versuchte dann, Schlaf zu finden.
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