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17.08.2009
 

Handball in Stralsund

In den Sund gesetzt

Talente abgewandert, Trainer auf dem Arbeitsamt: Die Insolvenz des Stralsunder HV trifft Fans, Spieler und Offizielle in der Ostseestadt hart. Dabei wäre der Niedergang zu verhindern gewesen. Im "Handball-Magazin" schildert Stefan Ehlers die Folgen der Talfahrt beim Traditionsverein.

Nur einen Steinwurf vom Ortseingangsschild Stralsunds entfernt betreibt Sylvio Ney einen Autohandel mit Werkstattservice. Der 31-jährige ehemalige Kreisläufer trägt ein schwarzes T-Shirt und eine blaue Arbeitskombi. Er hat gerade die Motorhaube einer Mercedes-Limousine geöffnet, als Zdenek Vanek hupend vorfährt. Die beiden Zwei-Meter-Hünen begrüßen sich per Handschlag. "Ich wollte dich zum Geburtstag einladen - Sonntagnachmittag", sagt Vanek.

Torwart Levshin (r.): Einer von vielen abgewanderten Spielern
DPA

Torwart Levshin (r.): Einer von vielen abgewanderten Spielern

Der 168-malige tschechische Nationalspieler Vanek ist auf Stippvisite in der Hansestadt. Mit der Insolvenz seines Arbeitgebers und dem damit verbundenen Absturz in die Oberliga war er von heute auf morgen seinen Job als Trainer des Stralsunder HV los. Seinen Dienstwagen hat er bereits zurückgegeben.

Auch auf dem Arbeitsamt war er schon. Beim Behördengang traf Vanek mehrere Bekannte: Cindy Fedor, ehemalige Assistentin der Geschäftsführung; Christa Bönsch, über ein Jahrzehnt lang die gute Seele des SHV-Büros; oder Rocco Pantermöller, der als Videomann die Spiele der Sundstädter ins rechte Bild rückte.

"Das vergangene Jahr", sagt Vanek nachdenklich, "war für alle eine extreme Erfahrung." Der frühere Abwehrstratege hätte es sich in der zurückliegenden Katastrophen-Saison mit akuten finanziellen und personellen Problemen und Spieler-Zwangsverkäufen leichtmachen und einfach die Brocken hinwerfen können. Doch er kämpfte - letztlich vergeblich. "Ich möchte einfach ein paar Tage abschalten", sagt der Tscheche und fügt hinzu: "Es hätte nicht so bitter enden müssen." Die Talfahrt sei absehbar gewesen und habe bereits vor zwei, drei Jahren begonnen.

Diese Ansicht vertritt auch Dieter Vetter. "Die Marketing GmbH hat auf Pump gelebt", analysiert der SHV-Vize. Auf Jahre voraus seien Sponsorenbeiträge genutzt worden, um Löcher zu stopfen. "Wir hätten die Erste Liga gar nicht besetzen dürfen", sagt Vetter rückblickend. "Es herrschte mehr Optimismus als Realitätssinn. Das ist der GmbH auf die Füße gefallen." Angesichts eines Etatlochs in Höhe von gut 800.000 Euro drohte dem wirtschaftlichen Träger des Bundesliga-Absteigers bereits im Herbst 2008 der Kollaps.

Damals konnte die Insolvenz mit Hilfe eines Kredits in Höhe von 320.000 Euro, der innerhalb der kommenden drei Jahre getilgt werden sollte, abgewendet werden. Das Konzept der Entschuldung sei der richtige Weg gewesen, betont Vetter, auch wenn es letztlich durch die Lizenzverweigerung über den Haufen geworfen worden sei. "Hätten wir unsere Hausaufgaben erledigt, wäre es zu diesem Desaster nicht gekommen. Ich verwahre mich davor, der Liga den Schwarzen Peter zuzuschieben."

Spitzenspieler flüchten zu anderen Vereinen

Die Auflösungserscheinungen sind in vollem Gange. Felix Herholc steht ab sofort beim Regionalligisten HSV Bad Blankenburg zwischen den Pfosten. Torhüter Igor Levshin, Vaneks Sohn Jakub und der 2,01 Meter große Linkshänder Bert Hartfield sind beim Zweitligisten Post Schwerin untergekommen. Frank Wahl verlängerte beim HSV Peenetal Loitz. Sven Präkels, der von den Drittligisten in Doberan und Neubrandenburg umworben wird, macht deutlich: "Aus Mitleid bleibt niemand." Auch Christian Schwarz, Christian Schwerin, Eric Hoffmann und Benjamin Hinz haben mehrere Angebote. Vielleicht können der Verbleib von Spielmacher Martin Brandt sowie die Rückkehr der Routiniers Markus Dau und Benny Lindt ein Zeichen setzen.

Ungewiss ist indes die Zukunft von Sylvio Ney. Der Kreisläufer, der aufgrund der personellen Nöte in der Vorsaison mit 31 Jahren zu einem unverhofften Bundesliga-Debüt kam, schlug ein "gutes Angebot aus Loitz" zugunsten des vermeintlichen Zweitligisten SHV aus. Stralsund sei für ihn Herzenssache, "und es war super, dass ich elf Spiele in der Ersten Liga machen konnte, aber dabei ist auch vieles auf der Strecke geblieben - familiär und beruflich". Ney würde gern weiter für den SHV spielen, erwartet aber ein klares Konzept: "Ich muss nicht meine Knochen hinhalten, wenn's keine Perspektive gibt."

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