Roland Scholl, Vorsitzender des 65-köpfigen Fanklubs De Stralsunner, hätte sich Milan Berka als Spielertrainer gewünscht. "Das wäre der richtige Mann gewesen. Er ist eine Integrationsfigur", begründet er. Neben ihm hat der Tscheche Berka Platz genommen - und winkt ab: "Ich habe noch eine kleine Chance, zur EM nach Österreich zu fahren. Dazu muss ich mindestens bei einem Zweitligisten spielen."
Veronika Elsner (19), Altenpflegerin im St. Josef, gehört zu den engagiertesten Anhängern. 223 Unterschriften sammelte sie für den Verbleib des SHV und schickte diese an die HBL. "Stralsund ohne Handball ist wie der Sund ohne Wasser", begründet sie ihr Engagement. Mit dem Profihandball verliert die 55.000 Einwohner zählende Hansestadt, die mit einer Arbeitslosenquote von 17 Prozent zu kämpfen hat, eines ihrer Aushängeschilder. Im Sport ist nicht mehr viel los - die Bundesliga-Auftritte der traditionsreichen Gewichtheber locken gerade noch 50 Zuschauer an. Die Volleyballerinnen sind aus der Zweiten Liga abgestiegen. Die Fußballer des FC Pommern kicken in der siebtklassigen Landesliga. Hochkarätige Speedway-Rennen sind rar.
Wo das Team um Michael Philippen und Ulf Ganzert in der kommenden Saison spielen wird, steht in den Sternen. Der Auszug aus der Vogelsanghalle, in der gut tausend Zuschauer Platz finden, scheint beschlossene Sache.
Als Alternative bliebe die kleine, weniger schöne Herder-Halle mit 280 Plätzen. Pläne zum Ausbau der Vogelsanghalle liegen seit Jahren in irgendwelchen Schubladen. "Das Ding hätte längst stehen können. Innen entkernt. 4000 Zuschauer - und fertig. Dann hätte es die finanzielle Misere nicht gegeben", ist sich Scholl sicher. An den Bau der neuen Arena glaubt auch Veronika Elsner längst nicht mehr: "Was soll das jetzt noch?"
Hallenprojekt auf Eis gelegt
Das seit Jahren umstrittene 13,5 Millionen Euro teure Großprojekt mit einem Fassungsvermögen von fast 5000 Zuschauern steht nun endgültig vor dem Aus. Neun Millionen Euro wollte die Stadt beisteuern, zweieinhalb Millionen Euro sollen bereits an den Bauherren Thomas Glöckner von der Glöckner Architekten GmbH in Nürnberg geflossen sein. Doch der bereits für 2007 vorgesehene Baubeginn verzögerte sich immer wieder. Das Land in unmittelbarer Nachbarschaft zur Vogelsanghalle liegt brach.
"Die Stadt Stralsund ist nicht unattraktiv", sagt Claus Runge. Der Präsident des Nordostdeutschen Handball-Verbandes (NOHV) weiß jedoch um die wirtschaftlich schwache Struktur - und malt für die ostdeutschen Vereine ein düsteres Bild. Die Einführung der eingleisigen Zweiten Liga "wird zum Ausschluss von Nordost-Vereinen führen", befürchtet der Hamburger. "Das will der westdeutsch geprägte Handball leider nicht wahrhaben." Im Osten sind die Hallenkapazitäten oftmals nicht ausreichend - siehe Stralsund. "Mit tausend Zuschauern kann man in der Regionalliga spielen, aber das ist nicht Bundesliga-tauglich."
Diese leidvolle Erfahrung musste auch Zdenek Vanek machen. Der Tscheche reicht Sylvio Ney die Hand zum Abschied. Bevor er ins Auto steigt, dreht er sich noch einmal um. "Übrigens, wenn du Zeit zum Angeln hast, ich habe alles dabei." Dann lässt den Motor an und fährt vom Hof. Und er weiß: Eigentlich sollte heute Trainingsauftakt sein.
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