"Theoretisch bin ich im vierten Semester, praktisch im ersten", sagt Zwiebler, der für BWL an der FH in Saarbrücken eingeschrieben ist. Olympiaqualifikation, Olympia, Turniere, Deutsche Meisterschaften - immer wieder musste sich Zwiebler von der Prüfungskommission freistellen lassen. Es ist wie in einem Flugzeug, das Warteschleifen dreht. Zwiebler fliegt zwar weiter, aber er landet nicht. "Ich will in diesem Semester vier Klausuren schreiben", erzählt er.
Er ist der einzige Sportler an der FH. Dort konnte sich lange niemand vorstellen, dass es so was wie Badminton-Profis überhaupt gibt.
Zwiebler könnte es leichter haben und sich nur auf den Sport konzentrieren. Aber genau das will er nicht, er liest viel, macht Sprachkurse. Für einen Studenten in seinem Alter könne er zwar "ganz gut leben", er hat ein paar Sponsoren, den größten Teil der Kosten deckt ein großer Ausrüster. Auch die Sporthilfe beteiligt sich. "Aber ich könnte auch schon mit dem Studium fertig sein", sagt Zwiebler. Die Differenz nennt er "Opportunitätskosten". Und diese Differenz ist groß.
Das schlechte Gewissen
Es ist die Crux, mit der die meisten Randsportler zu kämpfen haben. Sie geben die Aussicht auf einen Uni-Abschluss irgendwann auf, weil sie den Sport nur bis zu einem gewissen Alter machen können. Es ist ein fataler Deal mit sich selbst - weil nach der Karriere oft das Nichts steht. Er habe deshalb oft ein schlechtes Gewissen, was nach dem Sport folgt. "Sicher könnte ich als Badminton-Trainer einsteigen, aber das ist nicht mein Ziel", sagt Zwiebler. "Und ich will auch nicht irgendwo eingestellt werden, weil ich mal bei Olympia war oder gut Badminton spielen kann."
Er wird weiter versuchen, den Spagat zwischen Bildung und Badminton zu schaffen. Weil die WM und ein Turnier in Macau genau im Prüfungszeitraum liegen, hat sich Zwiebler einen dicken Ordner zum Lernen mitgenommen. Sportlich könnte es sogar für die dritte Runde reichen, wenn alles gut läuft. Den Dänen Joachim Persson (Nummer sieben der Welt) hat er im Trainingslager schon besiegt. Persson wäre wohl der Gegner in Runde zwei. Zwiebler ist in Form - nur die äußeren Umstände machen Probleme.
Die deutschen Nationalspieler haben das Hotel noch nicht verlassen, abgesehen von den Fahrten per Bus in die Trainingshalle. Es gibt Gerüchte über Terrordrohungen gegen ausländische Teilnehmer der WM, was die Veranstalter aber dementieren. "Die Zeitungen hier sind voll damit", sagt Zwiebler. Die englische Mannschaft flüchtete am Montag überhastet, in einem Statement kritisierte Commonwealth-Games-Champion Nathan Robertson die angeblich schlechten Sicherheitsbedingungen. Zwiebler sagt, dass sich diese nach der Abreise der Briten verbessert hätten, mittlerweile patrouillierten Soldaten vor den Hotels. Das dänische Team kritisierte die Abreise als völlig überzogen.
"Wir wollen nur noch weg"
Die deutsche Mannschaft entschied sich nach Rücksprache mit der Botschaft fürs Bleiben. Aber es bleibt auch: ein schlechtes Gefühl. Am Samstag feiert Indien den 62. Unabhängigkeitstag. Und die Deutschen wohnen im gleichen Hotel, aus dem die Engländer abreisten. "Wenn wir hier fertig sind, wollen wir nur noch weg", sagt Zwiebler.
Fast hätte er es nicht mal nach Indien geschafft, denn Marc Zwiebler hatte wieder etwas vergessen, diesmal bei einem Rückflug aus Italien. Es war eine Tasche, in der Tasche war ein Reisepass und im Reisepass das Visum für Indien. Zwiebler bemerkte sein Missgeschick 36 Stunden vor seinem Abflug nach Indien. Die Wohnung wurde erfolglos durchsucht, bis der Nationalspieler in der größten Not beim Flughafen Hahn anrief und Glück hatte. Die Tasche war gefunden worden.
Er kann schon wieder drüber lachen.
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