Hamburg - Mit seinem 100-Meter-Lauf in Berlin hat Usain Bolt am Sonntagabend Geschichte geschrieben. Ein Millionenpublikum verfolgte an den TV-Bildschirmen, wie der Jamaikaner der Konkurrenz davonlief - und so schnell die Zielmarke querte wie nie ein Mensch zuvor. Nach Angaben des Marktforschungsinstituts Media Control waren es 9,92 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 33,4 Prozent).
Am Donnerstag könnte sich das Spektakel wiederholen: nach dem Zieleinlauf über 200 Meter. Der 22-Jährige gab sich am Sonntag zwar zögerlich: "Ich bezweifle, dass ich den Weltrekord über 200 Meter brechen kann". Doch: Wer soll ihm das glauben? Der Mann ist auf Siegkurs. Auch der dritte Weltmeistertitel in der 4x100-Meter-Staffel am Samstag gilt als fest eingeplant.
Schlagen kann ihn momentan niemand, das weiß seit Sonntag auch Tyson Gay sicher. Der Amerikaner hatte sich vor dem Rennen als Einziger Hoffnung machen dürfen, Bolt zu besiegen. Doch - welch ein Euphemismus - in 9,71 Sekunden, der drittschnellsten je gelaufenen 100-Meter-Zeit, wirkte der US-Amerikaner trotzdem langsam.
Wie dominant Bolt ist und wie schnell er seine 41 Schritte hinter sich brachte, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Um elf Hundertstelsekunden verbesserte der Jamaikaner seine eigene Bestzeit, aufgestellt in Peking. Es war der größte Sprung seit Einführung der elektronischen Zeitnahme 1968. Damals, bei den Olympischen Spielen in Mexico City, lief Jim Hines 9,95 Sekunden. Donovan Bailey war 1996 elf Hundertstel schneller.
28 Jahre dauerte das Ganze. Bolt brauchte genau eins.
Und trotzdem stapelt der Mann tief. Die anstehende Wiederholung des Duells gegen Gay über 200 Meter sieht Bolt als "noch schwerer" an als die 100 Meter, "weil ich ihm ja den Titel über diese Distanz weggenommen habe", so der Sprinter. Er glaube nicht, dass Gay sonderlich glücklich darüber sei, so Bolt - und dementsprechend motiviert.
Dabei steht noch nicht fest, ob der 27-jährige US-Amerikaner sich die 200 Meter überhaupt antun wird. "Meine Leiste macht Probleme", sagte Gay nach dem verlorenen Endlauf. Der dreimalige Weltmeister von 2007 will sich zunächst mit seinen Ärzten beraten, "ich habe Schmerzen gerade. Abwarten, wie die Nacht wird".
Bolt freut sich aber zunächst auf einen anderen 100-Meter-Wettbewerb. Den der Frauen am Montagabend, denn auch dort gilt Jamaika als der große Favorit. Bolts Sieg habe ihr "definitiv einige Energie" für ihr Finale gegeben, erklärte die Titelverteidigerin von Osaka 2007, Veronica Campbell-Brown. In Peking hatte sie Bronze gewonnen, Gold holte ihre Landsfrau Kerron Stewart. Zweite war die US-Amerikanerin Carmelita Jeter geworden - ein Nationenergebnis wie im WM-Männerfinale am Sonntag.
Jamaika vor den USA - an dieses Bild wird man sich auch in Berlin gewöhnen müssen.
| 100-Meter-Weltrekorde | |||
| ZEIT | NAME | JAHR | ORT |
| 10,60 | Donald Lippincott/USA | 1912 | Stockholm |
| 10,20 | Jesse Owens/USA | 1936 | Chicago |
| 10,00 | Armin Hary/Deutschland | 1960 | Zürich |
| 9,95 | James Hines/USA | 1968 | Sacramento |
| 9,92 | Carl Lewis/USA | 1988 | Seoul |
| 9,86 | Carl Lewis/USA | 1991 | Tokio |
| 9,84 | Donovan Bailey/Kanada | 1996 | Atlanta |
| 9,79 | Maurice Greene/USA | 1999 | Athen |
| 9,77 | Asafa Powell/Jamaika | 2005 | Athen |
| 9,74 | Asafa Powell/Jamaika | 2007 | Rieti |
| 9,72 | Usain Bolt/Jamaika | 2008 | New York |
| 9,69 | Usain Bolt/Jamaika | 2008 | Peking |
| 9,58 | Usain Bolt/Jamaika | 2009 | Berlin |
goe/AP
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