ThemaDopingRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
18.08.2009
 

Dopingopfer Krieger

Vom Staat missbraucht

Von Maik Großekathöfer

Heidi Krieger begann als junges Mädchen eine Sportlerkarriere in der DDR. Das systematische Doping brachte ihr Erfolge - doch die Hormone veränderten ihren Körper. Heute heißt der Star von damals Andreas Krieger, eine Geschlechtsumwandlung ermöglichte ihm ein neues Leben.

Der Mann, der früher mal eine Frau war, steht in Magdeburg auf dem Bürgersteig und raucht. Andreas Krieger, geboren als Heidi Krieger am 20. Juli 1965, schnippt die Kippe auf die Straße und geht in seinen Laden. Über der Tür des Geschäfts weht eine kleine Deutschland-Fahne.

Krieger verkauft Bundeswehrhosen, Feldjacken und Armee-Rucksäcke, es war noch kein Kunde da heute morgen. Im Hinterzimmer kramt er eine gelbe Kiste aus dem Schrank. Es kommen zum Vorschein: eine hellblaue DDR-Trainingsjacke und ein weißes Leichtathletik-Trikot, Startnummern und Urkunden, Medaillen von DDR-Meisterschaften und Spartakiaden, von Welt- und Europameisterschaften. "Alles Sperrmüll", sagt Krieger.

Heidi Krieger war in der DDR eine Spitzenathletin. Vor zwölf Jahren ließ sie sich umoperieren zum Mann, sie konnte keine Frau mehr sein, weil ihre Trainer sie jahrelang mit Anabolika vollgestopft hatten, ohne dass sie davon wusste.

Andreas Krieger ist ein staatlich anerkanntes DDR-Dopingopfer, eines von 193. Er sagt: "Ich weiß nicht, ob ich ohne diese blauen Pillen heute auch ein Mann wäre oder eine Mutter von fünf Kindern. Ich hatte keine Wahl. Man hat mich meiner Biografie beraubt. Die Trainer und die Sportärzte haben Gott gespielt."

Die Verlockung des Ruhms

Ilona Slupianek wird 1980 in Moskau Olympiasiegerin im Kugelstoßen. Heidi Krieger trainiert beim SC Dynamo und beobachtet, wie Trainer und Funktionäre die neun Jahre ältere Vereinskameradin hofieren, Politiker wollen sich mit ihr zeigen, feiern sie als Star. Ilona Slupianek wird trainiert von Willi Kühl, Heidi Krieger von Lutz Kühl, dem Sohn. Heidi, die sich nach Anerkennung sehnt, beschließt: Was Ilona gerade erlebt, will ich auch mal erleben. Sie hängt sich rein im Training, quält sich.

1980 stößt sie die Kugel 11,93 Meter weit, der Diskus landet bei 33,92 Meter. 1981 schafft sie 14,05 und 45,66 Meter. Sie wird Zweite im Kugelstoßen bei der Spartakiade, und gehört nun zum Kaderkreis II. Ihr Leistungsauftrag für die Saison 1981/82, geschrieben auf rosa Karton, ausgestellt am 7. November 1981, lautet: 15,50 Meter im Kugelstoßen und 53 Meter im Diskuswerfen. Damit soll sie bei den Jugendwettkämpfen der Freundschaft in beiden Disziplinen um Platz eins bis drei kämpfen.

Heidi Krieger wird als "Sportlerin 54" in das Anabolikaprogramm der DDR aufgenommen. Sie ist 16 Jahre alt.

Blaue Pillen für ein höheres Trainingspensum

Im April 1982 nimmt Willi Kühl sie in der Trainingshalle zur Seite. Er trainiert Heidi inzwischen und drückt ihr eine Kugel Silberpapier in die Hand. Darin eingewickelt sind blaue Pillen. Kühl sagt: Das ist ein unterstützendes Mittel, das nimmt jeder, dein Trainingspensum wird höher, die Pillen helfen dir, das zu kompensieren.

Heidi leuchtet das ein. Sie fragt nicht nach, steckt die Pillen in die Tasche und schluckt sie zu den vorgegebenen Zeiten. Sie vertraut ihrem Trainer grenzenlos. Warum sollte er ihr etwas Ungesundes und Verbotenes geben?

1982 schluckt Heidi Krieger in 14 Wochen 885 Milligramm Oral-Turinabol, sie schafft mit der Kugel 16,82 Meter, mit dem Diskus 56,28 Meter. Sie wird dicker, legt Muskelmasse zu, wundert sich darüber aber nicht: Sie ist von zahlreichen Sportlerinnen umgeben, denen es genauso geht.

Der Leistungsauftrag für die Saison 1982/83, datiert vom 20. November 1982: 18 Meter im Kugelstoßen, 60 Meter mit dem Diskus, erwartet wird der erste Platz bei den DDR-Jugendmeisterschaften, außerdem Platz eins bis zwei bei der Junioren-Europameisterschaft.

1983 nimmt Heidi Krieger 1820 Milligramm Oral-Turinabol zu sich, in 22 Wochen. Sie wird Jugend-Europameisterin mit der Kugel und mit dem Diskus. Ihre persönlichen Bestleistungen steigen auf 19,03 und 61,98 Meter. Aus Sicht der Partei erfüllt sie ihr Soll.

Dopingsubstanzen und ihre Wirkung

Epo/HGH

Die Ausdauerleistungsfähigkeit ist wesentlich vom Sauerstoffaufnahmevermögen abhängig. Erythropoetin (Epo), ein Peptidhormon, stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl im Organismus zirkulierender Erythrozyten führt zu einer Verbesserung der Sauerstoffaufnahmekapazität des Blutes und hat damit eine Steigerung der Ausdauerleistungsfähigkeit zur Folge.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet seit mehr als zwölf Jahren den Gebrauch von Epo. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, bei denen Blutarmut auftritt. Epo gehört zur Gruppe der Peptidhormone. Ebenso wie das Wachstumshormon HGH, das zur Behandlung von Kleinwüchsigkeit eingesetzt wird. Das Wachstumshormon HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, mit langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden als Folge. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. Auch bei den Peptid-Hormonen gibt es immer neue Varianten, die mit heutigen Dopingtests nicht erkannt werden. (mit dpa)

Anabolika

Stimulanzien

Narkotika


In Leipzig macht sich der Trainingswissenschaftler Lothar Hinz Sorgen um Heidi Krieger, weil sie bereits als Minderjährige gedopt wurde. In einer vertraulichen Expertise notiert er, dass die "vorzeitige Anwendung" unbegründet ist, da ihr Körper noch nicht voll ausgebildet sei. Auch die hohen Dosen passen ihm nicht. Eigentlich dürfe die Grenze von 1000 Milligramm Anabolika im Jahr "in keinem Anwendungsfall überschritten werden", aber "der härtere Kampf um die Nominierung" dränge die Trainer "zu langen Einsatzzeiträumen und hohen Jahressummen".

Die Ärzte in Berlin mästen Heidi weiter. 1984 geben sie ihr in 29 Wochen 2590 Milligramm Oral-Turinabol. Das ist die doppelte Menge an Testosteron, die ein männlicher Körper im gleichen Zeitraum produziert. Heidi Krieger stößt die vier Kilogramm schwere Kugel zum ersten Mal weiter als 20 Meter. Sie wird in Göteborg Dritte bei den Hallen-Europameisterschafen der Senioren.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
alles zum Thema Doping

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP