Mittwoch, 10. Februar 2010

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17.08.2009
 

100-Meter-Weltrekordler Bolt

Jäger der Hundertstelsekunde

Von Jens Weinreich

Wie realistisch, wie glaubwürdig ist der neue Weltrekord des Usain Bolt? Wenn seine Fabelzeit über die 100-Meter-Strecke tatsächlich auf sauberem Weg zustande kam, gäbe der Ausnahme-Sprinter die hochtechnisierten Doping-Kartelle und deren laufende Kundschaft der Lächerlichkeit preis.

Hamburg - Der Amerikaner Jim Hines blieb bei den Sommerspielen 1968 in Mexiko auf der 100-Meter-Strecke als erster Mensch unter zehn Sekunden. Diese 9,95 von Hines blieben 15 Jahre lang Weltrekord. Dann rannte sein Landsmann Calvin Smith in Colorado Springs - also in ähnlicher Höhenlage wie Mexiko-City - 9,93 Sekunden.

Ab diesem Punkt lohnt sich eine Zahlenspielerei.

Von 1968 bis 1983, über einen Zeitraum von 15 Jahren, wurde der Weltrekord um zwei Hundertstel verbessert.

In den nächsten 15 Jahren, bis zum Sommer 1999, als Maurice Greene in Athen 9,79 Sekunden sprintete, wurde der Weltrekord um 14 Hundertstel verbessert. Greenes 9,79 sind deshalb ein Meilenstein, weil er damit offiziell jenen Rekord markierte, der dem mit Anabolika (Stanozolol) gedopten Ben Johnson bei Olympia 1988 in Seoul noch aberkannt worden war.

Sechs Jahre nach Maurice Greene rannte Asafa Powell 2005, ebenfalls in Athen, 9,77 Sekunden. Er egalisierte diese Zeit zweimal, gewann aber nie eine Weltmeisterschaft und lief im September 2007, nach seiner desaströsen WM-Niederlage gegen Tyson Gay, in Rieti 9,74 Sekunden. Von Greene bis Powell wurde der Rekord also binnen acht Jahren um fünf Hundertstel verbessert.

Oder anders gesagt: Von 1968 bis zum Mai 2008, über 40 Jahre, steigerten die besten Sprinter des Planeten, darunter etliche Doper und des Dopings dringend Verdächtige, die Weltbestmarke um 21 Hundertstel.

Usain Bolt brauchte nur wenige Monate, um den Weltrekord um weitere 16 Hundertstel zu drücken.

Doping-Kartelle der Lächerlichkeit preisgegeben

Bis er Ende Mai 2008 in New York zum ersten Mal explodierte, war er die 100 Meter kaum ernsthaft gerannt, wie immer wieder kolportiert wird. Bis zu jenem Meeting unter karibischen Klängen wurde seine Bestzeit mit 10,03 Sekunden notiert. In New York lief er 9,72 Sekunden - drei Monate später in Peking 9,69. Und wäre er damals nicht ins Ziel gejoggt, sondern konzentriert durchgelaufen, wären es mit Sicherheit bereits 9,5 Sekunden gewesen. Seit dem 16. August 2009, exakt ein Jahr nach seinem Peking-Exploit, ist also die Zahlenfolge 9,58 das Maß aller Dinge. Und Bolt macht durchaus den Eindruck, als könne er demnächst noch schneller sein.

Einige Kernfragen lauten deshalb: Wie kann ein gewiss von der Natur gesegnetes Ausnahmetalent eine ganze Sprint-Industrie und damit auch etliche Doping-Kartelle, die über lange Jahre den Markt beherrschten, der Lächerlichkeit preisgeben? Warum pulverisiert Bolt mit geradezu spielerischer Leichtigkeit jene Resultate, die von Drogen-Netzwerken wie dem des kalifornischen Bay Area Laboratory Co-Operative (Balco) mit wissenschaftlicher Akribie und hoher kriminellen Energie produziert worden sind?

Ist das wirklich nur mit Bolts zweifellos herausragenden physiologischen Parametern (etwa Hebelverhältnisse, Muskelkontraktion) und der Formel "Schrittlänge x Schrittfrequenz = Geschwindigkeit" zu erklären? Hat sich auf dem Ausrüstungssektor (etwa Schuhwerk, Kunststoffbeläge) ausgerechnet seit Mai 2008 ein qualitativer Quantensprung vollzogen? Zumindest die letzte Frage darf mit einem klaren Nein beantwortet werden.

Wie realistisch, wie sauber, wie glaubwürdig sind also diese 9,58 Sekunden? "Das kann wahrscheinlich niemand beantworten", sagt Professor Jochen Mester von der Sporthochschule Köln, Leiter des Instituts für Trainings- und Bewegungslehre. "Es gibt zehn plus einen Grund für Spitzenleistungen. Der elfte Punkt ist natürlich Doping." Als einen herausragenden Aspekt der Leistungsproduktion nennt Mester das Thema Energiebereitstellung. Die Aufgabe, viel Energie in sehr kurzer Zeit an die richtigen Stellen des Körpers zu transportieren, ist deshalb auch ein zentrales Thema der Dopingkartelle.

"Bolt ist ein wirklicher Ausnahmesportler, egal wie die Leistung zustande kommt. Ich würde ihm schon zutrauen, dass er in absehbarer Zeit, in einem halben oder in einem Jahr, eine 9,5 laufen kann", sagt Leistungsdiagnostiker Mester, der den Jamaikaner gern mal an der Sporthochschule untersuchen würde. "Da würden wir ein komplettes Programm mit ihm fahren. Wir würden uns seinen Stoffwechsel ansehen. Wir würden uns seine Anthropometrie ansehen, seine Schnellkraft, seine Reaktionszeiten, eine ganze Menge. Wir könnten auf diesem Wege, glaube ich, schon zur Aufklärung beitragen."

Das wäre eine Idee. Der gläserne Athlet - das ist viel mehr als nur: eine Sport-Ikone.

Zur Wahrheit des modernen Gladiatoren-Sports gehören seit mehr als 20 Jahren auch Hunderte Enthüllungen, Beichten, Untersuchungsberichte, Gerichtsurteile und andere Dokumente, die Methoden der Leistungsproduktion gerade im Sprintbereich der Leichtathletik eindrucksvoll belegen. Es ist gar nicht nötig, tief im Archiv zu wühlen, ein Beispiel soll genügen.

Am Montag lief drei Bahnen links von Bolt der Brite Dwain Chambers. Balco-Kunde Chambers hatte in seiner Autobiografie "My Story" zu Beginn des Jahres, nach Ablauf seiner Dopingsperre, eindrucksvoll die Usancen der Branche geschildert. Mehr als 300 verschiedene Drogen-Cocktails hat Chambers konsumiert. "Ich war nicht nur auf THG, Epo, hGH, sondern auch auf Testosteron, damit ich besser schlafen und Cholesterin abbauen konnte. Ich habe auch Insulin injiziert, drei Einheiten in den unteren Bereich meines Magens nach hartem Training mit Gewichten." Andere Sprinter haben unter Druck und bei Strafandrohung in den vergangenen Jahren Ähnliches berichtet.

Nur Usain Bolt ist eine Ausnahme. Braucht er tatsächlich nicht mehr als Talent, Chicken McNuggets und die Kräfte der jamaikanischen Yam-Wurzel? "Er lernt erst laufen", sagt der ehemalige Weltrekordler Maurice Greene. Die Welt hat erst begonnen, sich zu wundern.

100-Meter-Weltrekorde
ZEIT NAME JAHR ORT
10,60 Donald Lippincott/USA 1912 Stockholm
10,20 Jesse Owens/USA 1936 Chicago
10,00 Armin Hary/Deutschland 1960 Zürich
9,95 James Hines/USA 1968 Sacramento
9,92 Carl Lewis/USA 1988 Seoul
9,86 Carl Lewis/USA 1991 Tokio
9,84 Donovan Bailey/Kanada 1996 Atlanta
9,79 Maurice Greene/USA 1999 Athen
9,77 Asafa Powell/Jamaika 2005 Athen
9,74 Asafa Powell/Jamaika 2007 Rieti
9,72 Usain Bolt/Jamaika 2008 New York
9,69 Usain Bolt/Jamaika 2008 Peking
9,58 Usain Bolt/Jamaika 2009 Berlin

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