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22.08.2009
 

Drittes Gold für Usain Bolt

Der schnellste Clown der Welt

Von Jens Weinreich, Berlin

Leichtathletik-WM: Jamaika gewinnt Staffel-Gold
Fotos
AFP

Letzter Akt für Usain Bolt in Berlin: Mit der Sprintstaffel holte sich der Jamaikaner souverän seinen dritten WM-Titel. Doch die Aufmerksamkeit des Publikums musste er sich diesmal mit anderen Athleten teilen. Auch mit den üblichen Clownerien hielt sich der Fabelsprinter zurück.

Einmal durfte er noch. Der letzte Akt im Circus Maximus zu Berlin. Die letzte große Nummer von Usain Bolt bei diesen Weltmeisterschaften. Es war seine unspektakulärste. Es war gewissermaßen eine Pflichtaufgabe. Nachdem die US-Amerikaner tags zuvor im Vorlauf ausgeschieden waren, kam es für die jamaikanische Sprintstaffel vor allem darauf an, sauber zu wechseln und wenig zu riskieren.

Usain Bolt sollte auf Position drei an den Start gehen und in der zweiten Kurve laufen. Mit schwarzem Basecap und grauem Kapuzenpullover kam er ins Olympiastadion. Wer neuerliche Clownerien erwartet hatte, wurde enttäuscht. Usain Bolt, welch Überraschung, wusste sich einigermaßen zu benehmen. Diesmal korrespondierten "Aktions- und Präsentationsleistung", wie es der deutsche Sportwissenschaftler Eike Emrich formuliert. Emrich ist als Vizepräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) der Intellektuelle vom Dienst im Team der Gastgeber. Er sagt: "Weil immer klar ist, dass er gewinnt, muss Bolt seine Wettbewerbe mit Showelementen und Clownerien aufwerten."

Die Jamaikaner hatten über 4x100 Meter nicht wirklich Probleme, um vor Trinidad und Tobago sowie den Briten zu gewinnen. So blieben sie allerdings, das war mal was Neues, in 37,31 Sekunden um 21 Hundertstelsekunden über ihrem Weltrekord. Bolt schien es egal zu sein. Er kann auch gewinnen, ohne fabulöse Bestmarken aufzustellen. Er schien erleichtert, als es vorbei war. "Da gibt es nicht mehr viel zu sagen", bemerkte er. "Alles wunderbar. Das war die beste WM, die ich je erlebt habe." Am Freitag hatten ihm die Menschen im Olympiastadion ein Ständchen zum 23. Geburtstag dargeboten.

Vielleicht sollte man einmal erwähnen, dass Usain Bolt nicht immer jener Usain Bolt war, den die Welt im Mai 2008 erstmals richtig kennenlernte, als er in New York City seinen ersten Weltrekord über 100 Meter sprintete. Sein erstes WM-Finale lief er als 19-Jähriger im August 2005 in Helsinki - und wurde Letzter. Er humpelte gehandicapt in 26,27 Sekunden ins Ziel. Zur historischen Wahrheit zählt auch, dass er im WM-Finale 2007 vom Amerikaner Tyson Gay geschlagen wurde. Geschlagen? Ja, so steht es in den Annalen, selbst wenn es wie ein Märchen klingt.

Viele Menschen halten Bolt für einen Außerirdischen

"Natürlich bin ich von diesem Planeten", hat Usain Bolt in Berlin mehrfach gesagt. Gut zu wissen. Zumal es viele Menschen gibt, die ihn für einen Außerirdischen halten. Die Auswertung des 200-Meter-Finales vom Donnerstag nährt diese These: Denn Bolt legte die ersten 100 Meter in der Kurve in irrwitzigen 9,92 Sekunden zurück. Laut Ergebnisprotokoll war er 62 Hundertstel schneller als der Zweite, Edward Alonso aus Panama. Der größte Abstand, den es bislang gegeben hat.

An insgesamt sechs Wettbewerben hat Usain Bolt bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking und bei der Leichtathletik-WM 2009 in Berlin teilgenommen. Sechsmal gewann er. Fünfmal lief er Weltrekord. Dreimal wurde er Olympiasieger, nun dreimal Weltmeister. Jeweils über 100 und 200 Meter sowie mit Jamaikas Sprintstaffel.

Schon vor einem Jahr hatte ihn Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zu einer "Ikone" ernannt. Nur: Wofür steht diese Ikone?

Usain Bolt erklärte in Berlin mehrfach, er wolle "zu einer Legende" werden. Das ist er bereits. Nur: Was erzählt uns diese Legende?

Fragen über Fragen an und über den schnellsten Clown der Welt. Er habe in Berlin bewiesen, dass seine Rekorde von Peking kein Witz gewesen seien, sagt Bolt. Tatsächlich? Seine neuen Marken stehen bei 9,58 (100 Meter) und 19,19 Sekunden (200 Meter). Nur: Er hat seine ohnehin schon fabulösen Rekorde zertrümmert und die sonst noch Mitwirkenden, von Konkurrenten kann man ja nicht sprechen, gleichsam der Lächerlichkeit preisgegeben.

Die Liebe muss grenzenlos sein, zwischen Bolt und Berlino und der Hauptstadt

Man wird das Phänomen Usain Bolt weiter ergründen wollen. Heerscharen von Leistungsanalytikern, Dopingjägern, Sportvermarktern und Philosophen werden sich daran versuchen.

Zum Abschluss seiner WM-Darbietungen ließ sich Bolt gemeinsam mit den Staffelweltmeistern Steve Mullings, Michael Frater und Asafa Powell fotografieren. Und mit seinem neuen Freund natürlich, mit Berlino, dem WM-Maskottchen. Der Bär trug ein Leibchen mit der Aufschrift "Ich bin ein Bolt". Bolt hatte am Donnerstagabend ein T-Shirt seines Ausrüsters getragen, auf dem stand: "Ich bin ein Berlino". Die Liebe muss grenzenlos sein, zwischen Bolt und Berlino und der Hauptstadt. Der Sprecher von Klaus Wowereit, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, hat zum WM-Abschluss ein Überraschungsgeschenk für den Fabelläufer angekündigt.

Der vorletzte Wettkampftag war seit Wochen ausverkauft, als einziger der neun WM-Abendveranstaltungen. Doch das Publikum, das beispielsweise zwei famose Staffelläufe deutscher Frauen - Bronze für die Sprinterinnen, Finaleinzug für die Rundenläuferinnen - frenetisch feierte, widmete sich nicht nur den Jamaikanern. Selbst die Ehrenrunde der Gelb-Grünen ging etwas unter im allgemeinen Trubel.

Bolts Siegerrunde störte die Medaillenübergabe beim Weitsprung

Da gab zunächst der australische Stabhochsprung-Weltmeister Steven Hooker ein Interview über die Stadionlautsprecheranlage. Hooker war verletzt und hatte mit nur zwei Sprüngen, zu mehr hätte es nicht gereicht, Gold gewonnen. Dann schleuderte die deutsche Titelverteidigerin Betty Heidler den Hammer auf Saisonbestweite, kurz darauf auf persönliche Bestleistung und deutschen Rekord - sie gewann Silber. Schließlich störte Bolts Siegerrunde noch die Medaillenübergabe im Weitsprung-Wettbewerb.

Der Clown musste sich die Aufmerksamkeit der Menschen mit anderen Athleten teilen. So ist die Leichtathletik. So packend kann sie sein, fast ein bisschen gerecht - wenngleich nur in seltenen Momenten.

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