Von Johannes Korge
Konrad Wysockis Leben könnte so einfach sein. Ein Anruf, eine Bewerbungsmappe, ein Vorstellungsgespräch - und seine Karriere als Profi-Basketballer wäre höchstwahrscheinlich beendet.
Es wäre Schluss mit Trainingslagern in sommerlich-stickigen Turnhallen, rigiden Spielplänen - vor allem aber mit der durchaus realen Bedrohung durch die Arbeitslosigkeit.
Wie viele deutsche Profis suchte der 2,02 Meter große Flügelspieler in diesem Krisensommer 2009 lange nach einem neuen Verein, eine weitere Chance in der Bundesliga oder im Ausland. Anders als viele, wenn nicht gar alle, Kollegen hätte Wysocki jedoch die Chance gehabt, dem persönlichen "Rat-Race" um die wenigen lukrativen Verträger ein vorzeitiges Ende zu bereiten.
Ein Federstreich und der Rebound-Experte, der sein Geld zuletzt bei den Skyliners in Frankfurt verdiente, könnte den Basketball-Court mit dem Zeichenbrett und das ärmellose Trikot mir dem Cord-Anzug tauschen.
Wysocki ist ausgebildeter Architekt - mit einem Abschlusszeugnis der US-amerikanischen Elite-Universität Princeton. "Sicher spielt man immer mit dem Gedanken, gerade wenn man, wie ich, gerne zweigleisig fährt", sagte der 27-Jährige SPIEGEL ONLINE über einen möglichen Sprung in die Baubranche.
Überraschendes Ende in Frankfurt
Stattdessen schuftet der Forward mit der deutschen Basketball-Nationalmannschaft derzeit in der Vorbereitung auf die Europameisterschaft in Polen. Bedeutet: knallharte Trainingseinheiten unter den gestrengen Augen von Bundestrainer Dirk Bauermann, endlose Taktikschulungen, jede Menge Potenzial für Lagerkoller.
Warum also nicht der Wechsel zum bestens entlohnten Häuserplaner? Warum weiter der freiwillig gewählte Frust? Wie in diesem Sommer, als die Skyliners den Vertrag mit ihrem Leistungsträger nur zu deutlich gesenkten Bezügen verlängern wollten. Der Plan, Indiz für den konsequenten Sparkurs in der Liga, scheiterte - Wysocki lehnte das Angebot ab und räumte seine Frankfurter Wohnung leer. All dies unmittelbar vor dem Start der Vorbereitung auf das Turnier in Polen. "Das kommt auch für mich alles ein wenig überraschend", sagte der Neu-Arbeitslose der "Frankfurter Rundschau" kurz nach dem geplatzten Vertragspoker.
Doch auch die Negativerfahrungen der letzten Monate reichen nicht, um Wysocki die Leidenschaft für das Spiel zu nehmen: "Ich brenne noch darauf, Basketball zu spielen und das wird sich so schnell auch nicht ändern."
Respektlose Behandlung in Princeton
Schon während seiner sportlichen Universitäts-Karriere hatte Wysocki bewiesen, dass er dem Klischee des tumben, weisungstreuen Athleten kaum entspricht. Im letzten Uni-Jahr verließ der damals 21-Jährige plötzlich das Basketball-Team der Princeton-Universität und wandte sich in einem Brief an die Anhänger. Darin klagte er die "unfaire und respektlose Behandlung" durch den Trainerstab an, die ihn zu seiner Entscheidung getrieben habe.
Auch wenn seine Laufbahn auf dem College-Parkett damit ein vorzeitiges Ende fand, bietet ihm der akademische Titel ein wertvolles zweites Standbein, dass Wysocki schon einmal zaghaft belastete. Ein Architektur-Büro in Florida wedelte bereits mit dem Arbeitsvertrag, vergaß darüber jedoch, sich rechtzeitig um ein entsprechendes Visum für die Nachwuchskraft aus Deutschland zu bemühen. Die Wartezeit vertrieb sich Wysocki beim damaligen Zweitligisten Ehingen, und merkte dort, dass das Basketball-Virus noch nicht besiegt war.
Veteran im jungen DBB-Team
Nicht zuletzt ist es Wysockis neue Position im System der Nationalmannschaft, die ihn antreibt. Bauermanns Truppe steckt mitten im Umbruch. Pascal Roller und Robert Garrett sind nur zwei der zahlreichen Veteranen, die das Team verlassen haben - dazu verzichtet NBA-Star Dirk Nowitzki auf einen Start bei der EM, die am Montag für die deutsche Auswahl mit dem Spiel gegen Frankreich (19.15 Uhr) beginnt.
So kommt Wysocki, bisher selbst eher Lehrling denn Lehrmeister, eine Vorbildrolle zu. "Vom Alter her bin ich natürlich schon eher ein Veteran, von den Länderspielen nicht ganz. Aber ich freue mich trotzdem, dem Team in der jetzigen Phase eine Stütze zu sein." So kann er immerhin auf dem Platz und in der Trainingshalle ein wenig Architekt spielen und Coach Bauermann dabei helfen, dem jungen Team ein Fundament zu bauen.
Für die Europameisterschaft, bei der das deutsche Team im ersten Vorrundenspiel auf Frankreich mit NBA-Aufbauspieler Tony Parker trifft, hat sich Wysocki viel vorgenommen, will den guten Eindruck, den er 2008 beim Olympischen Turnier in Peking hinterließ, bestätigen.
Ein Cordanzug in Größe XXL
Schon durch den Austragungsort gerät das Turnier für den gebürtigen Polen zur Herzensangelegenheit: "Das ist für mich natürlich ein Riesending. Meine Oma wohnt noch in Polen, meine Eltern kommen von dort, ich bin in Polen geboren. Es freut mich riesig, dort antreten zu dürfen."
Und schließlich verdient Wysocki ab der kommenden Saison auch sein Geld im Nachbarland. Beim polnischen EuroCup-Teilnehmer PGE Turow Zgorzelec wird er unter dem ehemaligen Köln 99ers-Coach Sasa Obradovic versuchen, auch auf Vereinsebene noch einmal anzugreifen.
Gelingt dies nicht, kann sich demnächst wohl irgendwo ein Herrenschneider auf eine neuen Auftrag freuen: ein Cord-Anzug in Größe XXL soll es sein. Und so blickt Wysocki weiter entspannt in die Zukunft: "Gebaut wird schließlich immer irgendwo."
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