Von Hendrik Baumann
Es winkt ein Weltrekord: Wenn am 7. Mai 2010 Gastgeber Deutschland und die USA zum Auftakt der Eishockey-WM in der Gelsenkirchener Arena aufeinander treffen, werden fast 76.000 Zuschauer erwartet. Ein großes Turnier vor heimischem Publikum kann Begeisterung entfachen - siehe Deutschlands Fußballer und Handballer. Den Stoff für Sommer- und Wintermärchen lieferte dabei vor allem der sportliche Erfolg. Im deutschen Eishockey dagegen hofft man, eine neue Eiszeit abzuwenden. "Aus der Abstiegsrunde raushalten", hat Bundestrainer Uwe Krupp als Turnierziel ausgegeben.
Bei der WM in der Schweiz blamierte sich die deutsche Auswahl und hätte als 15. von 16 Mannschaften aus der A-Liga absteigen müssen. Einzig die Rolle als WM-Gastgeber verhinderte den Gang in die Zweitklassigkeit. Für das Turnier im eigenen Land wird deshalb ein erneutes Debakel befürchtet.
Franz Reindl sieht das nicht so dramatisch. Er habe "keine Angst vor der WM", sagt der Sportdirektor des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) SPIEGEL ONLINE. Krupps Konzept orientiere sich an 2010, Rückschläge wie in der Schweiz ließen sich da kaum vermeiden. "In den entscheidenden Momenten waren wir eben nicht da und haben das Tor nicht getroffen", so Reindl mit Blick auf die Niederlagen gegen Außenseiter wie Frankreich (1:2), Dänemark (1:3) und Österreich (0:1), "aber ich bin überzeugt, dass das besser wird."
Vertrauen in Deutsche nicht groß genug
Doch auch beim DEB hat man erkannt, dass die Defizite im deutschen Eishockey tiefere Ursachen haben. "Mittel- bis langfristig müssen wir den Nachwuchs stärken", sagt Reindl. Denn Einiges spricht dafür, dass das Versagen in Schlüsselsituationen nicht nur einer schlechten Tagesform geschuldet ist. Während Routiniers wie Sven Felski (Berlin), Andreas Renz (Köln) oder Daniel Kreutzer (Düsseldorf) auch in ihren Clubs unumstritten sind, gilt das für viele Spieler, die im Nationalteam die zweite und dritte Hierarchie-Ebene bilden, nur bedingt. In wichtigen Momenten - Überzahl- und Unterzahlspiel - müssen sie oft anderen den Vortritt lassen.
"Das Vertrauen in Deutsche ist nicht groß genug", so Ex-Nationalspieler Sascha Goc im "Kicker", "wenn in den Druckphasen die Ausländer auf dem Eis sind, kannst du das nicht lernen. Das ist eine Kopfsache." Zwar ist der Anteil der deutschen Spieler in der DEL zur neuen Saison leicht gestiegen - von 59 auf 62 Prozent - doch das muss keine Besserung bedeuten. "Entscheidend ist, wer wann zum Einsatz kommt und nicht, wie viele", sagt Reindl.
Knick im Jugendbereich
Um die Eiszeiten junger deutscher Spieler zu erhöhen, gibt es Überlegungen, die erlaubte Anzahl von Ausländern pro Kader von derzeit zehn Spielern weiter zu begrenzen - etwa auf vier wie in der Schweiz. DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke hält das für eine "Alibi-Maßnahme", die nur Sinn mache, "wenn wir mehr DEL-taugliche Spieler zur Verfügung hätten." Tripckes Aussage sagt viel über die Qualität des deutschen Eishockey-Nachwuchses aus. "Wir haben ein Strukturproblem beim Übergang vom Jugend- in den Profibereich", sagt Tripcke SPIEGEL ONLINE. Auch Reindl räumt ein: "Da gibt es einen Knick."
Im Fokus der Kritik steht die Deutsche Nachwuchs-Liga (DNL). Wenn Talente die höchste Nachwuchsklasse des DEB mit 17 oder 18 Jahren verlassen müssen, können die meisten in der DEL nicht mithalten - ihnen bleibt nur das Ausweichen in die Zweite Liga oder Oberliga. Die Folge: Die U18- und U20-Nationalmannschaft sind abgestiegen. "Wir müssen die Spielmöglichkeiten in diesen Altersklassen massiv verbessern", fordert Tripcke. Auch der DEB hat das Problem auf die Agenda gesetzt, will die Altersgrenze in der DNL ab 2010 anheben - allerdings muss zunächst die Mitgliederversammlung des Verbands zustimmen.
"Das kostet sehr viel Geld"
Zwar rücken die DEL-Vereine die Jugendarbeit stärker in den Fokus, sei es in Düsseldorf, Köln oder Kassel. "Die Bereitschaft zur Nachwuchsförderung ist bei allen Clubs vorhanden", sagt Tripcke, "wir müssen uns aber darüber im Klaren sein, dass das sehr viel Geld kostet." Genau darauf schaut man derzeit noch mehr; neun von 15 Vereinen haben die Etats reduziert. Selbst die Eisbären Berlin, noch immer der Musterschüler in Sachen Nachwuchsarbeit, stellten ihr Juniorenteam in der Oberliga ein. Ob dies aus Sparzwang geschehen sei, will man im Club weder bestätigen noch dementieren.
Im Grundsatz sind sich Liga und Verband über das Ziel Nachwuchsförderung einig, doch noch suchen sie nach einem gemeinsamen Weg. Immerhin hat man sich 2008 auf ein Konzept geeinigt. Darin verpflichten sich die DEL-Vereine unter anderem, bis zum Jahr 2012 die Zahl der Nachwuchsspieler deutlich zu erhöhen und hauptamtliche Nachwuchstrainer einzustellen.
Gegeneinander statt miteinander
"Ambitioniert" nennt Reindl diese Ziele, "aber wir müssen das jetzt anpacken." Viel wird davon abhängen, ob DEL und DEB in Zukunft eher mit- statt gegeneinander arbeiten. Skeptisch stimmt der aktuelle Streit um das Strategiepapier, das die DEL im Sommer vorgelegt hat. Die Clubs bieten darin ihr "Know-How" (Tripcke) zur Unterstützung an, möchten dafür aber im DEB stärker gehört werden. Ein Vorstoß, hinter dem man je nach Auslegung guten Willen oder das Streben nach mehr Macht vermuten kann. Die Protagonisten jedenfalls bezichtigen sich gegenseitig des Nichtstuns: "Herr Tripcke hat Gesprächstermine zu diesem Thema abgesagt", sagt Reindl. "Der DEB hat auf unser Angebot gar nicht reagiert", sagt Tripcke.
Vor der bis dato letzten Heim-WM gab der damalige Nationalmannschaftskapitän Jürgen Rumrich SPIEGEL ONLINE ein Interview. Auf die Frage, was sich im deutschen Eishockey ändern müsse, sagte er: "Dann müssen sich die Verantwortlichen der DEL und der Vereine endlich um den Nachwuchs kümmern." Das war im Jahr 2001.
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