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29.11.2009
 

Fall Caster Semenya

Jenseits aller Grenzen

Von Jan Reschke

Umstrittene Semenya: Kampf um das Geschlecht
Fotos
Getty Images

Ist Caster Semenya Frau oder Mann? Noch immer hat der hilflose Leichtathletik-Verband nicht darüber entschieden, zu welchem Geschlecht die Weltmeisterin gehört. Eine Lösung, die allen gerecht wird, kann es nicht geben. Leidtragende ist die Athletin.

"Caster Semenya sieht aus wie ein Mann."

"Caster Semenya ist ein Mädchen."

"Caster Semenya ist ein Zwitter."

Caster Semenya kann einem leid tun.

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF hat noch immer nicht erklärt, ob die 800-Meter-Weltmeisterin Caster Semenya ihren Titel verliert, den sie mit einem riesigen Vorsprung errungen hatte. "Kein Kommentar", hieß es unlängst nach der Council-Sitzung in Monte Carlo. Das bezog sich nicht nur auf das Ergebnis des Geschlechtstests, sondern auch auf die Aussage des südafrikanischen Sportministeriums, Semenya bleibe Weltmeisterin und könne auch das Preisgeld (rund 40.000 Euro) behalten. "Der Fall ist zu delikat, um über Details zu sprechen", so der IAAF-Sprecher.

Die eigentlichen Ergebnisse der vorgenommenen Untersuchungen dürften der IAAF entgegen deren Beteuerungen längst vorliegen. Probleme gibt es wohl mit der Interpretation der Resultate. Eine Ärztegruppe, der unter anderem ein Gynäkologe, ein Internist, ein Endokrinologe (ein Hormonspezialist, d. Red.), ein Geschlechter-Experte und ein Psychologe angehören, sollte sich der Aufgabe widmen, das Geschlecht von Semenya zu klären.

"Eine umfassende Chromosomen-Analyse dauert etwa eine Woche", sagt der Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte, Christian Albring, SPIEGEL ONLINE. Zudem wurden Semenyas Geschlechtsteile analysiert. "Dazu wird ein Körper auf eine Gebärmutter und Eierstöcke hin untersucht", so Albring. Dies geschehe mittels einer simplen Ultraschalluntersuchung.

IAAF versucht die Tragweite dieser Entscheidung genauestens abzuwägen

Auch der Hormonstatus lässt sich innerhalb einer Woche feststellen. Allenfalls ein psychologisches Gutachten könnte länger dauern. Doch Semenya flog direkt nach der WM wieder in ihre Heimat Südafrika, und während der Titelkämpfe im August in Berlin dürfte sie wohl kaum täglich ein psychologisches Gespräch geführt haben. Es ist also fraglich, ob es genügend Gelegenheiten gab, um eine valide wissenschaftliche Einschätzung liefern zu können.

Die lange Zeit, die zwischen den Tests und der Bekanntgabe eines Ergebnisses liegt, belegt nur eines: dass die IAAF die Tragweite dieser politischen Entscheidung genauestens abzuwägen versucht. Denn unabhängig davon, wie das Ergebnis ausfällt, schafft der Verband einen Präzedenzfall für eine Angelegenheit, in der es keine zufriedenstellende Lösung geben kann. Das weiß auch die IAAF - und fordert eine Leitlinie. Das deutsche Council-Mitglied Helmut Digel sagt: "Das Internationale Olympische Komitee ist für die übergeordneten Sportfragen zuständig."

Das IOC selbst scheint unschlüssig, wie es in solchen Fragen reagieren soll. Für den 10. Januar 2010 ist in Miami ein Kongress angesetzt, von dem sich der Sport verbindliche Anweisungen erhofft. Schon in der Vergangenheit hatte das IOC in Geschlechterfragen Mühe, eine Linie zu finden. 1966 führte die European Athletic Association erstmals eine verbindliche "Gender Verification" ein, seit den Olympischen Winterspielen in Grenoble 1968 bestand auch das IOC auf Geschlechtstests.

1996 wurden acht Frauen bei den Olympischen Spielen in Atlanta positiv auf Y-Chromosomen getestet, wobei Frauen typischerweise ein XX-Muster aufweisen. Trotz der positiven Tests wurden allen Frauen aufgrund verschiedener wissenschaftlicher Erklärungen Geschlechtsverifikationszertifikate ausgestellt - alle durften starten. 2000 wurden die Geschlechtstests in Sydney wieder abgeschafft - nur noch in strittigen Fällen sind sie weiterhin erlaubt. Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking standen Experten bereit, die bei Zweifeln Geschlechtstests durchgeführt hätten.

"Die Frage, ob Semenya ein Mann oder eine Frau ist, ist falsch gestellt"

Im Fall Semenya kamen bereits Gerüchte auf, die IAAF-Untersuchungen hätten ergeben, dass sie weder Eierstöcke noch Gebärmutter habe, stattdessen innen liegende Hoden. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt dieser Äußerungen stellt sich der IAAF und dem Sport allgemein die Frage: Wie ist umzugehen mit Menschen, die zwischen den Geschlechtern stehen? Sollen sie einem Geschlecht zugeordnet werden? Nach welchen Kriterien? Wo ist die Grenze?

"Ein nur ganz kleiner Teil der Menschheit weist im somatischen Geschlecht Zwischenformen auf. Diese werden im allgemeinen Sprachgebrauch als 'Zwitter' bezeichnet, in sehr verschiedenen Ausprägungen, mit fließenden Übergangsformen", sagte Helmut Schatz von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie SPIEGEL ONLINE.

Das Thema wird auch in Athleten-Kreisen äußerst sensibel diskutiert, öffentlich geäußert hat sich weder eine Konkurrentin noch ein Manager oder Trainer. Bei der Leichtathletik-WM in Berlin wurde viel hinter dem Rücken von Semenya getuschelt, ungläubige Blicke begleiteten die Südafrikanerin. Dabei geht es nicht nur um Semenya und ihr Geschlecht, es geht auch um Geld, etwa für Prämien oder Werbeverträge.

"Medien und Öffentlichkeit haben Test nicht bestanden"

Selbst wenn Semenya eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden könnte, was geschieht im Sport mit jemanden, der zwischen den Geschlechtern steht? Oder muss überhaupt etwas geschehen? Die Kategorien "Frau" und "Mann" sind zu grobmaschig für dieses Problem - nicht nur für den Sport.

Hertha Richter-Appelt vom Institut für Sexualforschung und forensische Psychiatrie in Hamburg sagte SPIEGEL ONLINE: "Die Frage, ob Caster Semenya im medizinischen Sinne ein Mann oder eine Frau ist, ist falsch gestellt. Es geht nur darum, ob es sich um eine unauffällige Frau handelt oder um eine Person zwischen den Geschlechtern."

Für Andrea Ottmer, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität, steht zumindest ein eindeutiges Ergebnis schon fest: "Ein Test wurde weitgehend nicht bestanden: Der Test der Medien und der Öffentlichkeit, wie sie mit der eventuellen Intersexualität von Frau Semenya umgeht, und damit auch die Frage, wie sie mit Intersexualität überhaupt umgeht."

Ottmer kritisiert das Schwarz-Weiß-Denken. "Es wird meist gar nicht groß über den vermuteten Chromosomensatz von Frau Semenya spekuliert, sondern es wird gleich ihre gesamte Geschlechtsidentität in Frage gestellt. Wenn sie keine richtige Frau ist, dann ist sie eben ein Mann." Der Mediziner Schatz sagt: "Man versucht, Semenya in eine der beiden uns bekannten Formen zu pressen - männlich oder weiblich."

Der südafrikanische Verband und die Politik geben ein schwaches Bild ab

Der südafrikanische Leichtathletik-Verband Asa und die Politik geben ein schwaches Bild ab. Mal wird mit Drittem Weltkrieg gedroht, mal leidet der Verbandschef Leonard Chuene unter Gedächtnisverlust und weiß weder, wo Untersuchungen durchgeführt wurden, noch, dass sein Verband eigene Untersuchungen durchgeführt hat, wie Semenyas ehemaliger Trainer Daniels erklärte hatte und daraufhin zurücktrat.

Chuene und das Präsidium haben sich inzwischen für ihr Verhalten in dem Semenya-Fall entschuldigt - und der Südafrikanische Olympische Sportbund (SASCOC) zog daraus seine Konsequenzen: Asa-Präsident und -Präsidium, sowie der komplette südafrikanische Leichtathletikverband wurden suspendiert. Inzwischen ermittelt auch der IAAF gegen die Asa. Die dilettantische Öffentlichkeitsarbeit wird auch durch eine Glamour-Offensive deutlich, die Semenyas weibliche Seiten zeigen sollte.

So stehen ein paar Ergebnisse schon jetzt fest: Etwa, dass die IAAF durch das Bekanntwerden des Tests eine Entwicklung in Gang gesetzt hat, der dem Menschen Semenya nachhaltig schaden kann. Dass der südafrikanische Verband die Diskussion in eine völlig falsche Richtung gelenkt und den Umgang mit diesem sensiblen Thema auf eine Ebene gebracht hat, die der Sache nicht gerecht wird.

Übrig bleibt, so Mediziner Schatz, eine Athletin, "die durch den Öffentlichkeitsrummel jetzt ein armes Wesen ist".

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insgesamt 170 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
09.07.2010 von graf.koks: Gut!

Sie haben hiermit den Beweis für die absolute Sinnlosigkeit der Sportbewertung erbracht! Die Sportler brauchen keine neuen Klassen oder Schubfächer! Wir als Zuschauer, die den ganzen Blödsinn mit unserem Jubeln anfeuern, [...] mehr...

08.07.2010 von loncaros:

Ich finde dieses "er/sie/es" absolut ekelerregend und es zeigt genau wessen Geiste Kind jemand ist. Das sind genau die Leute die vor 100 Jahren noch im Zirkus die "Freaks" ausgelacht haben. Und gleichzeitig [...] mehr...

07.07.2010 von Umbriel: Beschiss ist Beschiss

Ist doch sofort offensichtlich klar, daß da was nicht stimmt. Da gehört schon eine kräftige Portion Unverfrorenheit dazu, so eine Show abzuziehen, als ob es nicht schon genug Unsportlichkeiten gäbe! mehr...

06.07.2010 von fireflycan:

Stimme ich zu, leider gibt es wiohl nicht genug Athleten in der "sonderklasse" um eine eigene Leisungsklasse zu rechtfertigen, aber die Maennerklasse als "offen" anzusehen ist keine schlechte Idee. mehr...

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Geschlechtertest im Laufe der Zeit

Die ersten Geschlechtertests wurden zu den Leichtathletik-Europameisterschaften 1966 eingeführt. Weibliche Teilnehmer mussten sich dabei unbekleidet einem Ärzte-Gremium zeigen. Alle 243 Athletinnen bestanden die Tests, zuvor hatten sechs Sportlerinnen aus Osteuropa freiwillig zurückgezogen.





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