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05.01.2010
 

Achilles' Verse

Demütigende Basen-Demokratie

Französisches Baguette: Wurst, Stulle und Butter verbotenZur Großansicht
dpa

Französisches Baguette: Wurst, Stulle und Butter verboten

Neues Jahr, neuer Läufer, denkt sich Achim Achilles jedes Silvester. Hat leider nie geklappt. Deswegen hat sich der Wunderläufer in diesem Jahr zu einer Radikalkur entschlossen: Der Athletenleib muss entsäuert werden. Wird unser Currywurst-Sportler jetzt verhungern?

Gute Vorsätze sind wie die Bahn: Man kann sich keine zwei Stunden lang darauf verlassen. Hätten die guten Vorsätze der letzten Jahreswechsel halbwegs gehalten, dann wäre ich ein schneller, schöner Läufer. Leider lief es jedes Jahr genau andersherum. Trainingspläne bestellt, feste Termine in den Kalender gekritzelt und Abstinenz geschworen, um spätestens am 4. Januar mit einer wüsten Zecherei die ganzen Vorsätze gleich wieder zum Teufel zu jagen.

Ich sei "ein Mann in den besten Jahren", sagt Mona grinsend, was nichts anderes bedeutet, als dass die verbleibende Zeit für ernsthafte sportliche Aktivität dramatisch zusammenschnurrt. Jahresanfänge bedeuten weniger freudige Erwartung auf das Neue als anschwellende Panik vor dem Alter: Wann werden mich meine orthopädischen Trümmerhaufen Hüfte, Knie, Knöchel an den Rollator ketten? Wie lässt sich aus welkem Fleisch noch ein wenig Leistung quetschen?

Weil das übliche Vorsatzgefasse all die Jahre zuverlässig in schlechter Laune endete, wird dieses Jahr der radikale Weg beschritten, auch auf die Gefahr hin, einen stolzen Läufer in einen peinlichen Pfosten zu verwandeln. Mit wachsender Neugier hatte ich bei ernsthaften Athleten immer wieder Debatten zum leidigen Thema Ernährung belauscht. Fazit: Wer seinen Körper mit Frittenfett und Alkopops betankt, darf sich nicht wundern, dass er in der Formel 1 selbst vom Abschleppwagen abgehängt wird. Bei verklebten Darmzotten dringt auch der härteste Trainingsreiz nicht durch. Nach 45 Jahren Currywurst/Pils hilft nur noch eine konsequente Motorwäsche. Raus mit Ölschlamm und Ventilschmalz aus den Kapillaren.

Sauer macht leider nicht lustig, sondern langsam

Aber wie geht das? Und wie weh wird es tun? Würde ich am Ende gar an Esoterik leiden? Egal. Erfolg bedeutet Leid. In einer alten "Brigitte" von Mona hatte ich vom unrunden Säure-Basen-Haushalt gelesen. Bier, Kaffee, Fleisch, Brot, Zucker - der moderne Mensch ernährt sich vorwiegend von säurebildendem Krempel. Sauer macht leider nicht lustig, sondern langsam. Die Zellmembranen sind verklebt, Enzyme dringen nicht durch, der Dreck wird nicht abtransportiert, Magen und Darm meutern.

Der Plan: Einfach den Läuferleib vier Wochen entsäuern, dann würden die vielen guten Vitamin- und Eiweißdrinks endlich wieder den Weg in die Muskeln finden. Die Base als natürliche Feindin der Säure musste die absolute Mehrheit in meinem Körper erringen. Ich wollte meine ganz persönliche Basen-Demokratie. Radikale Ansätze wie Fasten, Einläufe oder Änderung von Lebensgewohnheiten lehne ich aus religiösen Gründen ab. Eine Kur von vier Wochen muss reichen.

Ab sofort sind Wurst, Butter und Stulle leider verboten

Mit halbem Training doppelt so schnell, das ist doch mal eine Perspektive für das Sportjahr 2010. Das Problem dabei: Ich werde verhungern. Nicht ein einziges meiner gewohnten Lebensmittel ist erlaubt. Kein Morgenkaffee, kein Mittagsfleisch, kein Abendbier. Der Preis: Grünzeug, Würgetee und die Erinnerung an die guten Tage, als noch Wurst auf der Butterstulle war. Ab sofort sind Wurst, Butter und Stulle leider verboten. Dafür Aussicht auf ein paar Kilo weniger und entschlackte Adern.

Eine Basen-Demokratie ist von Anfang an ein demütigendes Unterfangen. Es beginnt mit der gelüpften Augenbraue des Apothekers, wenn man wispernd ph-Streifen bestellt. Es geht weiter mit dem Versuch, unfallfrei Urin auf die viel zu kurzen, viel zu schmalen Papierchen zu applizieren. Endlich macht Händewaschen wieder Sinn. Und dann der Schock, wenn der Papierstreifen sein saftiges Maisgelb überhaupt nicht verändert. Legt man die Farbskala zugrunde, bin ich sauer wie Schwefelzitronen. Oder der Apotheker hat gegrinst, weil die verdammten Streifen gar nicht funktionieren, da sie längst abgelaufen sind.

Basisch gesehen bin ich jedenfalls tot. Wie sollte ich meinen ersten Lauf des Jahres überstehen? Auf den ersten Kilometern bebten meine Knie im Acid-Rausch, mein Schweiß roch wie Salzsäure. Auf eine Tempoverschärfung verzichtete ich vorsichtshalber. Die Leistungsexplosion würde noch früh genug kommen. Oder aber Mona würde mich kollabiert im Hausflur finden und den Notarzt rufen. Ich träumte von einer Bulletten-Infusion.

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