Mittwoch, 10. Februar 2010

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23.10.2009
 

Flush Hour

Wie Münchhausen mein Märchen zerstörte

Lügenbaron Münchhausen: Erzählt er jetzt die Wahrheit?
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DPA

Lügenbaron Münchhausen: Erzählt er jetzt die Wahrheit?

Einmal bei der Deutschen Pokermeisterschaft mitspielen? Unser Autor Lasse König stand kurz davor, seinen Traum wahrzumachen. Doch dann war ihm wieder mal das Pech hold. Das Glück gepachtet hatte stattdessen ein bekannter Lügenbaron.

Es ist dunkel in Hamburg, ein schwarzer Freitag. Die Hoffnung ist vor ein paar Minuten in den Zug gestiegen ins Nirgendwo. Und wären die Chefromantiker Eichendorff, Arnim, Brentano oder Novalis jetzt hier, die ganze Gang würde sich garantiert auf die Schenkel klopfen oder abklatschen. Vor so viel Leid. Im Autoradio läuft A good day to die von Travis.

Eigentlich eine gute Idee, denke ich.

Ich muss unwillkürlich den Kopf schütteln. Die SPD vor den Trümmern ihrer Existenz, die FDP in der Regierung, hungernde Menschen weit und breit, Miss Kalifornien auf Zahlung ihrer Brustimplantate verklagt - es gibt doch so viel Schlimmeres auf der Welt, als in einem Satellite zur Deutschen Pokermeisterschaft auszuscheiden?

Ich muss wieder den Kopf schütteln.

Eine Stunde zuvor saß ich noch mit Kapuzenshirt, Sonnenbrille und Musik im Ohr im Casino Esplanade und zählte meine Chips. 13.800, klar über dem Durchschnitt. Das Image tight wie eine 501, der Puls ruhig. Der Respekt waberte wie der Duft von Bratkartoffeln durch den Raum. Lecker. Und das Beste: Wann immer ich eine Hand spielte, glaubte man mir die Geschichte. Weil sie stimmte.

Neben mir hockte Münchhausen.

Münchhausen hatte einen Maßanzug an, er war viel kleiner als ich, viel jünger und deutlich besser gekleidet. Außerdem redete er mehr. Münchhausen erzählte von seinen Großtaten am Pokertisch, und alle nickten bedächtig. Der Mann mit dem kurzen Irokesenschnitt neben mir, ich, das Hagrid-Double am anderen Ende des Tisches. Aber am liebsten wollten wir ihn alle auf eine Kanonenkugel setzen und Richtung Mond schießen. Oder zumindest auf die Baustelle am Gänsemarkt.

Ein zerbeultes Wrack

Weil er keine Manieren hatte. Weil er eine Goldkette trug. Weil er gegen Spieler am Tisch ätzte, die 8-4 spielten und ihn bei einem Board von K-6-4 callten. Ihn und Ass-Dame. Münchhausen saß kaum am Tisch, da war er schon zum Feindbild der Mehrheit auserkoren. Andere müssen dafür die Weltwirtschaft ruinieren (Banker) oder bei Bayern München spielen (Kahn). Münchhausen war einfach nur er selbst.

Er erzählte viele Geschichten an diesem Abend, und nicht nur der Opa mit 8-4 wollte sie ihm einfach nicht glauben. Mir machte er zum Beispiel ein Full House weis. Leider hatte ich einen Flush gefloppt und nahm ihm 5000 Chips ab. Er aber log munter weiter und niemand konnte sich vorstellen, dass dieses Männchen am Ende über uns alle lachen würde. Und vor allem über mich.

Es sind fast drei Stunden vorüber, 13.800 Chips stehen vor mir wie eine prall gefüllte Packung Dickmanns, Münchhausen hat 8000, die Blinds sind bei 400-800, und Ass-König offsuit Under the Gun sind eine nette Hand. Ich raise auf 2400. Münchhausen schaut kurz böse - und erklärt dann, er sei All-in. Etwas hektisch schiebt er seine Chips in die Mitte, erhebt sich und steht mit verschränkten Armen da wie einer dieser lächerlichen US-Rapper.

Alle folden.

Es ist etwas leer in meinem Kopf in diesem Moment. 22.000 Chips wären die klare Führung in diesem Turnier und ein großer Schritt Richtung Ticket zur Deutschen Meisterschaft. Ich habe 200 Euro bezahlt für die Chance auf 2000 (so viel kostet der Buy-in für die DPM 2009). Was ist, wenn er Asse hat? Was ist, wenn er ein Stealblindreraise mit irgendeinem Paar macht? Was ist, wenn er einmal die Wahrheit sagt?

Ich calle. Münchhausen zeigt Ass-Dame in Pik.

Flop: Ass Herz, 3 Pik, Bube Herz.

Münchhausens Atmung ist flach, ich bin glücklich. Aus dem Rapper ist ein Schokoweihnachtsmann in der prallen Sonne geworden. Ist er wirklich so klein?

Turn: 7 Pik.

Die Vorahnung kriecht langsam die Speiseröhre hoch und macht sich im Kehlkopf breit. Meine Stimmung lässt sich in etwa mit der in einem kaputten Fahrstuhl vergleichen.

River: 10 Pik.

Als der Dealer die letzte Karte umdreht, macht er das so langsam, dass ich sie schon vor allen anderen sehe. Ich sacke zusammen, Münchhausen pustet durch und sagt: nichts. Ich bin ein zerbeultes Wrack. Ist er wirklich so groß?

Ich komme nochmal zurück mit 8-8 und verliere dann mit 2-2 gegen die Asse. Das Aus fühlt sich unfair an, unwirklich. Alles ist taub. Der Applaus wie hinter Ohropax, der Kopf schwer wie ein Halloween-Kürbis. Ich bin jetzt ein Kürbis mit Kapuze und Sonnenbrille. Das sieht bescheuert aus, denke ich, nehme die Brille ab und wanke zum Auto.

Münchhausen hat sich am Ende eines der fünf Tickets gesichert. Ich würde ihn gern wiedersehen, aber es gibt leider kein Satellite mehr. Und kann ich mir die Revanche für 2000 Euro leisten? Nein.

Was bleibt, ist eine wahre Pokergeschichte. Keine Lüge. Und leider auch kein Märchen.

VIDEO DER WOCHE

Abgezockte Profis: Ross Boatman, Barny Boatman, Joe Beevers - in der Pokerwelt haben diese Namen durchaus einen guten Klang. Die Engländer bilden den Hendon Mob. Die BBC ließ die drei Pros mit zwei vermeintlichen Amateuren an einem Tisch spielen. Das Ergebnis ist faszinierend, erschütternd und belustigend zugleich. Quelle: Youtube/BBC Three

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