Als er 17 war, da taufte ihn "Sports Illustrated", das Zentralorgan des amerikanischen Sports, "den Erwählten". Als er 18 war, da unterschrieb er bei Nike einen Vertrag, der ihm 100 Millionen Dollar einbringt. Zu diesem Zeitpunkt spielte er noch für die St. Vincent-St.Mary High School in Akron, und seine Mitspieler hießen Sian Cotton, Wilie McGhee und Dru Joyce III. Im selben Jahr unterschrieb Kobe Bryant bei Nike für vergleichsweise lachhafte 45 Millionen Dollar. Als Begründung führte das Unternehmen damals an, Kobe Bryant möge ja mit den Los Angeles Lakers schon dreimal die NBA-Meisterschaft gewonnen haben, aber ihm fehle die "street credibility", was heißen sollte, er sei nun einmal ein verwöhntes Mittelschichtkind und für die Kids in den Ghettos von Philadelphia, Detroit, Dallas oder Cleveland einfach nur ein arroganter Idiot.
Der andere Junge aber, dieser "Erwählte", hatte alles, was ihn auf den Straßen der schwarzen Großstadtviertel zur Ikone erheben würde: Mutter bei der Geburt 16, Vater unbekannt, ständige Umzüge von einer Sozialwohnung in die andere, aus einem Elendsviertel ins nächste. Dann Aufnahme in eine intakte Familie, was den Jungen mit dem seltsamen Vornamen LeBron vermutlich vorm Absturz rettete.
Mittlerweile ist LeBron James 24 Jahre alt und hat seine Autobiographie geschrieben. Schreiben lassen. Wird ja auch Zeit. Ist ja auch viel passiert. Kommt gut, weil der immer noch junge Herr James in seine siebte Saison geht, die in der kommenden Nacht beginnt. Michael Jordan hat sieben Jahre gebraucht, bis um ihn herum endlich ein meisterschaftsfähiges Team entstanden war, mit dem richtigen Trainer, mit dem richtigen Hype. Und die Cavaliers in Cleveland tun ja auch wirklich einiges, damit es voran geht. Sie sind sogar auf die Idee verfallen, den alternden Super-Center schlechthin einzukaufen: Shaquille O'Neal, der sich auch gerne "Diesel" nennen lässt.
Genialer Schachzug oder schierer Verzweiflungsakt?
Zugegeben, diese Erwerbung lässt sich ganz leicht sehr unterschiedlich deuten: entweder als genialen Schachzug, weil das Riesenbaby immer noch eine Großmacht unter dem Korb ist, der LeBron Freiheiten verschaffen wird, die er so nicht hat. Oder als schieren Verzweiflungsakt, denn am Ende dieser Saison, endet James' Vertrag. Und Konkurrent New York Knicks hat schon etliche Verträge mit teuren Spielern, die nie die Erwartungen erfüllten, ausbezahlt oder abgestoßen, weil sie alles daran setzen werden, den "Erwählten" in ihre Stadt zu holen, die bereits verdammt lange auf bessere Zeiten hofft.
Also, es geht wieder los. Basketball in Nordamerika. Endlich. Aber was geht da los? Vermutlich wenig, von dem sich sagen lässt, es wird anders als in der letzten Saison. Mit der NBA-Saison 2009/2010 dürfte es sich verhalten, wie mit der neuen deutschen Regierung: Es wird so, wie es war. Falls überhaupt Unterschiede auftreten sollten, dann in überschaubarem Maße. Zum Beispiel müssen bald 23 der 30 Eigentümer von NBA-Teams zustimmen, dass der russische Milliardär Michail Prokhorow 80 Prozent der Anteile an den New Jersey Nets übernehmen und 40 Prozent einer neuen Arena in Brooklyn bezahlen darf. Das ist doch wirklich ein Novum, englische Verhältnisse in der NBA.
Wenn einer Ron Artest bändigen kann, dann Phil Jackson
Ansonsten: wenig Neues unter der Sonne. Die Mannschaften, die vorige Saison dominierten, werden auch in dieser Saison dominieren. Der Meister, die Lakers um Kobe Bryant, haben sich am sinnvollsten verstärkt. Sie holten Ron Artest, der für die Lakers das sein kann, was Dennis Rodman für die Chicago Bulls in der Endphase von Michael Jordan war: die Kampfmaschine, die den Wahnsinn ablegt, um eine Meisterschaft zu gewinnen. Artest ist 29 Jahre alt und war schon mal eine Saison gesperrt, weil er auf die Tribüne stieg und wie von Sinnen eine Schlägerei anzettelte. Wenn es einen Trainer geben kann, der ihn bändigt, dann ist es Phil Jackson. Er hat Rodman aufs Wesentliche orientiert, mal schauen, ob ihm mit Artest dasselbe gelingt. Wenn er es schafft, dann weiß ich nicht, wer die Lakers aufhalten sollte. Und Artest hat in Vorbereitung auf die Saison doch tatsächlich einen Psychologen aufgesucht, um seine Wut besser zu steuern und die Kontrolle über sich zu behalten. Gute Idee. Überfällig.
Auch die Boston Celtics haben sich umsichtig ergänzt. Rasheed Wallace ist gleichfalls eine Kampfmaschine, ohne Ausraster von Artests Größenordnung. Wenn Ray Allen, Paul Pierce und vor allem Kevin Garnett gesund bleiben, erwächst den Cavaliers um LeBron James schon in der Eastern Conference ein schwer zu schlagender Gegner. Und da sind ja auch noch die Magic aus Orlando, die Vince Carter an Land gezogen haben. Eigentlich ist Carter zu lange schon ein großes Versprechen. Viel hängt davon ab, wie wichtig es ihm ist, endlich einmal einen ernsthaften Anlauf zu unternehmen, um einen Meisterring zu gewinnen. Orlando hat Hedo Turkoglu abgegeben, einen jener Spieler, die den Schlussstein in einem komplizierten Mosaik bilden können, aus denen alle Mannschaften bestehen. Turkoglu spielt jetzt in Toronto bei den Raptors und kann dort gemeinsam mit Chris Bosh ein Team abrunden.
Die Mavs machen den Eindruck, als ob es nie etwas wird
Und unser Dirk? Ja, Nowitzki hat abgenommen. Er geht ausgeruht in diese Saison. Er ist 31 Jahre alt. Viele Jahre bleiben ihm nicht mehr, und auch Marc Cuban, dieser irrlichternde Eigentümer der Dallas Mavericks, werkelt ziemlich lange schon an einem Team, das satisfaktionsfähig wäre. Einmal waren die Mavs nahe dran, sehr nahe, und vergeigten die Meisterschaft dann doch gegen die Miami Heat. Drei Jahre ist das her. Grausame Zeit. Für unseren Dirk. Dann haben die Mavs Devin Harris verkauft, den jungen, talentierten, zukunftsreichen Point Guard. Und sie haben im Tausch aus New Jersey Jason Kidd geholt. Den Mann, der seine besten Jahre hinter sich hat. Zu einem riesenhaften Gehalt. Jetzt haben sie ihn und müssen mit ihm leben. Immerhin haben sie Shawn Marion aus Toronto geholt, von den Raptors. Mal schauen. Irgendwie machen die Mavs den Eindruck, dass es nie etwas wird mit ihnen.
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