Von Sven Simon
Die Goodman League versprüht wenig vom Glitzerimage der NBA - ganz im Gegenteil. Gespielt wird nicht auf edlem Parkett, sondern auf einem Asphaltplatz, wo spät am Abend der Marihuanarauch in Schwaden über den Court zieht und an einem provisorischen Grillstand aus Flaschen in braunen Papiertüten billige Drinks gemixt und verkauft werden. Seit Mitte der siebziger Jahre wird die Streetball-Liga in Barry Farms ausgetragen, einer heruntergekommenen Hochhaussiedlung im Südosten Washingtons. Das Viertel weist als sozialer Brennpunkt eine der höchsten Mordraten in den USA auf.
Trotzdem nimmt NBA-Guard Gilbert Arenas im Sommer regelmäßig die Einladung von Veranstalter Miles Rawl an. Als der Aufbauspieler der Wizards Ende August 2009 nach Washington zurückkehrt, läuft er schon am ersten Abend auf. Das Publikum besteht mitnichten aus den Fans, die Arenas regelmäßig im Verizon Center bewundern. Kaum jemand in Barry Farms kann sich Tickets für ein NBA-Spiel leisten. Entsprechend begeistert ist die Meute, als Arenas nicht nur in seinem schwarzen Ferrari auftaucht, sondern mit 35 Punkten auch noch viele Bedenken bezüglich seiner Form ausräumt.
Immerhin hatte sich der 27-Jährige während der Off-Season äußerst rar gemacht. Keine Interviews, kaum öffentliche Auftritte - stattdessen knallhartes Training mit Fitness-Guro Tim Grover in Chicago. Der Coach, der schon Michael Jordan in Form hielt, scheint auch bei Arenas nach dessen schier endloser Verletzungsodyssee ganze Arbeit geleistet zu haben.
Mit Mike Jones ist an dem Abend auch der Wizards-Reporter der "Washington Times" unter den Zuschauern, am nächsten Tag schreibt er über Arenas' "großartige Explosivität" und dessen "beeindruckende Sprungkraft".
Eines ist in Washington rund um die Wizards nicht zu übersehen: Alle dürsten nach einem fitten Agent Zero. Die Leute sehnen sich nach dem Spieler, der seit seinen 60 Punkten gegen die Lakers im Dezember 2007 den Franchiserekord für Punkte in einem Spiel hält. Sie wollen den Scorer zurück, der bereits 27 Mal in einem NBA-Spiel 40 oder mehr Punkte geliefert hat.
Pitbulls auf dem Laufband
Und der Saisonauftakt des Hautstadtclubs verläuft, wenigsten für Arenas, vielversprechend. Über 27 Punkte erzielte der 1,91 Meter-Mann, verteilte dazu knapp sechs Assists. Es scheint, als habe Arenas wirklich zu alter Stärke zurückgefunden. Daher sei hier noch einmal daran erinnert, was für ein gleichermaßen außergewöhnlicher Mensch und Spieler da über das NBA-Parkett läuft.
Bereits als Rookie bei den Warriors sorgte Arenas für Stirnrunzeln, als er sich vor seinem ersten NBA-Spiel einen luxuriös ausgestatteten Cadillac für mehr als 100.000 Dollar anschaffte, dann ankündigte, spätestens nach der ersten Hälfte der Saison Starter zu sein. Aus Wut über das schlechte Spiel seines Teams in der Halbzeit stellte er sich samt Uniform und Schuhen unter die Dusche - um dann in der zweiten Halbzeit 24 Punkte zu erzielen. Da er laut eigener Aussage an vielen Tagen nur drei Stunden schläft, ist er manchmal auch mitten in der Nacht auf der Trainingsanlage seines Clubs aktiv.
Einmal findet ihn Teamkollege Troy Murphy beim Ausdauertraining, wie er auf den Laufbändern rechts und links von sich seine beiden Pitbulls mitlaufen lässt, damit auch die ihre Kondition verbessern. Ähnlich verrückt sind seine mal geäußerten Pläne, sein Haus so umzuwandeln, dass dort Luftverhältnisse wie in den Bergen herrschen würden, um seine Ausdauer zu verbessern.
Clippers oder Wizards? Arenas lässt die Münze entscheiden
Nach zwei Jahren bei den Warriors entscheidet er per Münzwurf, ob er zu den Clippers oder zu den Wizards wechselt. Da die Münze bei zehn Versuchen acht Mal für Los Angeles spricht, entscheidet er sich für Washington, "weil ich mich allen Widrigkeiten zum Trotz dort durchsetzen wollte". Diese bizarre Entscheidungsfindung spricht für den Profisportler, der neben Agent Zero auch auf Spitznamen wie "Hibachi", "East Coast Assassin" sowie "Black President" hört und sich zu seinem 25. Geburtstag eine Party für eine Million Dollar leistete - Prominente und landesweiter Medienrummel inklusive.
Der frühere Wizards-Headcoach Eddie Jordan verlieh dem Gesamtkonstrukt an sonderbarem Verhalten seines liebenswerten Aufbauspielers die Bezeichnung "Gilbertology". Darunter fallen nicht nur negative Aspekte (wie in der Halbzeit eines Spiels online die Pokerkarten zu dreschen), sondern eben auch, dass Arenas mit Andre McAllister einen zehnjährigen Jungen unter seine Fittiche nimmt - der bei einem Brand seine Familie verloren hat - und ihm einen Job als Balljunge bei den Wizards verschafft. Oder auch, dass er bei einer Versteigerung für einen guten Zweck für 25.000 Dollar den signierten Stuhl kauft, in dem Barack Obama bei einem Wizards-Spiel saß.
Volksnaher Superstar
Trotz seiner langen Verletzungspause ist Arenas laut "Washington Times" immer noch einer der fünf beliebtesten Profisportler der Hauptstadt Amerikas. Das liegt auch daran, dass er so volksnah ist, mit seinem Ferrari alleine ins Ghetto fährt (um dort gegen talentierte Straßenspieler Ruf und Gesundheit aufs Spiel zu setzen), nach jeder NBA-Partie sein Trikot in die Menge wirft und ausführlich Autogramme schreibt. Er ist der Mann, der von seinem Vater aufgezogen wurde, mit diesem beim Umzug nach Los Angeles anfangs einige Nächte im Auto schlief und von seiner ehemals drogenabhängigen Mutter als Kleinkind zur Oma abgeschoben wurde.
Lesen Sie im zweiten Teil des "FIVE"-Portraits: Wie aus Gilbert Arenas Agent Zero wurde, warum er den Wizards 111 Millionen US-Dollar wert ist - und welches besonderes Talent ihn in der Spezialisten-Liga NBA so gefährlich macht.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles zum Thema NBA | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH