Von André Voigt
In jedem Herbst - bevor die Saisons auf diesem Globus wieder starten - ehrt die Basketballwelt ihre ganz großen Helden. Dann nimmt die Hall-of-Fame, die Basketball-Ruhmeshalle in Springfield, Massachusetts, ihren neuen Jahrgang auf.
Wer den Schritt in die Ehrenriege des Sports macht, noch dazu im ersten Jahr der Zugangsberechtigung (ein Spieler muss fünf Jahre in Rente sein, um aufgenommen zu werden), der gehört zu den Allerallergrößten. Die diesjährige Klasse war dennoch etwas Besonderes. Die NBA-Legenden John Stockton und David Robinson, NBA-Coaching-Urgestein Jerry Sloan sowie Trainerinlegende C. Vivian Stringer. Sie alle wurden jedoch in den Schatten gestellt von jenem Mann, der seit Mitte der achtziger Jahre die gesamte Sportart in seinem Bann hält: Michael Jeffrey Jordan.
Die Aufnahme von "His Airness" in die Hall-of-Fame sollte den rühmlichen Schlusspunkt unter eine Karriere setzen, die es in dieser Form nie zuvor gegeben hatte und wohl nie wieder geben wird. Teil der Zeremonie ist die sogenannte "Acceptance Speech", eine Ansprache, ähnlich wie die bei den Oscars, in der der Geehrte Danksagungen loswerden kann.
Nicht selten wird es bei dieser Gelegenheit sentimental, werden sogar manchmal jahrzehntelang schwelende Konflikte altersmilde beigelegt. Im Moment höchster Wertschätzung verzeiht es sich halt leichter. Als Jordan jedoch an das Podium trat, wartete auf die versammelte Basketballprominenz etwas ganz anderes.
23 Minuten sprach Jordan. Ein "Danke" hatte er nur für die allerwenigsten übrig. Anstelle einer ergreifenden, emotionalen Rede brachte der wohl beste Basketballer in der Geschichte des Sports eine Aufzählung derjenigen, die ihn über die Jahre motiviert hatten. Zum Verständnis: Jordans unerreichten Ehrgeiz, seinen unvergleichlichen Siegeswillen hielt der Überstar am Lodern, indem er sich einbildete, die gesamte Welt sei gegen ihn.
Der Zwang, der Beste zu sein
Wenn jemand an ihm zweifelte, wollte er demjenigen nicht nur beweisen, dass er unrecht hatte. Er wollte ihn bloßstellen. Behauptete jemand, dass er ihn verteidigen könne, wollte Jordan diese Person zerstören. Jordan war besessen vom Wunsch, der Beste zu sein, schoss dabei oft über das Ziel hinaus. So auch bei seiner Aufnahme in die Hall-of-Fame.
Genüsslich ging MJ seine Karteikarten durch. Jeder Satz ein Schlag ins Gesicht der ehemaligen Kontrahenten:
Nach jeder überflüssigen abgeschossenen Spitze wollte man ihm am liebsten zurufen: "Lass es, du hast doch gewonnen."
Nervöses Lachen im Publikum
Doch Jordan ist noch immer so, wie er als Spieler war. Unerbittlich wollte er vielleicht zum letzten Mal allen zeigen, wer über die Jahre die Nummer eins war - als ob das nur im Geringsten nötig gewesen wäre. Nicht wenige seiner Weggefährten und Kontrahenten lachten über die Anekdoten, die Jordan in seiner Ansprache preisgab. Gleichzeitig schreckten sie an vielen Punkten hoch. Aus einem feierlichen Abend in versöhnlicher Stimmung machte MJ sein ganz persönliches "Ich hab es euch allen gezeigt"-Fest.
All das zeigte, wie schwer sich Michael Jordan noch immer damit tut, nicht mehr auf höchstem Level Basketball spielen zu können. Golf, Glücksspiel, die Jordan Brand, das Dasein als Personaler der Washington Wizards oder jetzt der Charlotte Bobcats - nichts füllt ihn wirklich aus. Er lebt im Gestern, würde wahrscheinlich alles dafür geben, es diesen Youngstern von heute noch einmal zu zeigen.
Bird, Barkley, Magic - Altstars mit neuen Aufgaben
Solche Träume hat wahrscheinlich jeder alternde Ex-Star, verwirft diese allerdings schnell, es gibt ja genügend Dinge, die im neuen Lebensabschnitt Freude bereiten. Andere Altstars finden nach der aktiven Zeit neue Beschäftigungen, die sie ausfüllen. Charles Barkley macht Fernsehen, Magic Johnson baut Kinos und ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Larry Bird leitet mit Herzblut die Indiana Pacers. Und Jordan?
So erfolgreich MJ als Basketballer war, so sehr er uns alle faszinierte, als Mensch enttäuscht er auf ganzer Linie, seit er die NBA-Bühne verließ. Das spielt auf der einen Seite keine Rolle. Wir haben die Erinnerungen, die DVDs, YouTube. Wir wissen, was dieser Mann in uns ausgelöst hat, wenn wir ihn spielen sahen. Trotzdem schmerzt es, zu sehen, wie eine Ikone kein Leben nach dem Basketball findet. Michael Jordan mag alles Geld der Welt haben, in unseren und seinen Erinnerungen immer der Größte bleiben. Gewonnen hat er am Ende nur im Basketball. Das ist traurig.
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