Mona ist eine Einheitsromantikerin. Am vergangenen Sonntag ist sie mit den Kindern zum Brandenburger Tor geeilt und hat "Klingklang" gesummt. In der Budengasse auf dem Mauerstreifen wurden zum Jahrestag der Trabi-Invasion urdeutsche Spezialitäten wie Döner und Caipirinha feilgeboten. Eigentlich alles wie früher: Bei Gammelfleisch und Hochprozentigem starrten Brüder und Schwestern auf Mauer-Stücke, diesmal allerdings aus Styropor.
Der lauffreudige Gatte dagegen feierte das Einheitswochenende im Kompressionsstrumpf: Halbmarathon am Teltowkanal, der Ost und West einst trennte. Wohltuend waren die kurzen historischen Ansprachen. Läufer wollen bei drei Grad Celsius keine Einheitslyrik, sondern endlich losrennen, um den Sportsfreunden von drüben endlich mal die Hacken zu zeigen. Außerdem wurde die Bühne für den Auftritt von Karat schon hergerichtet. Bis zum Konzertbeginn sollte man durchs Ziel sein. Meine Karat-Allergie wird eigentlich nur von der Pur-Panik getoppt.
Ist bestimmt kein Zufall, dass laut einer jüngsten Umfrage nicht nur zwölf Prozent der Deutschen die Mauer wieder haben wollen, sondern auch zwölf Prozent ernsthaft laufen. Sind bestimmt dieselben. Denn der von Ehrgeiz beseelte, aber nur mit wenig Talent ausgestattete Läufer denkt ja vor allem an seinen Platz in der Ergebnisliste. Und der ist vor 20 Jahren arg ins Rutschen geraten. Seit die Sportsfreunde aus Neufünfland mitlaufen dürfen, haben sich die Platzierungen der Westler natürlich dramatisch verschlechtert. Ossis sind entweder supergut oder eine Katastrophe. Alle Superguten sind an mir vorbei. Und die anderen zum Teil auch noch.
Lang lebe das Kollektiv!
Weiß man in den neuen Ländern überhaupt, welche Opfer die Lauf-Kameraden aus dem Westen gebracht haben? Immer ist ein Ossi vorn. In Teltow hat natürlich auch einer gewonnen, ausgerechnet vom Verrückten-Club FC Union Berlin, jenem Verein, dem die Fans das rotte Stadion renoviert haben. Freudig haben Hunderte ihren Urlaub spendiert, um zu mauern, zu graben, zu malen, natürlich ohne Bezahlung. Lang lebe das Kollektiv! Aber dann maulen, wenn Lidl die Stundenlöhne senkt.
Ich stellte mich auf einen frostigen Rundenlauf ein. Aufsteigende Schweige-Grippe. Was soll man mit denen schon groß bereden? Ob sie mal eine neue Haarfarbe ausprobieren wollen nach 100 Sorten Rot? Als ost-fremdelnder Wessi hatte ich drüben mit beheizten Laufwegen gerechnet und mit Läufern im NVA-Trainingsanzug - Deutschlands Osten, ein Land voll Soli und Ostalgie. Aber selbst die Bananen an der Verpflegungsstelle blieben liegen. Undankbares Volk. Vor 20 Jahren hättet ihr eure Robotron-Plätzchenpresse für eine halbe Südfrucht hergegeben.
Soviel Hightech kapieren die West-Tussen doch gar nicht
Etwa auf der Hälfte der Strecke lief plötzlich ein kleines rotes Wesen neben mir, nicht höher als Linken-Chef Gregor Gysi, aber deutlich drahtiger und nicht viel schwerer als das Garmin-Navigationsgerät an ihrem Arm. Wir liefen schweigend nebeneinander. Sie war bestimmt Ostlerin. Schnelle Frauen mit GPS-Stulle sind allesamt Ostlerinnen. Soviel Hightech kapieren die West-Tussen doch gar nicht.
Drei Kilometer später plauderten wir endlich, wenn auch verhalten: über Kinder, Achillessehnen und Pulsuhren. Aber selbst mit den geschicktesten Fragen war nicht herauszufinden, woher sie stammte. Berlin halt. Sollte die Einheit womöglich hier und da doch vollzogen sein? Jedenfalls war sie stilvoll genug, mir auf den letzten beiden Kilometern den Vortritt zu lassen. Das ersparte mir die Peinlichkeit, sie im Finale zu überspurten - sehr gut. Soviel Stil, das weist klar auf westfälische Wurzeln hin.
Sie hatte kaum zwei Minuten Rückstand, als sie ins Ziel kam, lag aber immer noch deutlich vor ihrem Mann, so ähnlich wie bei Angela Merkel und Joachim Sauer. In Sachen Einheit war jedenfalls alles geritzt: Inge und ich waren eine, jedenfalls einen halben Halbmarathon lang.
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