Aus Bonn berichtet Sascha Klettke
Jamal Shuler nahm eine Anleihe am deutschen Nationalsport Nummer eins. Der US-Amerikaner, der für den TBB Trier in der Basketball-Bundesliga spielt, ließ sich von Landsmann Derek Raivio den Ball nach oben kicken. Shuler schnappte sich das orangefarbene Leder in der Luft und wuchtete es kraftvoll durch den Korb. 6000 Zuschauer in der ausverkauften Halle in Bonn jubelten - und die Jury gab Shuler die entscheidenden Punkte, um die Deutsche Dunking-Meisterschaft zu gewinnen.
Den Ball kunstvoll durch den Korb stopfen oder möglichst viele erfolgreiche Drei-Punkte-Würfe in 60 Sekunden zu landen - diese Showelemente dürfen bei einem Allstar-Game im Basketball nicht fehlen. Doch den Auftakt in Bonn markierte ein Jugendspiel: Die besten Spieler der Nachwuchs-Basketball-Bundesliga (NBBL) aus dem nördlichen Teil Deutschlands gegen die Auswahl des Südens. Überraschend war, dass fast alle Zuschauer schon pünktlich zu Beginn der Jugend-Begegnung in die Halle gekommen waren. Das machte deutlich: Hier geht es nicht nur um Show, sondern die Fans wollen ihre Sportart feiern.
Und sie wurden für das frühe Erscheinen belohnt, der Nachwuchs machte es spannend: Der 18-Jährige Dennis Ogbe von den Franken Hexern aus Nürnberg brachte die fast durchgehend ausgeglichene Partie mit einem Dreier in die Verlängerung. Ein Distanzwurf des 17-jährigen Mainzers Patrick Heckmann zwei Sekunden vor Schluss sorgte schließlich für den 72:68-Sieg des Südens. Das Publikum hatte am Ende der Partie fast jeden Ballbesitz so lautstark begleitet, als gehe es um ein wichtiges Playoff-Spiel.
Bundestrainer sieht neuen Trend
Dass die Fans deutsche Spieler sehen wollen, hatten sie auch bei der Wahl für die Profi-All-Stars deutlich gemacht: Im Norden wählten sie Braunschweigs Aufbauspieler Heiko Schaffartzik in die Startformation, im Süden sollten gleich drei Deutsche anfangen: Der 21-jähige Per Günther, der 20-jährige Robin Benzing (beide Ulm) und der Bonner Power Forward Tim Ohlbrecht - der musste allerdings mit einer Magenverstimmung das Bett hüten.
Bundestrainer Dirk Bauermann, der im Vorjahr die Bundesliga noch scharf für die mangelnde Förderung des heimischen Nachwuchses kritisiert hatte, lobte die Präsenz seiner Nationalspieler beim All-Star-Day: "Das zeigt, dass etwas passiert und die BBL sich des Themas angenommen hat." Im Oktober hatte die Liga beschlossen, die Deutschen-Quote in den Erstliga-Teams in den nächsten Jahren zu erhöhen.
Die Nationalmannschaft tritt im August bei der Weltmeisterschaft in der Türkei an. Und so gab der Allstar-Day dem Bundestrainer die Chance, gleich vier seiner Nationalspieler auf dem Parkett zu beobachten. Bauermann sagte SPIEGEL ONLINE: "Die Jungs schlagen sich gut - immerhin spielen sie hier gegen die besten Ausländer in der BBL." Und die, zum größten Teil US-Amerikaner, spielen nicht nur im Liga-Alltag die Hauptrolle, sondern auch beim All-Star-Game: Von den 194 Punkten machten die Deutschen gerade mal 18.
Süden am Ende um zehn Punkte besser
Aufbauspieler Heiko Schaffartzik würde gern noch viel mehr Deutsche bei der Schaufenster-Veranstaltung der Liga sehen - und zwar ein ganzes Team: "Mein Vorschlag wäre, dass die besten Deutschen gegen die besten Ausländer der Liga spielen. Das wäre ein interessantes Spiel und wahrscheinlich wollen das auch mehr Leute im TV sehen." Von 1996 bis 1998 gab es diesen Modus schon einmal - nach drei Versuchen wurde er abgeschafft, alle drei Partien gewann das Team der ausländischen Profis.
Immerhin siegte diesmal die Mannschaft, die gleich zwei Deutsche in der Startauswahl hatte: Der Süden besiegte den Norden 102 zu 92. Das hat es schon lange nicht mehr gegeben: Von den bisher 19 All-Star-Partien Nord gegen Süd gewann der Norden 16, der Süden holte jetzt erst den dritten Sieg.
Schaffartzik meint, die Süd-Auswahl hätte besser hinbekommen, worauf es bei einem All-Star-Game ankommt: Die richtige Mischung aus Spaß und Ernst. "Die waren lockerer und haben dann auch besser getroffen", sagte der Nationalspieler SPIEGEL ONLINE. Das ständige Umschalten zwischen der Klassentreffen-Stimmung und richtigem Sport war den Spielern auch anzumerken: Wenn der Ball im Aus war, wechselten Schaffartzik und sein Gegenspieler Per Günther ein paar freundliche Worte und lächelten, Sekunden später versuchte sie mit angespannter Miene, sich den Ball abzujagen.
Ein Mann, der sonst auf dem Feld meistens ein strenges Gesicht macht, hatte besonders viel zu lachen: Dem Bonner Center Chris Ensminger gelangen 16 Punkte, er fing neun Rebounds - und wurde von den Fans zum wertvollsten Spieler (MVP) des All-Star-Games gewählt. Das kann auch als Statement verstanden, was die Zuschauer außer jungen Deutschen besonders gerne in der Liga sehen möchten: Kontinuität statt Spieler, die nur eine Saison oder sogar nur wenige Monate in Deutschland spielen: Ensminger, ein 36-jährige US-Amerikaner, geht bereits seit elf Jahren in Deutschland auf Korbjagd.
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