ThemaAchilles' Ferse - LesererfahrungenRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
19.03.2010
 

Achilles' Ferse

Missionierung wider Willen

Kreuz unter dem Halbmond: Laufen als LösungZur Großansicht
ddp

Kreuz unter dem Halbmond: Laufen als Lösung

Läufer finden ihre Sportart super. Und sie haben den Drang, anders Denkende ständig bekehren zu wollen. Doch das bringt gar nichts, glaubt Achilles-Leser Alex. Dann riskiert er mal wieder einen Blick auf die Waage und weiß nur eine Lösung: Joggen.

Etwas ist anders mit meinem Freund Bernd. Sein Wohlstandsbäuchlein ist zwar noch nicht ganz verschwunden, aber er hat deutlich abgenommen in den vergangenen Monaten. Seine Augen leuchten total verklärt, und seine Mund-Nasenfalte hat verdächtig an Schärfe zugenommen. "Du", schwärmt er, "ich habe das Laufen für mich entdeckt. Total super. Mein hoher Blutdruck ist besser geworden, die Cholesterinwerte sind runter, und ich fühle mich rundum besser."

Ich sage: "Toll, macht bestimmt richtig Spaß." Und ich weiß, was jetzt kommt: Ich werde missioniert. Achten Sie mal drauf. Das machen nur Läufer und vielleicht mal ein paar versprengte Golfer. Tennis-, Fußball- oder Handballspieler, Windsurfer, Skifahrer, Schachspieler - die würden nie auf die Idee kommen, andere zu ihrem Sport zu bekehren. Läufer hingegen haben ein Sendungsbewusstsein, das so penetrant ist wie Werbung im Privatfernsehen.

Tatsächlich, schon legt Bernd nach: "Du solltest auch laufen gehen, das würde dir gut tun." Und bevor ich sagen kann: "Nein, würde es nicht, es würde mir sogar ausgesprochen schlecht tun, und ich hänge lieber ab", geht es schon los: "Geil, ich habe jetzt auch ein Programm für meinen Computer. Da kann ich meine Laufroute per GPS aufzeichnen, Durchgangszeiten berechnen und meine Leistung optimieren", sagt Bernd. Ich frage: "Was ist daran denn so toll?" Und Bernd: "Naja, so die Zeiten und so, dass ich weiß, wie schnell ich bin. Und ich kann es mit Outlook übers Palm synchronisieren, und dann weiß ich immer und zu jeder Zeit und überall, wo ich noch schneller werden kann und wie viele Kilometer ich in der Woche zurücklege."

Im Geiste habe er sogar schon mal seine Steuererklärung gemacht

Ich sage ihm, dass mich das nicht gerade vom Hocker haut, weil ich's auch nicht so mit Kleincomputern habe, schon gar nicht aber mit Laufen. "Doch, doch", sagt Bernd, "du müsstest es nur mal versuchen, dann würdest du …" "Nein, würde ich nicht und will ich auch nicht", entgegne ich etwas unwirsch. Doch weil ich Bernds traurigen Blick sehe, frage ich: "Aber dir gefällt's ja gut, und das ist das Wichtigste. Was begeistert dich denn sonst so am Laufen?" Er schwärmt daraufhin von den tollen Gedanken, die er sich auf der Strecke macht.

Da könne er über alles nachdenken, habe im Geiste sogar schon mal seine Steuererklärung gemacht. Weil er mein Freund ist und so glücklich momentan, habe ich ihm nicht erzählt, dass bei mir schon die Steuererklärung allein schlechte Laune verursacht.

Wenn ich laufe, denke ich nur: "Eins, zwei, drei, vier, schnauf, eins, zwei, drei, vier, schnauf, eins, zwei, drei, vier, schnauf, zu heiß, zu kalt, und vor allem: Wann ist der Mist hier endlich zu Ende?" Wen wundert's: Im Sommer knallt mir Ozon in die Bronchien, im Winter friert der Rotz im Bart fest.

Oh ja, und von Glücksgefühlen beim Laufen schwärmt mir Bernd vor. Die Endorphin-Ausschüttung! Ich denke: "Och, das kann ich leichter haben: Ein Bier unter freiem Himmel, ein Sommertag am Strand, meine süße Tochter, die mich anlacht, meine Frau, die mir sanft den Nacken streichelt."

Das will ich noch einmal schaffen, bevor die Gräten es nicht mehr gestatten!

Und das bringt mich darauf, was mich an Bernd ernsthaft verstört: Wenn er nicht übers Laufen redet, betont er immer wieder, wie wichtig ihm seine Familie sei. Ich frage mich: Wenn das wirklich so ist, warum läuft er dann fast jeden Tag zwei Stunden vor ihr weg?

Es ist Mitte 2009, als ich mir endlich eingestehe, mich wie ein Walross zu fühlen. Die Waage zeigt bei 182 Zentimetern Größe 89,8 Kilogramm an. Noch keine Katastrophe, aber zu meinen Zeiten als Leistungssportler wog ich 80 Kilogramm, die hauptsächlich aus Muskeln bestanden. Nun ist leider massiv Fett im Spiel.

Also, was tun? Der Zeitmangel (Frau, Kinder, Arbeit) lässt keinen Mannschaftssport zu, deshalb entschließe ich mich widerwillig, meine alten Joggingpuschen zu reaktivieren. Anfang Juni laufe ich an drei Tagen sehr kurze Distanzen. Ist nicht so toll, aber geht irgendwie. Zur groben Orientierung nehme ich mir ein paar Wochen später eine Uhr mit und stelle fest, dass ich für 5000 Meter 34 Minuten brauche. Und da erinnere ich mich, dass ich das während des Sportstudiums ohne spezifisches Training aus der kalten Hose in 21 Minuten geschafft hatte. Es macht "Klick" bei mir, und ich beschließe: Das will ich noch einmal schaffen, bevor die Gräten es nicht mehr gestatten!

Ich laufe inzwischen dreimal die Woche, spule dabei wöchentlich zwischen 25 und 40 Kilometer ab. Natürlich besitze ich mittlerweile auch alle Accessoires, die ein professioneller Läufer besitzen muss. Silvester habe ich bei Schnee, Eis und beißendem Gegenwind meinen ersten Halbmarathon in 1:54 Stunden absolviert. Mit Bernd (Marathon-Bestzeit 3:02) gehe ich regelmäßig laufen und werte meine Trainings selbstverständlich am Computer aus.

Und das Beste: Laufen langweilt mich noch immer zu Tode. Aber ich bin inzwischen bei 84 Kilogramm angelangt und habe meine Bundweite von 34 auf 32 Inches reduziert. Deshalb - und nur deshalb - werde ich weitermachen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
alles zum Thema Achilles' Ferse - Lesererfahrungen

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Buchtipp

Achim Achilles:
Der Vollzeitmann.
Endlich das eigene Leben zurückerobern.

Südwest Verlag; Oktober 2009; gebunden; 304 Seiten; 19,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen

Achilles-Kalender 2010

Ab sofort plant die Laufgemeinde die neue Saison – mit dem Achilles-Laufkalender 2010. Darin finden Freizeitsportler das bewährte Trainingstagebuch zur Dokumentation von Höchstleistungen und Tiefschlägen, unbezahlbare Ratschläge zu Training und Motivation, die wichtigsten Lauftermine und Bizarres aus der weiten Welt des Laufens. Der Kalender hat 160 Seiten, ist bei Heyne erschienen und kostet 6,95 Euro. Besser als Epo - die tägliche Dosis Achilles.
Zum SPIEGEL-Shop!

www.achim-achilles.de

Seit einigen Jahren schreibt er seine Kolumnen, jetzt geht Kultläufer Achim Achilles online - mit seiner Web-Seite www.Achim-Achilles.de. Das Portal bietet den Millionen Läufern hierzulande Infos, Tipps und Spaß - für Einsteiger wie Laufprofis. Die lebendige Läufer-Community tauscht letzte Weisheiten aus, ein halbes Dutzend Experten berät kostenlos. Immer nach dem Motto des Bestseller-Autors Achilles: "Laufen, leiden, lachen, leben".

Freundschaft mit Achim

berlin-bits.de
Deutschlands Kultläufer ist jetzt auch in einer der größten Web-Communitys unterwegs: Besuch Achim auf Facebook , werde sein Fan und verpass nie mehr seine Kolumnen oder Lesungen. Auf Twitter kannst du außerdem live erleben, was Achim sonst so treibt: schwitzen oder Training schwänzen?




TOP



TOP