Von Carsten Eberts
Hamburg - Das Ellenbogenband im März 2003: gerissen. Die Mittelhand ein Jahr später: gebrochen. Der Schienbeinkopf im August 2008: gebrochen. Im Sommer 2009 dann die OP an der Achillessehne, bei der ein Knochensporn entfernt wurde. Für Pascal Hens waren das vier schwere Verletzungen in sechs Jahren, kleinere Bänderrisse und ein Bandscheibenvorfall gar nicht mitgerechnet.
Irgendwann reicht es, dachte sich Hens. Er wollte nach der Achillessehnen-Operation nicht wieder halb-auskuriert in ein schweres EM-Turnier gehen. "Es hat keinen Zweck, so zu spielen. Immer Schmerzen. Ich brauche eine Auszeit", sagte Hens. Das war im Oktober 2009.
Deutschlands bester Handballer im linken Rückraum verzichtete auf die EM - und alle zeigten Verständnis. "Die Absage ist ganz in meinem Sinne. Pascal muss endlich wieder zu seinem vollen Leistungsvermögen kommen", sagte Bundestrainer Heiner Brand, der fortan ohne seinen besten linken Rückraummann planen musste. Deutschland wurde bei der EM in Österreich nur Zehnter. Und immer wenn Hens-Vertreter Lars Kaufmann einen Ball unbedrängt in die Arme der Gegner warf, ertappte man sich beim Gedanken, dass Hens die Situation wohl eleganter gelöst hätte.
Nun ist die EM vorbei - und Hens fit. Das zeigte der Hamburger gleich im ersten Pflichtspiel nach der Turnierpause, im Pokal-Viertelfinale beim Zweitligisten VfL Bad Schwartau. Das ist ein brisantes Duell, denn der HSV übernahm 2002 die Bundesligalizenz des VfL und die Erstligamannschaft gleich mit. Dass Schwartau in der ersten Halbzeit nicht davonzog, verdankte Hamburg allein Hens: Er führte sein Team dynamisch über das Feld, erzielte vier der ersten sieben HSV-Tore, legte ein ums andere Mal klug nach Außen oder an den Kreis ab.
Hamburg gewann 36:29. Und Hens? Seine operierte Achillessehne schmerzte nicht. "Ich fühle mich ganz gut", sagte Hens nach dem Spiel SPIEGEL ONLINE. Jeder in der Halle hatte gesehen, dass dieser Satz eine Untertreibung war.
Sieben Stunden, 33 Minuten, 14 Sekunden auf dem Feld
Die gute Form attestierte ihm auch sein Trainer Martin Schwalb. "Pascal war heiß, man hat richtig gesehen, dass er wieder Freude am Handball hat", sagte Schwalb. Das konnte man von seinen Teamkollegen nicht behaupten. Nationaltorhüter Johannes Bitter verzog schon beim Aufwärmen das Gesicht, Kreisläufer Igor Vori kam aus dem Lamentieren gar nicht mehr heraus. Sechs Tage nach der EM wirkten sie unkonzentriert und müde. "Wir hatten natürlich gehofft, dass unser Spiel schon besser funktioniert", sagte Hens. Vor allem in der ersten Halbzeit gelang es dem 30-Jährigen gut, die Müdigkeit seiner Kollegen zu kompensieren.
Denn für sie ist die Belastung gewaltig. Zehn Akteure musste der HSV für das EM-Turnier abstellen. Fünf von ihnen (Guillaume und Bertrand Gille vom Europameister Frankreich sowie Vori, Blazenko Lackovic und Domagoj Duvnjak von Finalgegner Kroatien) waren bei der Maximalzahl von acht Turnierspielen gefordert. Die längste Einsatzzeit aller Feldspieler hatte Vori: Er stand laut HSV-Homepage sieben Stunden, 33 Minuten und 14 Sekunden auf dem Feld.
Wird die Europameisterschaft so für den HSV zur Bürde? "Das ist natürlich unsere Befürchtung", sagte Coach Schwalb SPIEGEL ONLINE, "aber wir wollen die Belastung nicht so sehr zum Thema machen. Jammern hilft schließlich nichts." Dabei hätte Schwalb durchaus Grund, das Turnier gehörig zu verfluchen: Kreisläufer Bertrand Gille, der erst kurz vor der EM nach einem Achillessehnenriss wieder fit wurde, kehrte mit einer entzündeten Ferse zurück und fällt erneut mehrere Wochen aus. Wann Rechtsaußen Stefan Schröder nach seinem Trommelfellriss wieder spielen kann, ist ohnehin fraglich.
Hamburg will den Meistertitel
Schon jetzt ist klar, dass Hens' Auszeit für den HSV die richtige Entscheidung war. Die nächsten Wochen werden das bestätigen. Denn Hamburg spielt am Donnerstag in der Champions League gegen den norwegischen Club Fyllingen. Das nächste Ligaspiel findet am Samstag in Melsungen statt, am Mittwoch darauf kommen die Rhein-Neckar Löwen. "Wir haben alle drei, vier Tage ein Spiel", sagte Schwalb, "was sollen wir anderes machen, als zu regenerieren?"
Wie groß die Belastung für die Top-Teams derzeit ist, zeigte am Wochenende der THW Kiel. Der deutsche Rekordmeister musste acht Nationalspieler nach Österreich abstellen, ist der einzige Konkurrent des HSV um den Meistertitel. Kiel verlor sein Pokal-Viertelfinale überraschend 28:35 beim VfL Gummersbach, erzielte in der ersten Halbzeit nur zwölf Tore. Torwart Thierry Omeyer, mit Frankreich Europameister, wurde früh gegen Stellvertreter Peter Gentzel ausgetauscht, der Tscheche Filip Jicha, bei der EM noch überragender Spieler, traf erstmals in der 37. Minute. 1401 Tage zuvor hatte der THW zuletzt ein Pokalspiel verloren. Nun verpasst Kiel zum ersten Mal seit sieben Jahren das Final Four, das am 10. und 11. April in Hamburg stattfindet.
Der HSV will in diesem Jahr nicht nur den Pokalsieg: Dem Rekordmeister aus Kiel den Meistertitel abluchsen, das wäre der große Coup. Am 22. Mai treffen beide Teams in Hamburg aufeinander, hier entscheidet sich am drittletzten Spieltag wahrscheinlich die Meisterschaft. Auf dem Weg dahin ist der ausgeruhte Pascal Hens der große Vorteil des HSV. Dem Rückraumspieler geht es immerhin "ganz gut".
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