Bitte nicht Marvin, das überlebe ich nicht. Marvin war in einem früheren Leben Folterknecht, jetzt ist er für den Sauna-Aufguss zuständig. Ich japse wie beim Tempolauf. An meine linke Hüfte drückt sich ein behaarter Südosteuropäer, in meinen Steiß bohren sich die nagelverpilzten Zehen eines Schöneberger Ureinwohners, rechts müht sich eine Dame mit Turban, die sich in drei Handtücher gewickelt hat, Abstand zu halten. Völlig unmöglich. Um kurz nach 21 Uhr gibt es alles in der Sauna meines Fitnessstudios, aber keine Distanz.
Demnächst wird der letzte Aufguss des Abends zelebriert; Gedränge wie beim Marathon-Start. Laut Guinness-Buch der Rekorde kann man 40 Menschen in eine Telefonzelle quetschen. In diesem Holzverschlag schwitzen sich weit mehr Leiber an. Öffentliche Sauna, das ist so klebrig wie Swingerclub, zwar ohne Sex, dafür aber mit doppelt so viel Geglotze.
Schwitzen ist gesund, sagt Mona, das hilft dem Läufer bei der Regeneration. Aber nur, wenn der Nachbar seine Schuppenflechte für sich behält. Und wenn die Schwitzerei nicht länger dauert als drei Minuten. Aber wer einen Platz beim Aufguss haben will, muss schon zehn Minuten vorher ins schwitzende Inferno, weil der Pöbel vom Spinning-Kurs sonst alle Plätze besetzt.
Ausgelebter Exhibitionismus auf einem Hektar Badetuch
Spinning-Sportler sind wie "Ballermann"-Touristen: Sie gehen betont breitbeinig, sind sportmodisch maximal verstyled und haben dafür immer einen Spruch parat, den keiner hören will. Die besten Saunaplätze ganz oben belegen sie mit ausgelegten Handtüchern. Und dann quatschen sie, am liebsten über Nervensägen, die in der Sauna die ganze Zeit quatschen.
Es gibt nur zwei Sorten Saunafreunde: den peinlich exhibitionistischen und den peinlich verklemmten. Der eine holt noch mal Luft, reißt dann die Tür auf, brüllt "Moinsen", sortiert mit abgespreiztem kleinen Finger das teilrasierte Gemächt und versucht gleichzeitig, Blickkontakt mit den anwesenden Frauen aufzunehmen, die aber alle synchron zu Boden starren. Währenddessen müht sich ein verklemmtes Männchen, sich hinter dem breitschultrigen Vorzeiger unauffällig in die Kabine zu drücken. Leider stolpert er über den Adiletten-Stapel am Eingang. Alle grienen, als ihm das Handtuch von seinen faltigen Hüften rutscht.
Der Exhibitionist breitet zwischen zwei Frauen einen Hektar Badetuch aus und beginnt mit Situps. Dann stürzt er zum Ofen und macht einen Privataufguss. Zwei Minuten später ist er auch schon wieder draußen. Der Verklemmte dagegen verlässt die Sauna immer erst, wenn keiner guckt. Also nie. Die dunklen Streifen im Saunaholz stammen bestimmt von verkohlten Klemmis.
Plötzlich verdunkelt sich die Sonne. Marvin naht, der Folterknecht. Es gibt keinen Grund, ihn herbeizusehnen, außer, dass es dann schneller vorbei ist. Ich könnte im letzten Moment aus der Tür huschen und "Anschlusstermin" murmeln oder "Kinderinsbettbringen". Aber keiner würde mir glauben. Marvin trägt ein Handtuch um die Hüften, ein anderes über dem Arm, einen Eimer Wasser und ein Tablett mit Orangenscheiben. "Seid ihr alle da?" ruft Marvin. "Nein!", brüllen die Spinner. Fast wie im Rammstein-Konzert hier. Psychedelische Kreise hüpfen vor meinen Augen.
Der Geruch verbrannter Achselhaare liegt in der Luft
Erste Runde. Marvin leert einen Hektoliter Wasser auf die Steine und lässt das Handtuch hubschraubern. Ich kriege keine Luft mehr. Marvin legt das Handtuch zusammen und drischt die heiße Luft mit dem kaukasischen Beidhänder direkt auf meinen Leib. Der Hühnergrill beim "Wienerwald" ist eine Kühlkammer dagegen. Selbst die großmäuligsten Spinner sind verstummt. Pfeift schon einer, weil ihm das Wasser im Hintern kocht? Läuferkühn frage ich: "War das schon alles?" Erschrocken gucken mich alle an. Au weia, jetzt droht Klassenkeile.
Alle außer mir wissen, was jetzt passiert: Marvin wedelt noch zwei Extrarunden, ausgesprochen gemächlich und immer in meine Richtung. Mir wird schwindelig. Ich meine, verbrannte Achselhaare zu riechen. Endlich gibt Marvin die Orangenscheiben in die Runde. Meine Saunafreunde reichen den Teller so geschickt umher, dass er immer weiter als eine Armlänge von mir entfernt ist. Am Ende bleibt mir ein Sortiment abgenagter Schalen. Auch egal.
Marvin und die anderen stehen an den Fußbecken und pumpen. Sieht aus wie im Ziel vom Marathon. Sauna ist wie Laufen ohne Beineinsatz: heiß, anstrengend, sauerstoffarm, und ab der Hälfte kann ich nicht mehr.
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Warum ausgerechnet heißt der Folterknecht Marvin? Ist er 'the paranoid anthropoid'? Oder ist dieser Marvin gemeint: http://marvinrunning.blogspot.com ? ;-) mehr...
selten so gelacht! mann, haben heten probleme! und DAS tun die sich echt freiwillig an? mehr...
...für feuchte Träume? Ich bin sehr oft in öffentlichen Saunen, aber dergleichen habe ich noch nicht erlebt. Vielleicht sollten Sie mal den Fitnessclub wechseln! mehr...
Ist die Sauna zu hart, bist du zu schwach. Manche sollten halt beim warmduschen bleiben, anstatt ihre zerbrechliche Psyche Dingen auszusetzen die sie nicht erträgt. mehr...
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