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23.05.2010
 

Hamburgs Handballer

Zu viel Druck, zu wenig Klasse

Von Michael Baltes

Hamburger Trainer Schwalb: "Der THW Kiel wird verdient Meister"Zur Großansicht
Getty Images

Hamburger Trainer Schwalb: "Der THW Kiel wird verdient Meister"

Die Konstellation hätte nicht besser sein können: Heimspiel, ersatzgeschwächter Gegner, ein Punkt Vorsprung. Doch die Handballer des HSV Hamburg hatten ihre Nerven nicht im Griff. Am Ende triumphierte wieder einmal der THW Kiel, der erneut Meister werden dürfte.

Fast starr wirkte der Blick von HSV-Trainer Martin Schwalb in den letzten Sekunden der Partie. Hilflos saß der 47-Jährige auf der Trainerbank. Von den wilden Gesten, die er in den vorangehenden 59 Minuten an der Seitenlinie gezeigt hatte, war nichts mehr zu sehen. Auch auf Spielfeld und Rängen war die Ernüchterung spürbar: wohl wieder keine Meisterschaft, wieder nur Platz zwei hinter dem THW Kiel.

Als der dänische Top-Torjäger Hans Lindberg Sekunden vor Schluss zum zehnten und letzten Mal am Samstagnachmittag für den HSV traf, jubelte fast niemand mehr. Das Tor war nur noch Ergebniskosmetik. Die Hamburger verloren das Spiel 31:33 und damit höchstwahrscheinlich auch den Titelkampf. "Unter dem Strich war der THW einfach besser und wird verdient Meister", sagte HSV-Trainer Martin Schwalb.

Alles war perfekt angerichtet, um den Meister aus Kiel nach fünf Jahren der durchgehenden Regentschaft zu entthronen. Eine mit 13.296 Zuschauern ausverkaufte Halle, dazu die gute Ausgangslage mit einem Punkt Vorsprung und ein HSV ohne jegliche Verletzungssorgen. Es reichte trotzdem nicht gegen den ersatzgeschwächten THW. Die Chance, gegen Kiel zu gewinnen, war selten so hoch wie in diesem Spiel - nur nutzen konnte sie der HSV nicht. Die Hamburger hielten dem Druck nicht stand, sie zerbrachen an der eigenen Nervenschwäche.

In den entscheidenden Situationen der Partie versagten die HSV-Profis: leichte Fehler im Spielaufbau, Unkonzentriertheiten beim Abschluss. Die Hamburger lagen im Spitzenspiel nie vorn. Die wenigen Gelegenheiten, doch in Führung zu gehen, wie beispielsweise beim Stand von 14:14 kurz vor der Halbzeit, vergaben sie leichtfertig.

"Der Druck war wohl bei dem einen oder anderen zu groß", sagte Schwalb. Allen voran zwei deutsche Nationalspieler schwächelten: Pascal Hens und Torsten Jansen. Von Rückraumspieler Hens war in der ersten Halbzeit nichts zu sehen: keine Impulse im Spiel nach vorne, kein einziger Treffer. Am Ende warf Hens drei Tore.

Genialer Coup von THW-Trainer Gislason

Für Mannschaftskollege Jansen lief es kaum besser: Nur wenige gute Aktionen gingen von dem Hamburger Linksaußen aus. Er versuchte sich lieber als Motivator der eigenen Fans. In der entscheidenden Phase des Spiels, Mitte der zweiten Halbzeit, forderte der 33-Jährige wild gestikulierend mehr Unterstützung. Die HSV-Fans folgten dem Wunsch und gaben noch einmal alles. Nur Jansen selbst konnte nicht mehr zulegen.

Einzige Lichtblicke beim HSV waren Torhüter Johannes Bitter, Rückraumspieler Domagoj Duvnjak und Lindberg. Diesem Trio war es zu verdanken, dass Kiel die Hamburger nicht mit einer höheren Niederlage vom Platz schickte. Bitter zeigte starke 14 Paraden und hielt dazu noch einen Siebenmeter. Lindberg war mit zehn Treffern Hamburgs bester Torschütze, gefolgt von dem 21-jährigen Kroaten Duvnjak, der siebenmal traf.

Der Rest des Teams blieb blass, auffällig nur beim Vergeben von Chancen oder bei Nachlässigkeiten in der Defensive. So konnte es nicht klappen gegen Meister Kiel. Die Gäste kamen immer wieder mit schnellen Tempogegenstößen zum Erfolg. Der Hallensprecher hatte oft noch nicht den einen Torschützen verkündet, da musste HSV-Torhüter Bitter den Ball schon wieder aus dem eigenen Netz holen.

THW-Coach Alfred Gislason stellte hingegen einmal mehr seine Klasse als Taktiker und Motivator unter Beweis. Trotz angespannter Personallage war es Gislason gelungen, sein Team perfekt auf den Gegner einzustellen. Mit dem Torwartwechsel kurz vor Schluss und der Einwechslung des angeschlagenen Momir Ilic nur für die Siebenmeter setzte er die entscheidenden Akzente von der Bank aus.

"Wir haben eine tolle Saison gespielt"

Auf dem Platz führte der Tscheche Filip Jicha den THW. Mit acht Toren war der 28-Jährige Kiels bester Schütze. In wichtigen Situationen übernahm er die Verantwortung. "Dieser Sieg ist unglaublich wichtig für uns und unser Selbstbewusstsein, aber die Meisterschaft ist noch nicht entschieden", sagte Jicha.

Kiel, das jetzt einen Punkt vor dem HSV liegt, hat noch zwei Spiele zu bestreiten: gegen Balingen-Weilstetten (2. Juni) und in Großwallstadt (5. Juni). Da sollte nichts mehr schiefgehen mit der 16. Deutschen Meisterschaft der Vereinsgeschichte.

HSV-Coach Schwalb bemühte sich, nach dem Spiel Optimismus zu verbreiten. "Wir haben eine tolle Saison gespielt, von 31 Bundesliga-Spielen 28 gewonnen, das ist doch Klasse. Wir nehmen die Champions-League-Teilnahme mit, dafür kämpfen andere wie die Löwen und schaffen es nicht."

Das Grinsen in Schwalbs Gesicht verriet, dass er auf die Rhein-Neckar Löwen anspielte, die durch weitere Investitionen in die Phalanx der beiden Nordclubs eingreifen wollen. Den ersten Treffer konnten die Löwen schon setzen: Krzysztof Lijewski wechselt spätestens 2011 vom HSV nach Mannheim.

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