Früher musste der Mensch laufen, um sein Abendbrot zu fangen. Nur schnelle und ausdauernde Steinzeit-Sportler brachten ein zartes Wildbret in die heimische Höhle oder ein paar Nüsse und Beeren vor hungrigen Zeitgenossen in Sicherheit.
Heute läuft der Mensch nicht dem Essen hinterher, sondern flieht vor dem Pizzaboten, aus Angst vor Herzverfettung und prallen Hüften. Die nächtliche Fressattacke kommt dennoch so sicher wie der Hungerast beim Marathon. Laufen und Essen, das sind Überlebenstechniken, die den Neandertaler mit Reiner Calmund verbinden, wenn auch in unterschiedlicher Reihenfolge.
Fakt ist: Weder eine Sommerserie geselliger Grillabende noch das vierwöchige Trinkgelage zur Fußball-WM sind mit dem idealen Wettkampfgewicht in Einklang zu bringen. Einer leidet immer - der Läufer. Entweder an Hunger, Sodbrennen, Durst oder Kater.
2000 Meter Tempotraining pro Pils
Hätte der große Lauf-Manitu gewollt, dass seine Anhänger nur Salatblätter essen, hätten sie auch Hasen werden können. Aber Läufer sind menschliche Wesen, getrieben vom dialektischen Doppel aus heiterer Disziplinlosigkeit und beträchtlichem Ehrgeiz. Glaubt man Psychologen, dann ist es ganz einfach, Currywurst und Fitnesswahn zu harmonisieren. Der Mensch schließt einfach einen Vertrag mit sich: Jeder Genuss ist abzubüßen. 2000 Meter Tempotraining pro Pils, eine Stunde flotten Trab für Schweinebraten plus Extraknödel. So sollen Lebensfreude und Läuferleid im Idealgewicht bleiben. Aber wer glaubt schon Psychologen.
Auch mit Studien, die die segensreiche Wirkung von Schokolade, Fleisch und alkoholischen Getränken preisen, kann man sich erfolgversprechend betrügen. Die Harvard Medical School ermittelte, dass das nur im Rotwein enthaltene Antioxidans Resveratrol lebensverlängernd wirken kann. Die University of California-Davis hat herausgefunden: Im Wein finden sich überdies pflanzliche Verbindungen namens Saponin, die die Aufnahme von Cholesterin blockieren. Weil in einem Glas Rotwein aber nur die Hälfte der täglich verwertbaren Menge an Saponinen schwimmt, muss man natürlich zwei trinken.
Gesund genießen, abnehmen und dennoch gute Laune - diese Ziele vereinen die große Läuferfamilie. Für alle gelten jedoch folgende Grundgesetze, ganz gleich, ob Olympionike oder Walk-Memme, ob linksdrehender Veganer oder Kellenmeister an der Gulasch-Kanone.
Zehn Regeln für Läufer
Wie aber macht man den Hunger zu seinem Freund? Tapfer meditiere ich abends vor einem Glas Wurstwasser. Ich kann den Käseklotz durch die Kühlschranktür riechen. Aber ich bin tapfer. Und warte ein Viertelstündchen, bis ich mich auf den Edamer stürze. Vielleicht greife ich diesmal aber auch zur Möhre.
Vor jedem einzelnen Bissen steht der Läufer wieder vor der Entscheidung: Twiggy oder Vielfraß? Wasser oder Wodka? Endloses Zaubern am Herd oder ratzfatz den Plastikfraß in die Mikrowelle? Klare Sache: Puls- und Eieruhr sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten ein- und desselben Läuferlebens.
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