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30.07.2010
 

Handball-Nationalkeeper Lichtlein

Der dritte Mann

Von Tim Oliver Kalle

Handball-Nationaltorhüter Lichtlein: "Das alles ist ein Ansporn für die nächsten Aufgaben"Zur Großansicht
dpa

Handball-Nationaltorhüter Lichtlein: "Das alles ist ein Ansporn für die nächsten Aufgaben"

Mit der Reservistenrolle lebt Handball-Nationaltorhüter Carsten Lichtlein schon seit einigen Jahren. Seine unauffällige Art macht ihn für Bundestrainer Heiner Brand dennoch unentbehrlich. Das "Handball-Magazin" über die letzten großen Pläne des 29-Jährigen.

Irgendwann müsste eigentlich jeder frustriert sein, aufgeben und sich abwenden. Mit Mühe herangekämpft, fast angekommen - und wieder abgestürzt. Die Karriere des Torwarts Carsten Lichtlein liest sich wie eine fortgesetzte Strafexpedition: kurz vor den Olympischen Spielen 2004 und 2008 aus der Nationalmannschaft aussortiert, zuletzt bei der EM in Österreich durchs Raster gefallen und ohne Spiel abgereist. Und von seinem Verein TBV Lemgo im Winter ohne neues Vertragsangebot stehen gelassen.

Lichtlein könnte mit seinem Schicksal hadern, doch seine Augen leuchten. "Mich stachelt das immer wieder an", sagt der 29-Jährige. "Das alles ist ein Ansporn für die nächsten Aufgaben." Er hat sein Ziel klar definiert: London 2012, die Olympischen Spiele.

Inzwischen ist Lichtlein der älteste Torhüter der deutschen Nationalmannschaft. Er hat geduldig als junger dritter Mann die Zeiten erlebt, als noch Henning Fritz und Christian Ramota vor ihm standen. Zwischenzeitlich drängten Johannes Bitter, 27, und Silvio Heinevetter, 25, an ihm vorbei und besetzten das Tor. Lichtlein sagt: "Mit der Situation muss man zurechtkommen und darf sich nicht einen zu großen Kopf machen." In der Welt des Reserve-Europa- und Weltmeisters gibt es eine simple Strategie: "Man kann nur seine Leistung bringen - egal, ob es ein Lehrgang oder ein großes Turnier ist. Wichtig ist, dass ich mir nichts vorwerfen kann. Alles andere muss man halt akzeptieren."

"Jeder gibt, was er kann, und dann entscheidet Heiner"

In den WM-Playoffs gegen Griechenland vertrat er im deutschen Tor gelegentlich den überragenden Heinevetter, während Bitter vom Bundestrainer erst gar nicht berücksichtigt worden war. Vom prominenten Simone-Thomalla-Freund Heinevetter kommen nicht nur spektakuläre Paraden, sondern immer wieder mal forsche Töne; ohne große Umstände erklärt er langfristige Ansprüche auf die Nummer eins.

Lichtlein wirkt dagegen eher wie ein stiller, aber emsiger Kaufmann: Er bietet Leistung an, die nachgefragt werden soll. Wie die Konkurrenten im Alltag halten, interessiert ihn nicht - Lichtlein schaut auf sich und sagt zur Situation der Torhüter: "Ich sehe das nicht als Kampf. Jeder gibt, was er kann, und dann entscheidet Heiner."

Auch aus dieser unaufgeregten Loyalität entsteht der Eindruck, dass Lichtlein bei Brand eine hohe Wertschätzung genießt. "Carsten", sagt der Bundestrainer, "ist immer voll dabei. Und mir hat es schon mal wehgetan, wenn ich ihm sagen musste, dass er ausgeschieden ist - vor allem vor den Olympischen Spielen in Peking." Aufmerksam registriert Brand die Weiterentwicklung des 2,02-Meter-Mannes: "Sportlich hat er gerade in den letzten anderthalb Jahren zugelegt. 'Lütti' ist auf einem sehr guten Weg."

Auch im Club Reservist

Dabei muss sich Lichtlein in Lemgo des starken Tschechen Martin Galia erwehren. Und zum Jahreswechsel geriet gar sein Renommee in Gefahr, weil ihm der ostwestfälische Bundesligist trotz tadelloser Dienstzeit keinen neuen Vertrag angeboten hatte. "Ich war überrascht", gesteht Lichtlein. Viereinhalb Jahre in Lemgo, Nationaltorwart - und dann ausgemustert. "Jetzt", fürchtete er, "stehst du ohne Arbeit da." Der fröhliche Torwart wurde zu einem nachdenklichen Mann.

Dabei war die Geschichte mit dem Vertrag auch eine unglückliche Abfolge von Gesprächen und vermutetem Desinteresse. Lemgo erkor bereits im Herbst das Sparen zur obersten Prämisse, Geschäftsführer Volker Zerbe gab seinem Torwart einen finanziellen Rahmen vor. Inzwischen sagt er: "Es war absehbar, dass das nicht in Frage kam." Von Lichtlein und dessen Berater Wolfgang Gütschow gab es auch keine Signale - die Nachricht mit dem ausgebliebenen Vertragsangebot war in der Welt.

Lichtlein reagierte nicht mit Trotz, sondern mit Paraden. "Die Leistung", sagt er, "hat gestimmt. Wenn ich reingekommen bin, habe ich gut gehalten." Lichtlein ist stark genug, die Rolle als Reservist auszuhalten, doch das passt nicht zu seinen langfristigen Olympia-Plänen: "Da möchte ich hin - und dafür muss ich spielen."

Mangels Alternative haben sich inzwischen Torwart und Verein wieder zusammengerauft. Dass er seinen Vertrag nur bis 2011 verlängert hat, lässt noch keine Ruhe für die anschließende olympische Saison, ist aber Kalkül - zu groß sind die Gehaltseinbußen, die er beim EHF-Cup-Sieger hinnehmen muss. "Ich mache das ein Jahr mit", sagt Lichtlein. Der Plan: 2011 laufen mehrere Verträge aus; das Verhältnis von Nachfrage und Angebot könnte sich zu seinen Gunsten ändern.

Fokus liegt auf London 2012

Geht Lichtlein zwischen die Pfosten, dann brodelt es in ihm. "Ich bin emotional aufgewühlt, aber es ist wichtig, dass ich die Konzentration behalte", sagt er. Das Spiel im Extrembereich gleicht er abseits der Halle aus: Mit Kimba, seiner ungarischen Jagdhündin, lässt er den Stress des Alltags hinter sich. Knapp zehn Stunden pro Woche arbeitet er als Steuerfachangestellter.

Dennoch ist Lichtlein einzig auf London fokussiert. Am 4. November wird er 30 - als aktiver Sportler hat er inzwischen mehr Vergangenheit hinter als Zukunft vor sich. Er lässt diesen Gedanken locker an sich abperlen. "Ich bin Torhüter. Die spielen immer ein bisschen länger", sagt Lichtlein. Was soll er auch tun? Er kann nur aufstehen und sich immer wieder anbieten.

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