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26.07.2010
 

Siebenmeter im Handball

Vollstrecker am Strich

Von Rafael Buschmann

Kiels Jicha beim Siebenmeter: Nervenstärke und der Wille, Verantwortung zu übernehmenZur Großansicht
ddp

Kiels Jicha beim Siebenmeter: Nervenstärke und der Wille, Verantwortung zu übernehmen

Siebenmeter sind nervenaufreibende Momente - für Schützen und Torwart gleichermaßen. Das "Handball-Magazin" hat analysiert, warum Außenspieler sich für den Wurf von der Linie am besten eignen und wie Keeper es schaffen, Spieler aus der Fassung zu bringen.

Sie sind technisch sehr gut ausgebildet, fintenreich und haben ein extrem gutes Auge - Außenspieler. Diese Qualitäten sind anscheinend auch bei Siebenmeterschützen gefragt. Zumindest die Statistik der Bundesliga spricht klar dafür. Unter den Top Ten der Vollstrecker vom Strich befinden sich neun Außenspieler. "Rückraumschützen", sagt Lars Christiansen, "haben oft nur einen harten Wurf, können aber nicht so viele Varianten anwenden." Mit über 1100 Treffern vom Punkt ist der 38-jährige Däne der erfolgreichste Schütze der Bundesliga-Historie. Seine Quote von 80,6 Prozent in insgesamt 14 Bundesligajahren bedeutet zudem den Effizienz-Rekord.

Warum zeichnen sich gerade Flügelmänner bei Siebenmetern aus? "Weil wir einfach kaum ausrechenbar sind", sagt Uwe Gensheimer, Linksaußen der Rhein-Neckar Löwen. Bis in die Mitte der neunziger Jahre dominierten besonders die Rückraumschützen das Geschehen am Strich. Spieler wie Erhard Wunderlich, Martin Schwalb oder der Bundesliga-Rekordtorschütze Kyung-Shin Yoon waren vom Siebenmeterpunkt das Maß aller Dinge. "Aber damals gab es noch kein so ausgeprägtes Video-Studium bei den Torhütern, und man konnte sie mit geraden, harten Würfen noch überraschen", sagt Schwalb.

Der aktuelle Trainer des HSV Hamburg, der mit 945 versenkten Strafwürfen der zweitbeste Schütze in der Geschichte der Bundesliga ist, lässt gegenwärtig vor allem seine Flügelspieler zu Siebenmetern antreten. Mit Rechtsaußen Hans Lindberg stellt er dabei den erfolgreichsten Schützen der abgelaufenen Spielzeit. Lindberg erzielte bei 169 Siebenmetern 135 Tore und erreicht damit in dieser Spielzeit eine Quote von 79,9 Prozent. Falls er doch einmal scheiterte, sprang Linksaußen Torsten Jansen ein.

"Ich trete an, schaue wo eine Lücke ist und werfe den Ball dort hinein"

Doch es gibt auch einen Bundesliga-Profi, der als Nicht-Außen zum Strafwurf schreitet: der Kieler Momir Ilic. Der Rückraumlinke (95 Versuche, 76 Treffer und 80-prozentige Trefferquote) zeichnet sich durch harte Würfe in die Torecken aus. "Ich denke vor dem Siebenmeter überhaupt nicht nach. Ich habe auch keinen Lieblingswurf. Ich trete einfach an, schaue wo eine Lücke ist und werfe den Ball dort hinein", sagt der Serbe. Beim THW ist sein Stellvertreter übrigens Filip Jicha, ebenfalls im linken Rückraum daheim. Beide zeichnen sich durch den Willen aus, Verantwortung zu übernehmen.

Trickwürfe, Charakterstärke, ein gutes Auge - diese Dinge sind beim Siebenmeter entscheidend. Aber es gibt ein weiteres wichtiges Element: Nervenstärke.

"Was macht der Torwart, was mache ich? Der Torwart weiß, wohin ich werfe. Ich muss also anders werfen. Oder weiß der Torwart, dass ich weiß, dass er weiß…?" Wer solche Gedanken vor einem Siebenmeter aufkommen lässt, hat nach Jansens Aussage bereits im Vorfeld "gar keine Chance". Spieler, die versuchen, sich in die Gedankenwelt der Torhüter einzufühlen, verlieren dabei laut Lars Christiansen alle Lockerheit, "und das Tor wird auf einmal ganz klein".

Torhüter hingegen wollen genau dieses Nachdenken beim Spieler erzeugen. "Wenn ich weiß, dass der Spieler gern links unten wirft, dann gehe ich schon vor dem Siebenmeter kurz mit meinem Bein in die Ecke", sagt Thierry Omeyer, letzter Mann des THW Kiel und Welthandballer 2009. Der Spieler soll sich dann fragen, ob er diese Ecke auch wirklich noch anvisieren will.

"Das schaffst du nie, unser Keeper ist viel besser"

Die Torhüter haben vor einem Siebenmeter meist mehrere Wurfmöglichkeiten des Schützen im Kopf. Oft versuchen sie, den Schützen durch Anbieten einer Torecke zu einem Wurf in selbige zu zwingen. Nur um diese dann blitzartig zuzumachen.

Zusätzlich gibt es die Möglichkeit der Provokation. Der ehemalige Magdeburger Steffen Stiebler oder der deutsche Abwehrchef Oliver Roggisch waren und sind Meister dieses Fachs. Roggisch geht häufig vor dem Siebenmeter zum Schützen und flüstert: "Das schaffst du nie, unser Keeper ist viel besser" oder "der kennt dich vom Video in- und auswendig." Dies zumindest ist von Johannes Bitter überliefert.

Auch Torhüter müssen sich Provokationen von Spielerseite stellen. Bei der Europameisterschaft in Österreich zeigte Jansen, wie man einen Torhüter zum Vulkan machen kann. Zunächst warf er im Spiel gegen Frankreich einen Gegenstoß direkt in Omeyers Gesicht, danach versenkte er die nächsten zwei Siebenmeter jeweils in nur wenigen Millimetern Abstand zu Omeyers linkem und rechtem Ohr. "Der Wurf ins Gesicht war keine Absicht. Die Siebenmeter schon. Er hat ja sonst alles zugemacht, deshalb habe ich dahin geworfen", sagt Jansen.

Doch warum hält ein Torwart einen Siebenmeter oder was sind Gründe fürs Verwerfen? "Als Torwart hast du eigentlich maximal eine Ein-Drittel- vielleicht sogar nur eine Ein-Viertel-Chance, den Ball zu halten. Der Spieler ist ja der Aktive, er kann entscheiden", sagt Bitter. Diese Minimalchance legen die Torhüter völlig unterschiedlich aus. Während Bitter sich sehr viel bewegt, bleiben Kollegen wie Thierry Omeyer oder Henning Fritz bei Strafwürfen beinahe bis zur letzten Zehntelsekunde regungslos stehen - um dann im entscheidenden Moment einen Arm, Fuß oder im Zweifelsfall Kopf in die Schussbahn zu werfen.

"Als Techniker ist es wesentlich einfacher, gegen Torhüter zu werfen, die sich sehr viel bewegen. Omeyer ist für jeden Siebenmeterwerfer eine Qual", sagt Christiansen. "Der schaut dir Ewigkeiten in die Augen und rührt sich partout nicht", sagt Uwe Gensheimer. Vielleicht zählen Omeyer und Fritz deshalb zu den besten Siebenmeterkillern, weil sie aufgrund ihrer überragenden Reflexe zahlreiche Würfe entschärfen.

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