Aus Revel berichtet Tom Mustroph
Große Zweikämpfe haben die Tour de France immer geprägt: Fausto Coppi gegen Gino Bartali Ende der vierziger Jahre, Raymond Poulidor gegen Jacques Anquetil in den Sechzigern, Bernard Hinault gegen Laurent Fignon Mitte der Achtziger. Kaum etwas fasziniert die Zuschauer so, wie das Duell zweier Männer, deren sportliche Qualität die der anderen Fahrer überragt, deren Leistungsvermögen aber extrem nah beieinander liegt.
In diesem Jahr kämpfen zwei nahezu gleichstarke Profis um die Krone des Radsports: Andy Schleck und Alberto Contador.
"Das ist gut. Die Tour de France braucht Duelle wie diese. Die Zuschauer brauchen sie, die Presse. Das gibt dem Wettkampf ganz besonderen Esprit", sagt der fünffache Tourgewinner Hinault SPIEGEL ONLINE. Er sieht sich in Schleck verkörpert, Contador in seinem früheren Rivalen Fignon - zumindest, wenn man die 1984er Ausgabe der Tour heranziehe, erzählt Hinault.
Der neue Fignon und der neue Hinault fahren Seite an Seite. Steigt die enge und von den dicht gedrängten Reihen der Zuschauer noch schmaler gemachte Straße steil an, gehen sie fast gleichzeitig aus dem Sattel und wiegen sich im selben Rhythmus die Kehren hinauf. Mal tritt Schleck an. Contador zieht nach. Dann täuscht Schleck an. Der Spanier lässt sich aber nicht provozieren. Plötzlich beschleunigt wieder Contador - und Schleck klebt trotz erhöhtem Tempo weiter an seinem Hinterrad. Das ist spektakulär.
Auch die Protagonisten genießen den Wettbewerb. Herausforderer Schleck, 25, freut sich, in diesem Jahr zu Contador aufgeschlossen zu haben. "Ich bin in der Form meines Lebens", sagt der Luxemburger. Und der Vorjahressieger ist froh, es mit einem ebenbürtigen Rivalen zu tun zu haben. Ein hart erkämpfter Triumph ist mehr wert.
Drei lange Jahre musste Contador, 27, auf eine echte Herausforderung warten. 2007 setzte ihm der dürre und exzentrische Däne Michael Rasmussen das letzte Mal zu. Rasmussen wurde wegen des Verdachts auf eine Verhinderung von Dopingkontrollen aus dem Rennen genommen. Später wurde das Dopingmittel Dynepo in seinem Blut diagnostiziert. Nach der schmählichen Abreise des Dänen fiel Contador sein erster Toursieg quasi automatisch zu.
Dieses Schauspiel wiederholte sich bei jeder großen Rundfahrt, die er in Angriff nahm. Auf einen Rivalen, der sein ganzes Können herausfordert, stieß er seit jenen Tagen nicht mehr. Wie eine Katze, die mit Mäusen spielt, ging er mit Cadel Evans, Denis Mentschow, Carlos Sastre und Levy Leipheimer um - alles Männer, die dachten, dass mit dem ersten Abschied von Lance Armstrong der Weg zum Tourgewinn für sie frei wäre. Doch der Weg führte sie nur auf die unteren Stufen des Podiums. 2010 bleibt ihnen sogar nur der Kampf um die dritte Stufe.
"AC" auf der Kundenliste des Dopingarztes Eufemiano Fuentes
Contadors Überlegenheit - bei der Tour 2008 gestoppt, weil sein Astana-Team nicht teilnehmen durfte - konnte nicht einmal der zurückgekehrte Armstrong brechen. Der US-Amerikaner setzte ihm nervlich zu. Doch aus dieser Prüfung ging der Mann aus Madrid gestärkt hervor. Der mediale Krieg mit Armstrong verlieh seinem farblosen Image sogar Kontur. Dass Contador den einstigen Tourpatron abstrafte, ließ etwas in den Hintergrund treten, dass ein gewisser "AC" auf der Kundenliste des Dopingarztes Eufemiano Fuentes auftauchte. Das Kürzel war mit einem Fragezeichen versehen.
Weder Contador noch Fuentes ließen sich jemals herab, diesen Umstand zu erklären. Contador wurde vom spanischen Sportminister von jeglichem Dopingverdacht freigesprochen; der Minister tat das übrigens auch im Falle des zu zwei Jahren Sperre veurteilten Alejandro Valverde. Der wurde per DNA-Analyse als Klient Nummer 18 unter dem Codenamen "Piti (Valv)" identifiziert.
Der Verdacht fährt also mit.
Schleck ist jung, ihm haftet bislang noch kein Verdacht an - die Rechnung von Eufemiano Fuentes, die sein Bruder Fränk bezahlte, darf ihm nicht angelastet werden. Deshalb und vor allem weil er so unbekümmert angreift, taugt dieser Andy Schleck auch medial zum Herausforderer des aktuellen Dominators im Peloton.
Das Duell ist offen. Im Kampf Mann gegen Mann hat jeder dem anderen bislang zehn Sekunden abgenommen. Schleck fuhr in Morzine davon. Contador revanchierte sich auf dem giftigen Hügel von Mende, den er seit seinem Sieg bei Paris - Nizza gut kennt. Seine 31 Sekunden Vorsprung hat Schleck der Stärke und der Raffinesse seines Mannschaftskollegen Fabian Cancellara zu verdanken. Der Schweizer stoppte erst in feldherrnmäßiger Pose das Feld, um den gestürzten Schleck auf der zweiten Etappe herankommen zu lassen. Tags darauf zog Cancellara ihn über das Kopfsteinpflaster von Arenberg.
Showdown in den Pyrenäen
Doch jetzt liegen die Pyrenäen vor den Duellanten. Das gelblich-braune Gebirge ist Contadors Terrain. "Meine Form wird immer besser", sagt er. Die steileren Anstiege dort sind für den explosiveren der beiden Fahrer von Vorteil. "Wir werden sehen, wer dort besser ist. Auch ich habe meinen Formhöhepunkt auf die Pyrenäen ausgerichtet", sagt Andy Schleck. Er verspricht einen heißen Kampf.
Er muss ihn versprechen. Und er muss ihn wagen. Denn auf Contadors Gelände muss er einen Vorsprung für das Zeitfahren in Bordeaux am kommenden Samstag herausholen. "Es müssen mehr als zehn Sekunden sein", gibt Schleck selbst zu, "aber ich brauche keine zehn Minuten", sagt er. Bernard Hinault hält zweieinhalb Minuten für die entscheidende Marge.
Er zweifelt daran, dass Schleck sie erreicht. Obwohl in seinen Augen Schleck der neue Hinault ist, glaubt er, dass der neue Fignon am Ende die Nase vorn haben wird.
Die Pyrenäen werden ihr Urteil sprechen. Die Dopinganalysen möglicherweise später das ihre.
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