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19.07.2010
 

Tour de France

Feindliche Gelb-Übernahme

Aus Bagnères-de-Luchon berichtet Tom Mustroph

15. Tour-Etappe: Ohne Fairplay ins Gelb
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AFP

Entscheidet ein Kettenschaden die Tour de France? Alberto Contador nutzte das Pech seines härtesten Kontrahenten Andy Schleck aus und erobert das Gelbe Trikot. Jetzt wird heiß diskutiert, ob der Spanier ein unfairer Geselle ist oder dem Luxemburger beim Schalten schlicht ein Fehler unterlief.

Sein Rad ist noch gelb angestrichen, aber sein Trikot ist schon weiß. Andy Schleck musste das Gelbe Trikot des Gesamtführenden der Tour de France gegen das Leibchen des besten Nachwuchsfahrers eintauschen. Weiß wie sein neues Textil ist auch das Gesicht des Luxemburgers. Weiß vor Zorn, Schmerz und Enttäuschung.

"Wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht weiter gefahren wäre", sagt er.

Der Spanier Alberto Contador, der neue Mann im Gelben Trikot, war kurz vor dem Pyrenäen-Gipfel des Port de Balès triumphierend an dem zwei Jahre jüngeren Luxemburger vorbeigeglitten, als dieser just durch eine herausgesprungene Kette ausgebremst war. Der Moment war delikat. Denn kurz zuvor war Schleck plötzlich angetreten und hatte Contador dabei deutlich distanziert.

Astana-Teamkollege Alexander Winokurow sprang für seinen Kapitän in die Bresche. Erst sportlich, dann verbal. Der Kasache jagte stellvertretend für Contador dem enteilenden Schleck hinterher. Später schilderte er: "Alberto war von anderen Fahrern eingeklemmt. Deshalb konnte er nicht sofort folgen." Bei der Tour de France kommt eben nicht nur dem Rennen selbst, sondern auch seiner Interpretation große Bedeutung zu. Das gilt besonders im Falle zweier so gleichwertiger Athleten wie Schleck und Contador.

Vielleicht der entscheidende Moment der gesamten Tour

An dem entscheidenden Moment der Etappe, vielleicht gar der gesamten Tour, mochte aber niemand herumdeuteln. In dem Augenblick, in dem Schleck einige Meter gewonnen hatte, ging plötzlich ein Ruck durch die Mensch-Maschine-Einheit. Schleck verlor an Geschwindigkeit, die Pedalen drehten durch. Wer zuschaute, hielt den Atem an.

Dann fegte auch schon die Gruppe um Contador heran. Ein minimales Zögern schien auch sie kurz zu erfassen. Doch gleich darauf ging die wilde Jagd von Contador, Sanchez und Mentschow weiter. Schleck stieg ab, legte die Kette auf den Kranz, musste noch einmal nachjustieren und hetzte dann hinterher.

Auf sich allein gestellt hatte Schleck gegen das prächtig harmonierende Trio aus dem neuen Gesamtführenden Contador, dem Drittplatzierten Samuel Sanchez und dem Vierten Denis Mentschow keine Chance. Sein Rückstand betrug im Ziel 39 Sekunden. Acht zuviel, um das Gelbe Trikot zu behalten.

Contador in der Rolle des Bösewichts

Contador strich das zehnte Gelbe Trikot, das er in seiner Laufbahn erhalten hat, glatt und behauptete: "Die Tour wird nicht mit dieser kleinen Differenz entschieden." Er wird Stoßgebete in den Himmel schicken müssen, damit diese Prognose eintrifft. "Ich möchte die Tour de France nicht auf diese Art und Weise gewinnen", ätzte Schleck - und gab damit den allgemeinen Deutungsrahmen vor.

Dem Luxemburger fliegen spätestens nach diesem Tag die Sympathien zu. Er ist der aufsteigende Held, dem Ränke und Pech die Trophäe aus der Hand schlugen. Schleck ist der Gute, Contador der Bösewicht. Die Beurteilungen im Umfeld sind differenzierter. "Als ich zuerst davon hörte, habe ich gedacht: 'Puh, das macht man nicht. Es ist eine Schande, so das Gelbe Trikot zu holen", sagte Ex-Champion Lance Armstrong. "Aber dann machte ich mir klar, dass man das nicht mit den Situationen vergleichen kann, als ich auf Jan Ullrich wartete oder er auf mich. Hier war das Rennen in vollem Gange. Das ist etwas anderes."

Contador führt für sich das gleiche Argument ins Feld: "Jeder ging mit hundert Prozent. Niemand konnte das Rennen aufhalten." Als er mit Schlecks Vorwurf konfrontiert wurde, die Tour vielleicht auf unfaire Art zu gewinnen, wies er auf die Vorteile hin, die Schleck zu Beginn genossen habe. "Nach seinem Sturz auf der zweiten Etappe haben wir alle auf ihn gewartet. Auf der Kopfsteinpflasteretappe, als ich einen Defekt hatte, hat niemand für mich angehalten", so der Spanier.

Kritik an Schleck kommt vom eigenen Teamchef

Die Verluste, die Contador bei dieser Etappe auf Schleck erlitten hatte, betrugen eine Minuten und dreizehn Sekunden. Schlecks büßte am Montag 39 Sekunden ein. "Wir sind quasi quitt", machte Astana-Manager Yvon Sanquer ein Friedensangebot.

Seinem Kollege von Saxo Bank, Bjarne Riis, war ohnehin nicht nach Ärger zumute. "Das ist ein ganz schlechter Tag für uns, keine Frage", sagte der Däne, ans Mannschaftsfahrzeug gelehnt. "Aber das sind Dinge, die im Rennen passieren. Ich weiß nicht einmal, ob die Attacke von Andy Erfolg gehabt hätte. Contador war ja schon auf dem Weg aufzuschließen", analysierte er. Riis kritisierte sogar ein wenig seinen Star: "Wenn man beim Schalten aufsteht, muss man sehr, sehr vorsichtig sein. Das ist sensibles Material."

Im Peloton hat Contador sich an diesem Tage wohl nur die Feindschaft Andy Schlecks zugezogen. Beim Publikum verscherzte er sich jedoch eine Menge Sympathien, als er glauben machen wollte, er habe Schlecks Panne nicht bemerkt. "Ich war schon vorn, als ich davon erfuhr", sagte er.

Das ist eine Art Wahrheitsbiegung, die schwer an die spanische Art und Weise der "Bewältigung" des Fuentes-Skandals erinnert. Denn dem Mann wird vorgeworfen, dass er sich hinter dem Kürzel AC in den Unterlagen des Dopingarztes Fuentes verberge. Nun wird er von einigen auch noch als Profiteur des Missgeschicks eines Kontrahenten angesehen.

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Die neuesten Beiträge:
27.07.2010 von caheid:

http://www.faz.net/s/RubCBF8402E577F4A618A28E1C67A632537/Doc~EBC9108EE3213463081552F81526C88CF~ATpl~Ecommon~Scontent.html http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,663251,00.html mehr...

27.07.2010 von caheid:

Tja, tun sie sich doch mal informieren wann der Skandal war und wann das Gesetz eingefuehrt wurde. Soviel sollt man schon wissen wenn man sich ueber Dinge aergern will und den Spaniern Schlamperei unterstellt. Und dann gibts [...] mehr...

27.07.2010 von Voll Mann:

Gegen Fuentes wurde wegen Steuerhinterziehung ermittelt, Doping kam erst durch die illegale Lagerung von Blutkonserven ins Spiel. Obwohl die Oberstaatsanwaltschaft eingriff waren die Ermittlungen nicht mehr zu stoppen, nur die [...] mehr...

27.07.2010 von onecomment:

Doping im Sport ist ein Abbild der heutigen Leistungsgesellschaft. Bin ich zum Arbeiten nicht fit gehe ich zum Artz und lasse mit Medikamente verschreiben. Ist mein Vorgesetzter nach einer Nachtschicht nicht fit besorgt er sich [...] mehr...

27.07.2010 von stoneg:

Stimmt schon alles. Aber wie die Spanische Justiz dann mit dem Fall umgegangen ist, war schon skandalös! Ich meine, dass sich dann auch noch ein Justizminister (der ja immerhin der Chef der Ermittler ist) dem Vernehmen nach [...] mehr...

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