Aus Paris berichtet Tom Mustroph
Der Tour-Boss strahlt. "Das ist die schönste Tour de France, die ich erlebt habe, seit ich 2004 an die Seite von Jean-Marie Leblanc getreten bin", erzählt Christian Prudhomme. So schwärmerisch ist er sonst nur, wenn er sich aus seinem roten Auto mit der Nr. 1 reckt, ganz weit die Arme spreizt und so das Signal zum Start der jeweiligen Etappe gibt. Da ist Prudhomme in seinem Element. Er ist der Patron. Und er ist nah bei seinen Fahrern.
Seitdem die Tour-Organisation Amaury beschloss, die bemerkenswerte Anti-Doping-Offensive der Jahre 2006 bis 2008 einzustellen, ist der einstige Journalist gegenüber seinen früheren Kollegen eher zugeknöpft. Die Nachfragen der Journalisten, die den Schwenk zur Dopingverharmlosung nicht mitmachen wollen, wertet er gern als "medialen Druck". Wenn sich der auf die Marketingseite gewechselte Prudhomme nun doch den alten Kollegen zuwendet, ist Aufmerksamkeit geboten.
"Die Tour 2010 ist deshalb meine schönste, weil sie spannend blieb bis zum Schluss, ohne Unfall über die Bühne ging und fast jeden Tag eine Überraschung brachte. Wir haben das Kopfsteinpflaster in die Tour zurückgebracht. Und es gab keinen einzigen Dopingfall", lautet Prudhommes Bilanz. Das klingt märchenhaft schön. Es ist Satz für Satz auch ein Märchen.
Denn als ein wirkliches Duell empfanden nur die wenigsten Beobachter das ewige Zaudern und Zögern der Protagonisten Andy Schleck und Alberto Contador. "Sie haben sich lediglich beschattet. Sie machten den Eindruck, als hätten sie Angst, sich wehzutun", sagte Roberto Damiani, sportlicher Leiter des Lotto-Team.
Als "Teegesellschaft von Großmüttern" verspottete FDJeux-Teamchef Marc Madiot den nun dreimaligen Tour-Sieger Contador und dessen ärgsten Verfolger Schleck, dessen Rückstand am Ende 39 Sekunden betrug. Laurent Fignon, der die Frankreich-Rundfahrt 1983 und 1984 gewann, bemängelte: "Wo ist denn Schlecks Offensive in den Bergen geblieben? Die großen Zeitunterschiede wurden doch gar nicht im Gebirge gemacht." Prudhommes These vom "schönen Duell" unterstützt öffentlich lediglich Bernard Hinault. Der fünffache Toursieger ist inzwischen beim Tourveranstalter Aso angestellt.
Dass Prudhomme die Unfallfreiheit in seine Positivbilanz aufnimmt, ist angesichts der vielen Stürze der Fahrer eine Frechheit. Er spielt zwar darauf an, dass in diesem Jahr glücklicherweise kein Zuschauer ums Leben kam. Im vergangenen Jahr war eine 61-jährige Frau von einem Polizeimotorrad erfasst worden, 2000 und 2002 starben zwei Kinder bei Unfällen mit Fahrzeugen der Werbekarawane. Es ist überaus erfreulich, dass diese Chronik keine Fortsetzung fand.
Doch ist das Ausbleiben derartiger Unglücksfälle Grund genug für Selbstlob à la Prudhomme? Was wird Fränk Schleck dazu sagen, der die einkalkulierte Sturzgefahr bei der Wiederbelebung der Tradition des Kopfsteinpflasterfahrens mit einem Schlüsselbeinbruch bezahlte?
Petacchi und Armstrong hätten eigentlich nicht starten dürfen
Selbst der Kernsatz von Prudhommes Resümee ("Wir hatten keinen einzigen Dopingfall") stimmt so nicht. Hätte er noch gearbeitet wie sein Vorgänger Jean-Marie Leblanc 2004, dann müsste er jetzt zwei Dopingfälle zählen. Damals schickte Leblanc am ersten Ruhetag den Slowenen Martin Hvastija und den Italiener Stefano Casagranda nach Hause, weil die Staatsanwaltschaft Padua wegen Dopingverdacht gegen die beiden ermittelte. Leblanc hatte sich seinerzeit um Kontakt zu den italienischen Behörden bemüht, er wollte die Schwere der Vorwürfe abschätzen.
Die Telefonnummern der Staatsanwaltschaft Padua dürften im Sekretariat des Tourchefs noch vorhanden sein. Daran kann es nicht gelegen haben, dass Prudhomme sich nicht bei Staatsanwalt Benedetto Roberti danach erkundigte, was gegen den des Dopings verdächtigten Lampre-Fahrer Alessandro Petacchi vorliegt.
Der Gewinner des Grünen Trikots für den besten Sprinter wird am Mittwoch von den Ermittlern vernommen. Dass der Italiener nicht schon vorher Zeit hatte, vor der Staatsanwaltschaft auszusagen, verdankt der bereits 2008 wegen Dopings gesperrte Sprinter also dem Strategiewechsel der Aso.
Nach den 2004 bei der Tour de France gültigen Kriterien hätte auch Lance Armstrong gar nicht starten dürfen. Gegen den Tour-Rekordsieger, der beteuert, niemals gedopt zu haben, ermittelt die US-Arzneimittelbehörde wegen "Betrugs und Verschwörung". Es geht im Kern um den Einsatz öffentlicher Geldes für den Erwerb von Dopingmitteln beim früheren Armstrong-Team US Postal.
Auf die Tour de France hatte dies alles keinen Einfluss. Armstrong durfte starten. Er durfte bei der Siegerehrung auf den Champs Elysées sogar das Podium erklimmen, weil Team RadioShack sich die Mannschaftswertung sichern konnte. Beinahe hätte Armstrong in seiner Selbstüberschätzung die großartige Möglichkeit zur Selbstdarstellung verspielt.
Zum Start der Abschlussetappe war seine Mannschaft in Trikots von Armstrongs Krebsstiftung Livestrong erschienen. Weil das Reglement einen solchen Trikottausch verbietet, mussten sich Armstrong & Co. wieder umziehen. Dies verzögerte den Start um eine Viertelstunde. Die Jury hätte auch härter reagieren und RadioShack ausschließen können. Für Team Milram hätte eine solche Sanktion immerhin die Möglichkeit geboten, vom 22. auf den 21. Platz voranzukommen. Schlechtestes Team wäre der bald hauptsponsorlose deutsche Rennstall bei seinem letzten Tour-Auftritt dennoch geblieben.
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Tja TDF war laaaaaangweilig in meinen Augen.... aber schön in Szene gesetzt. Gewinner stand ja fast vorher fest, der Zweite eigentlich auch. So ein richtiges Duell habe ich aber nicht gesehen, eher ein belauern. Da gab es schon [...] mehr...
Anno 2006 hat Valverde die Gesamtwertung der UCI ProTour gewonnen. Gewonnen wohlgemerkt, nicht irgendwo vorn 'bei Rundfahrten' plaziert. mehr...
ich bin nicht wahnsinnig optimistisch, weder für Deutschland noch für Spanien. Eines solltest du dir aber überlegen: der Ruf Spaniens (nicht mein Eindruck, aber die traurige Stereotype in Mittel- und Nordeuropa) leidet unter [...] mehr...
Es gibt in Spanien jetzt ein strenges Anti-Dopinggesetz, was es ja in Deutschland nicht einmal gibt, weil die Sportverbände dies mit massiver Lobbyarbeit verhindert haben, jetzt denken Sie mal warum wohl? Wobei man in Spanien [...] mehr...
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