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03.08.2010
 

Achilles' Verse

Wer pinkelt, verliert

Training im herbstlichen Central Park: Kein Fluchtversuch bleibt unbemerktZur Großansicht
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Training im herbstlichen Central Park: Kein Fluchtversuch bleibt unbemerkt

Wunderläufer Achim Achilles hat sich über die härteste Rennbahn der Welt gequält, den Central Park in New York. Hier gibt es kein lockeres Training, jede Pinkelpause wird brutal bestraft. Im Herzen Manhattans zählt nur eines: Speed Credibility.

Die kleine Blonde mit dem kompakten Fahrgestell ist eine unerwartet zähe Gegnerin. Eine Viertelstunde hänge ich jetzt schon in ihrem Windschatten, bin aber noch keinen Millimeter näher gekommen. Im Gegenteil: An jeder Steigung zieht sie davon. Nur Dank meiner Schwungmasse komme ich bergab wieder heran. Ich tropfe wie ein Kieslaster, sie schwitzt allenfalls im zarten Morgentau-Modus. Zweimal hat sie sich schon nach mir umgedreht. Hält sie mich für einen Spanner? Oder geht ihr endlich die Puste aus? Irgendwann muss sie sich doch mal meiner legendären teutonischen Läuferkraft ergeben. In Deutschland sehen blonde Laufdamen oft aus wie Tarzan, laufen aber wie Jane. Hier ist es umgekehrt.

Es ist Hochsommer mitten in Manhattan und ich quäle mich über die härteste Rennbahn der Welt. "Geh im Central Park laufen, das ist total locker", hatte Matze gesagt, einer dieser globalisierten Aufschneider, die in jeder Metropole schon ein paar Trainingsrunden absolviert haben. Als Familienvater ist man ja froh, wenn man überhaupt bis in den Hunsrück kommt. Aber dieses Jahr hatte mir das Schicksal ein paar Tage New York spendiert. Eine ideale Gelegenheit, im Land von XXL-Burgern ein paar Schritte Laufnachhilfe zu geben. Die Streckentipps bei den Gpsies waren so eindeutig wie Matzes Tipp: Central Park, das gigantische grüne Rechteck, von Hochhäusern eingerahmt.

Während in deutschen Parks jede Sorte Jogger zu betrachten ist, vom Zeitlupentraber bis zum Rennpferd, wagt sich in New York offenbar nur in die Öffentlichkeit, wer zuvor jahrelang auf dem Laufband geübt hat. Von entspannten Regenerationsläufen hat diese leistungsversessene Bande offenbar nie was gehört. Hier zählt nur eine Währung: Speed Credibility.

"Park" bedeutet ja normalerweise: Wege kreuz und quer durch Büsche und Rabatten, keine überprüfbaren Distanzen, dafür hier eine Stretch-Einlage, da eine Erleichterung im Schutze der Rhododendren und am Ende viele gefühlte, aber nicht ganz so viele trainierte Kilometer. In Manhattans Großpark ist leider alles anders. Die Läufer haben ihre eigene Strecke, zehn asphaltierte und markierte Kilometer, sogar mit vorgeschriebener Laufrichtung gegen den Uhrzeigersinn, damit man kurz vor dem Aufprall noch die Automarke erkennen kann.

Stiller Fight bei 40 Grad im Steilhang

Hier bleibt kein Fluchtversuch unbemerkt. Wenn ich die kleine Blonde nicht fertig mache, grient ein halbes Dutzend laufender Zeugen ringsum, die vor, hinter und neben mir lauern und sich beim besten Willen nicht abschütteln lassen. Hier hechelt zusammen, wer in etwa das gleiche Tempo gehen kann: Die Schnellen sind längst futsch, die Gurken endlich abgehängt. Wer bleibt, sind die kleine Blonde, der moppelige Vollbart, ein hinkender Investment-Banker, die magere Seniorin mit der Hartfaserfrisur und ich. Keiner gönnt dem anderen auch nur einen Millimeter Vorsprung. Stiller Fight bei über 40 Grad im Steilhang.

Die Algonkin-Indianer, die hier einst zelteten, nannten die Insel "Manna Hata", was "hügeliges Land" heisst. Die steilsten, längsten Rampen liegen offenbar im Central Park. Ich kann nicht mehr. Ich habe mörderischen Durst. Ich muss pullern. Meine Abduktoren spielen verrückt. Das Herz flimmert, die Augen erst recht. Aber als Repräsentant einer angesehenen Exportnation darf ich keine Schwäche zeigen. Ich will ja nicht so enden wie der Poser mit dem nacktem Oberkörper, der beim Start an der 60. Straße wie ein Gepard an uns vorbeizog, um nach zweieinhalb Kilometern wie ein Brontosaurus die Steigung empor zu stapfen.

Das Tückische an der Strecke: Wer zum Trinken, Pinkeln, Verschnaufen ausschert, hat verloren. Im Central Park gerät jeder lockere Trainingstrab zum gnadenlosen Wettbewerb. Und dummerweise scheinen hier nur Läufer anzutreten, die unter sechs Minuten brauchen, und zwar für die Meile, nicht den Kilometer. Egal. Dabeisein zählt, das schnöde Gebolze geht eh nur auf die Gelenke.

Stünde es im Hipness-Vergleich zwischen Berlin und New York unentschieden und gäbe die Park-Frage den endgültigen Ausschlag, dann würde Manhattan deutlich gewinnen. Denn im Tiergarten regieren die Tiere, entweder tot am Grillspieß oder mit ihren willenlosen Ernährern an der Leine. Im Central Park dagegen herrscht der Sport: Baseball, Basketball, Frisbee, Fußball, Tennis, Dauerknutschen, Rennradfahren mit Scheibenrädern und eben Laufenlaufenlaufen. Über 100 Wettbewerbe werden hier jedes Jahr ausgetragen, von den letzten Meilen des New-York-Marathons bis zum größten Unterwäschelauf der Welt. Was Millerntor und Camp Nou für Fußballer, ist der Central Park für Läufer: Wer hier nie aufgelaufen ist, der hat nie gelebt.

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Der Lauf-Gourmet.
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Heyne Verlag; Mai 2010; 192 Seiten; 7,95 Euro;
ISBN 978-3-453-60156-7

Freundschaft mit Achim

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