Morgens um halb sechs ist nicht gerade meine bevorzugte Trainingszeit. Aber heute muss es sein. Letzter geheimer Materialtest. In meinem nagelneuen Wettkampfkondom will ich weder Roland von oben noch der schreckhaften Frau Meyer aus dem Hinterhaus begegnen, die sehr früh ihre Balkonblumen gießt. Könnte sein, dass sie mich für einen Geronto-Perversen hält.
Ja, ich gestehe: Statt ausreichenden Trainings habe ich mal wieder mehr Mühe in das optimale Material gesteckt: ein Einteiler aus der Raumfahrtforschung. Ich kriege kaum Luft, seit Mona mir vor zehn Minuten mit dem mürrischen Knurren der unfreiwilligen Frühaufsteherin den Reißverschluss hinten geschlossen hat. Ich fühle mich massiv abgeschnürt, allein deswegen, weil gerade die freiheitsliebendsten Körperteile auf engstem Raum eingezwängt werden. So muss sich ein Schlafsack im Packbeutel fühlen.
Elasthan ist ja eine feine Sache, wenn man über das passende Bindegewebe verfügt. Egal: Erektion und Ausdauersport schließen sich ohnehin aus. Dafür wallen andere Vergnügen auf. Mona zum Beispiel kam aus dem Lachen gar nicht mehr raus, als ich gestern Abend meine neue Geheimtextilie bestiegen hatte, natürlich erst, als die Kinder im Bett waren. Im Erotik-Gewerbe heiße so ein Ding "Catsuit", erklärte mir Mona beim Luftholen. Dabei hatte ich schon "XL" bestellt, die 36 für Männer in den besten Jahren.
Schon ungerecht: Was an einem Olympiasieger wie Jan Frodeno wie erotosportliche Arbeitskleidung aussieht, wirkt an einem mittelambitionierten Freizeitsportler wie das Outfit zur Ü-50-Swingerparty. Hätte ich ein paar Highheels an den Füßen, würde mich die Polizei direkt wegsperren. Wahrscheinlich reichen schon die klackernden Radschuhe für eine Verhaftung. Andererseits: Für alternde Chippendales böte so ein anschmiegsamer Einteiler die Chance auf ein paar Jahre Arbeitszeitverlängerung. Mit etwas Stolz getragen sieht der Rennanzug eigentlich ganz lecker aus. Wenn man sich lange genug windet und die Vorhänge halb zuzieht, findet man ja doch immer eine Position, die nicht ganz so peinlich ist.
Salatkopf gegen Wippfleisch
Mona war nur mäßig erotisiert. Obgleich ich die alte Moloko-Nummer "Do You Like My Tight Sweater?" als einfache Antwortvorlage aufgelegt hatte, kniff die Gattin vergnügt in meine Hüftregion, und zwar nicht dezent mit zwei Fingern. Sie nahm gleich eine ganze Hand voll. "Fast Wettkampfgewicht", zischte die Schlange. "Ich habe ja noch ein paar Tage", entgegnete ich und nahm mir vor, heute Abend endlich den Salatkopf hinzurichten, der seit Wochen in unserem Kühlschrank welkte, aber ohne Dressing.
"Kompromisslos", stand auf der aufwendigen Verpackung. Mein neues Freizeitsport-Dessous behielt keine Geheimnisse für sich und räumte zugleich mit dem Mythos auf, Kompressionswäsche könne jede beliebige Menge Wippfleisch in eine windschlüpfrige Concorde-Form pressen. Der Fluch des Stretchstoffs ist gnadenlos. Hier wird ans Licht gezerrt, was der Neoprenanzug noch gnädig wegwurstet.
Was wohl dieser Memory-Effekt bedeutet? Merkt sich dieses tückische Textil den aktuellen Body-Mass-Index und verändert die Farbe von Schwarz zu Rot, wenn der Athlet mal wieder draufgelegt hat? Wassermangel kriegen die Leibchen ja auch schon mit.
Es knackt, wenn ich vorsichtig Luft hole, was ohnehin nicht einfach ist in der Pelle. Elasthan umspannt meinen Brustkorb wie eine Zwangsjacke. Achim lief übers Kuckucksnest. Die Nähte sind nanomäßig verschweißt. Ich bin auch verschweißt, vor Angst, dass mich die Bäckersfrau erkennt, wenn ich in geducktem Trab am Schaufenster vorbeisause. Der Anzug verfüge über ein innovatives Wärme-Management, erklärt der Verpackungstext. Stimmt: Mir ist schon heiß, obwohl ich mich noch gar nicht bewegt habe. Aufsteigende Peinlichkeits-Hitze.
Im Einteiler nach Berlin
Warum überhaupt ein Einteiler, hatte meine Gattin gefragt? Ganz einfach. An diesem Wochenende ist Triathlon in Berlin, was ja nichts anderes ist als ein Laufwettbewerb mit einer relativ langen Aufwärmphase. Dieser Wunderanzug schwimmt praktisch von allein, weil seine Oberfläche Luftbläschen produziert und bunkert, die den Athleten wie ein Hovercraft tragen. Die Theorie stimmt, sofern es einem Blauwal hilft, dass unter seinem Bauch eine Flasche Mineralwasser geöffnet wird. Der Hersteller verspricht Plasma-Technologie und Lotus-Effekt.
Auf dem Rad werde ich vor lauter Lotus-Plasma nur so dahin fliegen. "Ich bin eine Lotusblüte... Ich bin eine Lotusblüte... Ich bin eine Lotusblüte..." - so lautet mein neues Renn-Mantra. Es ist der Glaube, der vorantreibt.
"Voll Porno", sagt Karl, als ich die Tür ganz leise aufschließe. Warum ist der Bengel schon wach? Ich hatte gehofft, ihm diesen Anblick ersparen zu können, um nicht auch allen Restrespekt zu verspielen. "Ich komme vom Laufen", erkläre ich vorsichtshalber, aber Karl scheint mir nicht zu glauben. Wäre seine Stirn ein Display, stände dort jetzt zu lesen: "Hilfe, mein Alter ist eine Hobby-Transe." Hoffentlich ruft er nicht bei RTL an. Ich werde beim Rennen gleich nach dem Verlassen des Wassers ein Handtuch umknoten und erst weit nach dem Ziel wieder abwerfen.
Tempo macht nur Sinn, wenn die Ästhetik nicht zu kurz kommt.
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