Mein Blick ist stur zu Boden gerichtet. Lasst mich doch alle in Ruhe. Quatscht mich nicht an mit eurem endorphinbreiten Zielstrich-Grinsen. Fragt mich nicht, wie's war. Es war grausam. Ich will raus aus dieser Wechselzone, wo inzwischen auch die lahmsten Sportsfreunde in ihren Finisher-Shirts herumstolzieren. Ich habe kein Finisher-Shirt. Wofür auch?
Ich habe nicht gefinisht. Ich habe die schwärzeste Stunde meiner Sportlerkarriere erlebt. Ich bin ausgestiegen, habe aufgegeben, läppische acht Kilometer vor dem Ziel des BerlinMan, ausgerechnet beim Heimspiel in meinem Trainingswald. Es war die schlimmste Niederlage meines Lebens seit meinem ersten erotischen Beglückungsversuch. Und der ist schon über 30 Jahre her. Ich fühle mich italienisch - vorrundengescheitert.
Was war passiert? Keine Ahnung. Das Schwimmen lief geradezu perfekt, auf dem Rad glitt ich wie der junge Francesco Moser dahin. Es hätte für die WM-Qualifikation gereicht, wenn ich eine Frau und über 80 Jahre alt gewesen wäre. "Bestzeit, Bestzeit", jubelte meine sonst eher zur Zurückhaltung neigende innere Stimme. Berlin würde vor Begeisterung toben: Im Ziel würde ich unter einem Haufen noch körperwarmer Unterwäsche begraben, geworfen von den schönsten Töchtern der Stadt. Die 20 Kilometer Laufen waren ja wohl ein Klacks. Zwei Monate vorher am Briesensee hatte ich dieselbe Strecke noch entspannt abgespult und seither kaum zugenommen.
Unkontrolliertes Wackeln und Zucken
Auf der ersten von vier Laufrunden bewegten sich die Beine allerdings schon verdächtig eckig; sie wollten sich wohl schonen für die furiose Tempoverschärfung zum Ende hin. Die zweite Runde lief auch nicht besser. Statt muskulärer Kraftwerke herrschte unkontrolliertes Wackeln und Zucken. Bei Kilometer elfeinhalb dann ein Hieb ins Bein, als hätte Zeus eine Handvoll Blitze direkt in meinen linken Oberschenkel geschleudert. Stolpern, Stehenbleiben, Position finden, die nicht krampft. Stretchen? Geht nicht - Krampf. Einfach stehen? Noch mehr Krampf. Hinsetzen? Killerkrampf. Dicke Männer überholen mich, dünne Frauen, schließlich sogar dicke Frauen. Bestzeitträume lösen sich auf.
Es geht nur noch ums Durchkommen. Aber wie? Die Krämpfe jagen wie Flipperkugeln durch die Muskelfasern - obenunten, linksrechts, vornehinten, ZehenHüfte, alles gleichzeitig. Ungewolltes Urschrei-Seminar.
Was passierte da gerade? Hatte sich ein Alien in meine Muskelfaser geschlichen? Zu wenig Magnesium gestern? Zu wenig Salz heute? Krumme Sitzposition auf dem Rad? Falsche Schuhe? Zu wenig Rotwein am Vorabend? Die Hitze? Diehitzediehitze - blödere als Wetter-Ausreden gab es ja wohl kaum. Und warum hatte nur ich Hitzeprobleme, aber über 400 andere Sportsfreunde nicht, die inzwischen allesamt an mir vorbeigezuckelt waren.
Entwürdigendes Vorwärtsgestolper vornübergebeugt. Zum Glück kam Alex des Weges, ein Freak, der den Marathon unter drei Stunden läuft. Er stützte mich, besorgte Wasser von wildfremden Menschen, klopfte auf meinen schwitzigen Beinen herum - nichts half, aber immerhin war ich nicht allein, als mich die schlimmste aller Demütigungen ereilte: Ein Lieferwagen der Johanniter hielt an, zwei Rettungssanitäter sprangen heraus, fest entschlossen, mich zum Höhepunkt ihres heutigen Einsatzes zu machen. "Brauchen Sie Hilfe?", fragten die ungebetenen Retter. "Nein", jaulte ich. "Haben Sie Magnesium dabei?", fragte der Fülligere von beiden. Witzbold - das ist ja wohl euer Job. Quatscht nicht rum, sondern legt mir eine Infusion mit einem Cocktail Contador und viel Betäubungsmitteln: Ich will finishen.
Wie Jopi Heesters ins Ziel
"Wir fahren Sie jetzt zum Ziel", entschied der Magere. "Niemals", schrie ich und klammerte mich an Alex. Warum hampele ich denn fünf Stunden lang über 2200 Meter Schwimm-, 90 Kilometer Rad- und fast zwölf Kilometer Lauftstrecke? Um jetzt Taxi zu fahren? Zum Beweis meiner Härte lief ich ein paar Schritte, bis die Beine wieder wegknickten. Ich krallte mich in Alex' Arm und kämpfte gegen die Schmerztränen. Die Weißkittel hatten kapiert, dass sie mich nicht kriegen würden und verschwanden.
Zeit für Realismus. Bestünde irgendeine Chance, mit diesen Schrottstelzen vor Sonnenuntergang ins Ziel zu stolpern? Fallen die übermotivierten Herren mittleren Alters nicht allesamt wenige hundert Meter vor dem Ziel um und stehen nie wieder auf? Andererseits: Sollte ich wirklich aufgeben? Was würde Mona sagen? Was die Kinder? Was Klaus-Heinrich, Roland von oben, Klemmbrett? Sie werden mich verspotten, missachten, mit tückischer Einfühlsamkeit demütigen? "Ist doch nicht schlimm", sagte Alex. Doch, dachte ich, es ist schlimmer als schlimm.
An Laufen war auch nach 30 Minuten Dauerkrampf nicht zu denken, nicht mal an Gehen. Alex führte mich am Arm wie Jopi Heesters die paar hundert Meter zurück ins Ziel zur Wechselzone. Mit dem gesenktem Haupt des Vercingetorix sammelte ich meine Klamotten ein. Soll das mein Sportjahr 2010 gewesen sein? Niemals.
Berlin-Marathon, ich komme.
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Und ob der Bericht gut war! Und zwar für jeden der solch eine ähnliche Situation mal ebenso erlebt hat. Genau diese Gefühle übermannen einen, wenn die Überlegung ansteht, weiter zu "laufen" oder auszusteigen. Ich habe [...] mehr...
nun ja, lieber lache ich dreimal über den gleichen witz als wie andere zum lachen in den keller zu gehen... dass das posting doppelt erscheint war keine absicht. scheinbar ist der admin beim einschlafen auf den [...] mehr...
eins der wenigen Dinge, die hier überhaupt lesenwert sind. Oft rufe ich die Achilles-Seite direkt auf, weil mich der Rest nicht interessiert. Aber solche Krämpfe müssen die Hölle sein. Ich habe einmal beim Hamburg-Marathon [...] mehr...
Sehe ich genauso! Wie kann man denn nur so spassfrei sein? Außerdem ist das hier Spiegel online und nicht der SPIEGEL. Die Achilles Beiträge sind immer wieder furchtbar unterhaltsam, ironisch und kurzweilig... In diesem Sinne: [...] mehr...
Sehe ich genauso! Wie kann man denn nur so spassfrei sein? Außerdem ist das hier Spiegel online und nicht der SPIEGEL. Die Achilles Beiträge sind immer wieder furchtbar unterhaltsam, ironisch und kurzweilig... In diesem Sinne: [...] mehr...
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