Von Benjamin Schulz
Lesen Sie im ersten Teil der NFL-Vorschau zur American Football Conference (AFC), warum Jets-Trainer Rex Ryan Arbeitsplätze beim Fernsehen sichert und der Erfolg der New England Patriots auch von Sebastian Vollmer abhängt.
Der Mann spielt ein perfides Spiel. Er deutet an, seine Karriere zu beenden, er lässt sich bitten, er streut Gerüchte. Kein Spieler in der National Football Conference (NFC) und wohl auch in der gesamten National Football League (NFL) beherrscht die Kunst, andere im Ungewissen zu lassen, so gut wie Brett Favre.
Der Quarterback der Minnesota Vikings zog auch vor dieser Saison wieder seine altbekannte Masche durch. Er wollte spielen, aber auch hofiert werden - und möglichst das Trainingslager vermeiden. Weil er weiß, dass die Vikings nur mit ihm ein Meisterschaftskandidat sind, konnte er dem Club seinen Willen aufzwingen. Cheftrainer Brad Childress und drei der wichtigsten Spieler flogen zu Favre nach Mississippi, wo er ein Haus hat, um ihn zum Weitermachen zu überreden. Ob dieser Einsatz entscheidend für Favres Entscheidung war, ist offen. Jedenfalls setzt er seine Rekordkarriere fort.
Klar ist dagegen, dass die Vikings sich von einer Diva abhängig machten, indem sie seine "Ich bin wichtiger als das Team"-Show akzeptierten. Schon nach seinem einjährigen Gastspiel bei den New York Jets hatten ihn Teamkollegen als schlechten Mitspieler geoutet, der sich Privilegien herausnehme. Sein Jets-Teamkollege Thomas Jones sagte damals, Favre habe den Erfolg des gesamten Teams in Gefahr gebracht.
Ob Favre, der sich in der Sommerpause am linken Knöchel operieren ließ, so gut sein wird wie in der vergangenen Saison, ist fraglich. In Vorbereitungsspielen überzeugte er nicht. Wenn er keine Leistung bringt, könnte er im Team bald ein sehr einsamer Mann sein. "Ich habe vielen Leuten Gründe geliefert, mit Messern zu werfen", sagte Favre. "Das macht den Druck noch größer."
Leichter wird seine Aufgabe auch dadurch nicht, dass ihm zwei seiner wichtigsten Offensivspieler fehlen: Percy Harvin musste wegen schwerer Migräneattacken bereits in der vergangenen Saison pausieren, Wide Receiver Sidney Rice - Favres wichtigster Passfänger - fällt nach einer Hüftoperation für zwei Monate aus.
Falls die Vikings ihrer Favoritenrolle in der North Division der NFC nicht gerecht werden, dürfte Favres langjähriger Club Green Bay Packers um Quarterback Aaron Rodgers für Aufsehen sorgen. Viele Beobachter halten Rodgers für mindestens genauso gut wie Favre - und Green Bay angesichts der Vikings-Probleme für das bessere Team. Am 24. Oktober spielt Minnesota in Green Bay - dann kann Favre zeigen, ob er seinem einstigen Ersatzmann Rodgers noch immer etwas voraus hat.
Titelverteidiger New Orleans fordert Farve im Halbfinalrematch
Der erste Härtetest für Favre steht aber bereits im Saison-Eröffnungsspiel am Donnerstag (Kickoff 20.30 Uhr Ortszeit) an: Beim Titelverteidiger New Orleans Saints wird sich zeigen, ob die Vikings besser sind als in der vergangenen Saison. Damals schlugen die Saints Minnesota im Halbfinale. Gefahr droht New Orleans in seiner Division nur von den Atlanta Falcons. Das Team um Quarterback Matt Ryan machte in den vergangenen Jahren große Fortschritte und könnte den Saints den Division-Titel und damit den garantierten Einzug in die Playoffs streitig machen.
Denn auch bei New Orleans gibt es Fragen: Können sie den "Super Bowl Hangover", also den Kater nach der Meisterschaft, vermeiden? Seit dem Jahr 2000 hat der Meister - mit Ausnahme der New England Patriots 2004/2005 - im Jahr nach dem Titel das Finale verpasst. Im selben Zeitraum kamen vier Titelverteidiger in der Folgesaison nicht einmal in die Playoffs.
Zudem wird sich bei den Saints zeigen müssen, ob ihr Star-Quarterback Drew Brees den "Madden Curse" überwinden kann. Dieser ist nach einem beliebten Football-Videospiel benannt. In der Ausgabe 2011 ist Brees auf dem Cover zu sehen. Bisher war nahezu jeder NFL-Spieler, dessen Bild das Spiel zierte, in der Folgesaison entweder deutlich schlechter oder gar verletzt.
Washington hofft auf Shanahan und McNabb
Bei allem Hype um Favre und die Saints - die interessanteste NFL-Division wird wohl die NFC East sein. Dafür sind vor allem die Washington Redskins verantwortlich. Sie unterbieten seit Jahren konstant die Erwartungen ihrer Fans und von Besitzer Daniel Snyder, wozu er allerdings viel beitrug. Immer wieder gab Snyder vermeintlichen Topspielern zu viel Geld. Erst vor der vergangenen Saison verpflichtete er beispielsweise Albert Haynesworth und gab ihm einen Vertrag, der dem Defensive Tackle 41 Millionen Dollar garantiert. In der vergangenen Saison fiel Haynesworth nur durch schwache Leistungen, in der Vorbereitung vor allem durch Trainingsfaulheit und mangelnde Fitness auf.
Doch zwei Personen machen den Redskins Hoffnung: Mike Shanahan ist der neue Trainer - der siebte seit 2000 und der erste seit langem, der sich von Snyder nicht ins Tagesgeschäft reinreden lässt. Auf dem Feld setzen die Redskins-Fans ihre Hoffnungen in Donovan McNabb. Der Quarterback, seit 1999 Star von Washingtons NFC-East-Konkurrent Philadelphia Eagles, wechselte zu den Redskins und spielt nun zweimal jährlich gegen die Eagles um seinen Nachfolger Kevin Kolb.
Das Duo Shanahan - McNabb könnte funktionieren. In seinen Jahren bei den Denver Broncos gewann der Trainer zwei Meistertitel - beide mit einem alternden Star-Quarterback, John Elway. Die Redskins setzen darauf, dass sich die Geschichte mit McNabb wiederholt. In diesem Jahr ist es für erfolgreiche Playoffs allerdings wohl noch zu früh.
Dagegen können sich neben den Eagles vor allem die Dallas Cowboys, ebenfalls in der NFC East, Titelhoffnungen machen. Sie haben eine ganz besondere Motivation: Falls sie das Finale erreichen, würden sie als erstes Team den Super Bowl im eigenen Stadion bestreiten.
Auf anderen Social Networks posten:
thomassp. hat mit seinen Anmerkungen zum Ablauf zwar Recht - Anlass zum Favre-Bashing gibt es allerdings auch so genug. Seit fünf Jahren kokettiert er in der Offseason nun schon immer wieder mit seinem Karriereende, nur um sich [...] mehr...
Da hat wohl jemand etwas gegen Brett Favre. Hoffentlich bezeichnet sich der Autor nicht als "Experte"...Obwohl er sich damit in guter Gesellschaft mit all denen befindet, die niemand sonst, ausser sie selbst, als [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH