ThemaFlush HourRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
05.09.2010
 

Pokerweltmeister Eskeland

"Ich wache jeden Morgen mit einem Lächeln auf"

Pokerweltmeister: Der Champ, der aus der Schule kam
Fotos
Everest Poker

Wie fühlt sich einer, der vom Grundschullehrer in Norwegen zum Weltmeister im Poker wurde? Lasse König traf Sigurd Eskeland - zu einem Duell mit Karten und einem Gespräch über den Wert des Alters, den Traum von Freiheit und den Vorteil, die Kinder selbst in den Kindergarten bringen zu können.

Rostock-Warnemünde, ein kühler Abend. Die Spielbank ist weiß, aber nicht ganz. Die Fassade bröckelt ein bisschen hier und da, dafür ist die Luft sauber und der Strand nicht weit. Außerdem hat Sigurd Eskeland gute Laune. Ich hatte mir Norweger bisher immer als grimmige Riesen vorgestellt. Schweigsam. Eskeland ist riesig, aber er scheint sehr nett zu sein. Waren die Grimmigen nicht die Wikinger? Er fängt sogar das Gespräch an, unten, am Strand.

Eskeland: Hi, Sie sind der, der gegen mich pokern wollte?

König: Eigentlich…

Eskeland: Eigentlich?

König: Ich dachte, wir führen ein Interview und pokern dabei ein bisschen.

Eskeland: Okay, mein Vorschlag: Wir pokern und plaudern dabei ein bisschen.

Das geht ja gut los. Eskeland, Norweger, 36, zweifacher Familienvater, etwa vier Meter groß, will vor allem pokern. Ich will vor allem reden. Wie er im Sommer das Bracelet im 8-Game gewonnen hat, den schwersten Titel, den man bei der Poker-WM holen kann. Oder darüber, wie man sich fühlt als 36-jähriger Pokerneuprofi. Zum Glück sieht er immer noch nett aus. Es sind fünf Minuten vom Strand bis zur Spielbank, Zeit, schnell die ersten Fragen zu stellen.

König: Wie fühlt man sich als Pokerweltmeister? Seichte Einstiegsfrage, vor allem für einen norwegischen Grundschullehrer. Aber für die Feinheiten des skandinavischen Schulsystems ist es einfach noch zu früh.

Eskeland: Ich liebe mein Leben gerade. Ich habe mich noch nie so großartig gefühlt, aber nicht nur, weil ich professionell Poker spiele. Ich habe jetzt die Freiheit, alles anders zu machen. Ich esse anders, ich mache Sport, sechs Tage die Woche. Ich hatte immer etwas Übergewicht, jetzt habe ich mein Leben geändert. Jeden Morgen wache ich mit einem Lächeln auf.

König: Was hat sich am meisten verändert seit der Poker-WM? Wieder so eine seichte Frage, aber wenn ich ihm sage, dass man auch als Angestellter abnehmen kann, wird er vielleicht sauer. Das wäre schlecht für den Anfang.

Eskeland: Ich muss mich nicht mehr sorgen. Ich kann einen Teil des Hauses abzahlen. All die Arbeit, die ich in Poker investiert habe, zahlt sich jetzt aus. Das ist phantastisch, nicht nur wegen des Geldes, sondern vor allem, weil ich mein Leben plötzlich so leben kann, wie ich es immer wollte. Nur wenige können das, ich weiß das sehr zu schätzen.

König: Wie sieht das Leben aus?

Eskeland: Ich bin morgens und abends nicht mehr müde von der Arbeit. Ich kann der Super-Papa sein, am Tag mit den Kindern spielen oder sie selbst zum Kindergarten bringen. Ich kann trainieren, reisen und spielen. Ich liebe Spiele. Nicht nur Poker. Schon als kleines Kind habe ich mit meinen Eltern Karten gespielt oder Monopoly.

König: Sie sind ein Spieler.

Eskeland: Aber nicht im negativen Sinn. Als ich älter wurde, kam ich durch Zufall mit dem Strategiespiel "Diplomacy" in Berührung. Man musste mit den Gegnern reden, Deals machen. Es gab richtige Meisterschaften, Europameisterschaften, Weltmeisterschaften - ich wollte dort teilnehmen. Das war die Motivation für mich, immer besser zu werden. Irgendwann war ich der beste nichtfranzösische Spieler bei der WM in Frankreich.

Die Spielbank, in der in diesen Tagen die 3-Ländertour läuft, ist in Sicht. Eskeland ist wirklich nett. Aber noch haben wir ja auch nicht gepokert. Die seichte Einstiegsfrage war jedenfalls keine so schlechte Idee. Innerlich revidiere ich meine Meinung über schweigsame Norweger. Der Weltmeister redet jetzt schon, ohne dass ich Fragen stellen muss.

Eskeland: Nach "Diplomacy" hat mich "Magic the Gathering" fasziniert, ein strategisches Kartenspiel. Es gab dafür sogar eine professionelle Tour. Ich habe wieder hart gearbeitet, mich 2000 für diese ProTour qualifiziert und im gleichen Jahr auch ein Turnier gewonnen. Es gab 25.000 Dollar Preisgeld, und weil der Dollar damals sehr hoch stand, war das in etwa das Jahresgehalt eines normalen Angestellten in Norwegen.

König: Was kann man von solchen Brett- und Kartenspielen für Poker lernen?

Eskeland: Nicht viel. Vielleicht die Einstellung. Weil ich so viele verschiedene Spiele gespielt hatte, wusste ich, wie man gut wird. Ich lernte, was es brauchte - Wille, Zeit, Hingabe, den Austausch mit anderen, Talent. Das hat mir im Poker geholfen.

In der Spielbank sieht es viel besser als davor aus. Vorbei der Eindruck, das hier sei ein leicht baufälliges ehemaliges DDR-Erholungsheim. Rechts von der Bar ist ein Pokertisch frei. Ich werde gegen den Weltmeister Pot Limit Omaha und No Limit Hold'em spielen. Und noch habe ich keine Ahnung, ob diese Idee so gut war wie die seichte Einstiegsfrage.

König: Wann haben Sie sich entschieden, Pokerprofi zu werden und dafür den Job hinzuwerfen? Das ist doch eine Lebensentscheidung.

Eskeland: Ich habe Poker lange neben meinem Job gespielt. Es lief ganz gut, wir hatten ein schönes Extra-Einkommen. Aber eine Familie bringt Verpflichtungen mit sich. Ich konnte nicht einfach aufhören zu arbeiten.

Eskeland gewann Anfang 2010 den Talentwettbewerb eines Pokeranbieters und bekam dafür ein Preispaket im Wert von 100.000 Dollar. Ein halbes Jahr später wurde er Weltmeister in Las Vegas.

Eskeland: Ich hatte mich ein halbes Jahr freistellen lassen. Aber als ich das Bracelet in Las Vegas gewann, war klar: Das ist das Leben, das ich immer leben wollte. Und ich wusste, wenn ich die Chance nicht nutze, kommt sie nicht wieder. Ich bin ja schon ein relativ alter Profi. Es gibt so viele 20-Jährige, die auch wirklich gut sind.

Die Jugend gegen das Alter, ein Metathema, das wir gleich fortsetzen werden. Zunächst muss ich meinen Drilling bei Omaha irgendwie monetarisieren. Eine Neun und zwei Achten auf dem Board, eine in meiner Hand, dazu ein Bube, eine Dame und eine 5. Kein tolles Blatt, aber Eskeland hatte vor dem Flop nur leicht erhöht. Ich spiele 200 an, er bezahlt.

Turn: 4.

Ich spiele 600 an, Eskeland erhöht auf 2000. Wir haben 10.000 Chips, das hier riecht nach einer frühen Dezimierung. Aber ich habe eine Menge Outs für ein Full House. Ich bezahle.

River: 5.

Irgendwie fühle ich mich nicht sooo sicher, obwohl sich meine Hoffnung auf ein gerivertes Full House erfüllt hat. Ich checke, Eskeland spielt 3200 an. "Call", sage ich und sehe dabei, wie er an zwei Karten nestelt. 9 und 8. Toll.

Eskeland: So machen das Bracelet-Gewinner. Er grinst. Ich frage mich, was ich falsch gemacht habe. Sein Raise auf dem Turn, aber meine Outs. Ich hätte den Turn nicht setzen müssen. Die Botschaften sind zunächst: Ich habe nicht mehr viele Chips und er spielt nur, wenn er was hat.

König: Gibt es so was wie Respekt im Pokerbusiness?

Eskeland: Das Bracelet sorgt automatisch für Respekt. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen den jungen Internetspielern und den Profis in meinem Alter, den "älteren Herren" also. Die Jungen glauben, sie sind die Besten. Vielleicht sind sie es sogar, aber das ist nicht wichtig. Sie haben noch nicht gelernt, bescheiden zu sein. Wir Alten sind bescheiden, weil wir wissen, dass unser Beruf ein Geschenk ist.

König: Entschuldigung, das klingt jetzt etwas klischeehaft.

Eskeland: Ist es aber nicht. Es gibt ja noch so ein Klischee, das durch die Realität oft bestätigt wird. Das mit den unterschiedlichen Mentalitäten.

König: Das Klischee, dass ein italienischer Pokerprofi so spielt wie man es einem Italiener nachsagt?

Eskeland: Genau, und es stimmt definitiv. Norweger und Deutsche sind sich sehr ähnlich in ihrer Mentalität. Sehr zurückhaltend in der Regel, freundlich. In Italien und Frankreich gibt es dagegen sehr viel Testosteron an den Tischen. Die Mentalität beeinflusst die Art, wie wir spielen. Es gibt sehr gute Spieler, die das kontrollieren können. Die schlechten Spieler werden das aber nicht schaffen.

Ich schaue in meine Karten und sehe zwei Zehnen. "Raise", sage ich, "Reraise", sagt Eskeland. Meine Chips wandern in die Mitte, er dreht Damen um. Auf dem Turn bekomme ich die Chance auf die Straße. Doch auf dem River löst sich die letzte Chance in Luft auf. Er hat seinen Sieg, aber er gibt mir eine Revanche. Entweder er ist wirklich so nett oder er findet meine Fragen schön leicht. Das können wir gern ändern.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 4 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
07.09.2010 von 445: xxx

Thats Poker. Du bist doch jetzt nicht arm deswegen, oder? mehr...

05.09.2010 von Babilynier: Pokerweltmeister Eskeland: "Ich wache jeden Morgen mit einem Lächeln auf"

Seit dem Mon. den 09.08.2010 wache ich und laechele nicht. Ich spielte All-In am msn.com/games etc. Wir waren 4 von acht geblieben: J 9 (Pik-Spade) habe ich im Pocket, "der" flop: Q 8 (Pik) 9, ich war zweite in [...] mehr...

05.09.2010 von Martin2: Toller Artikel

Danke für den interessanten und unterhaltsamen Artikel, echt toll geschrieben! mehr...

05.09.2010 von Haio Forler: .

Das Video ist herrlich :-) Wie oft habe ich solche Diskussionen am Tisch erlebt, einfach göttlich. Der Amateur weiß gar nicht wie ihm geschieht und da gibt es halt mal einen Abend von 30, da holt er sich die 15%. Die [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
alles zum Thema Flush Hour

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Verwandte Themen

Zur Person

Sigurd Eskeland, 36, Norweger, genannt "the Big Viking", wurde in Oslo geboren. Er interessierte sich früh für Strategiespiele wie "Diplomacy" und "Magic the Gathering", letzteres spielte Eskeland auf semiprofessionellem Niveau. Zum Poker kam er vor etwa zehn Jahren, hielt sich nach eigenen Angaben aber längere Zeit vom Live-Spiel fern, nachdem ein Pokerturnier in Norwegen, an dem er teilnahm, überfallen worden war. Eskeland, Vater von zwei Kindern, arbeitete als Grundschullehrer, bevor er 2010 in Las Vegas den Titel im 8-Game gewann. Der Sieg ist umso höher einzuschätzen, als dass in diesem Wettbewerb acht verschiedene Pokervarianten gespielt werden müssen.

Flush-Hour-Fans

Post für Lasse

Sie haben keine Ahnung vom Poker oder mehr als genug? Sie haben mal Phil Hellmuth abgezockt oder im Verbalduell mit Mike Matusow triumphiert? Sie haben todsichere Hände verloren oder einfach eine Frage an Lasse König? Dann schreiben Sie ihm doch einfach.





TOP



TOP