Wie soll ich nur den verfluchten Berlin-Marathon überleben? Auch dieses Jahr hilft Training so gut wie gar nicht, vor allem nicht die ekligen langen Läufe. Kaum ein knappes Stündchen getrabt, und schon fühle ich mich wie ein überfahrener Hase. Kraftlos hänge ich in der Autotür und presse mir kleine Schlucke von Dr. Feils Aufbau-Cocktail für angehende Laufleichen in den Magen. Die Darmzotten jaulen. Der Nachdurst ist grausam. Das Nitritpökelsalz der gestrigen Bratwürste ätzt gemeinsam mit dem extrascharfen Senf durch die Magenschleimhaut.
Erst zwölf von 27 Kilometern absolviert, aber schon komplett am Ende. Ich hätte mir die Extraportion Ackerschachtelhalm zum Frühstück sparen sollen. Die Bitternis saust wie ein Fahrstuhl die Speiseröhre auf und ab und will an die frische Luft. Aber nur Ackerschachtelhalm kann mein Bindegewebsproblem lösen. Sagt Doktor Feil, Deutschlands führender Speedfood-Guru. Und der hat schon Olympiasieger Jan Frodeno mit Energiefutter ausgestattet.
Lange Läufe sind wie Paartherapien. Man schiebt sie vor sich her, aber es gibt kein Entkommen. Und hinterher war's immer noch eine Spur biestiger als befürchtet. In einem Anfall von Selbstüberschätzung habe ich mal wieder für Berlin gemeldet. Eigentlich nur Mona zuliebe, weil die Schwestern in ihrer Yoga-Gruppe immer ganz fasziniert gucken, wenn meine Gattin erzählt, ihr Mann laufe Marathon. Sie stellen sich einen stolzen, liebeshungrigen Afrikaner vor. Mona ist klug genug, zu verschweigen, dass es sich bei dem betreffenden Athleten weniger um einen edlen Massai als vielmehr um einen käsig-trampelhufigen Westfalen mit Problembindegewebe handelt.
Immerhin: Die Halbmarathons dieses Jahr gingen ganz gut. Dummerweise zeigt der halbe immer nur die bessere erste Hälfte eines ganzen Marathons. Wirklich spannend wird es erst auf dem letzten Viertel, wenn die physischen Systeme umgehend die Arbeit einstellen wollen und die Psyche kaum mehr in der Lage ist, die Beine zum Weiterwackeln zu animieren. Wenn ich schneller sein will als Johannes B. Kerner, Peter Kloeppel und P. Diddy, vielleicht sogar fixer als Shary "Wissen macht Ah!" Reeves und Sarah Palin, dann komme ich um diese stumpfen langen Läufe nicht herum, allein natürlich, weil keiner meiner Laufkumpels Lust hat auf sabbernden Stumpfsinn. Für Bela B. von den Ärzten oder Günter Wallraff wird es allerdings nicht reichen, wenn der Athlet schon nach einer von drei Stunden entkräftet die Plastikbuddel umkrallt.
Zink und Selen statt Süßigkeiten
Meine Trinkflasche ist mein einziger Halt. Sie hält Chromhefe und Kalium bereit, balanciertes Arginin und Antioxidantien aus der Mandel. Ein Schluck, und meine Beine sollten sich kenianisch anfühlen. Los jetzt, erstarkt, sofort, ihr elenden Stelzen! Noch einen Schluck Arginin. Warten auf Muskeln oder wenigstens Bindegewebe gehört zu den größten Charakterprüfungen des Laufsports.
Seit Mona mir einen Human-Energy-Check spendiert hat, weiß ich alles über meinen Stoffwechsel und die Tricks, wie ich mit noch weniger Training noch mehr Erfolg habe. Eine halbe Stunde habe ich herumgeklickt, um aufzulisten, was ich jeden Tag in meinen Athletenkörper fülle. Kann sein, dass das Ergebnis nicht ganz exakt ist. Denn leider habe ich einen Gedächtnisdefekt: Bei Süßigkeiten versagt meine Erinnerung, die Menge aufgenommener Ballaststoffe wird in der Rückschau wiederum auf wundersame Weise vervielfacht.
Das Ergebnis war großartig und niederschmetternd zugleich: Ich trinke täglich einen guten Liter zu wenig, vor allem aber bin ich ein Zink- und Selen-Mangelgebiet. Doktor Feil ist mit meinem Metallspiegel erst zufrieden, wenn ich in der Sicherheitsschleuse vom Flughafen piepe.
Außerdem fülle ich jeden Tag zu viele einfache, also schlechte Kohlehydrate ein, was zu Blutzuckerschwankungen und wiederum ständiger Müdigkeit führt. Stimmt genau. Wenn ich mehr Chrom esse, verringert sich meine Lust auf Zucker. Chrom-Lieferanten sind neben Lanxess auch Bierhefe, Leber und Austern, drei Nahrungsmittel, die sich auch mit sehr viel molekularer Phantasie kaum zu einem kulinarischen Trialog vereinen lassen. Außerdem konsumiere ich zu wenig Kartoffelschalen, die Kieselsäurelieferanten und Bindegewebsbooster schlechthin.
Die gute Nachricht des Human Energy Check: Ich nutze meine Ressourcen nur zu 80 Prozent. Ich könnte also umgehend fünf statt sechs Minuten auf den Kilometer laufen, brächte ich nur endlich meinen Metallhaushalt in Ordnung. Am hinteren Autofensterholm wächst eine kleine Rostblase. Es wird der Tag kommen, da ich verstohlen das erste Eckchen nasche.
Infos, Tipps und Tricks für den Berlin-Marathon finden Läufer im großen Spezial auf Achim-Achilles.de.
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