Vor mehr als zwanzig Jahren fiel die Mauer. Die Menschen im Osten rissen sie einfach ein. Die Zukunft schien rosig, heute aber liest man immer wieder Statistiken, laut denen sich die Menschen die Mauer zurückwünschen. War die Mauer wirklich so schlecht? Der Eindruck scheint zu sein, dass es sich doch ganz gut lebte in der grauen Zone.
Auch im Poker gibt es eine Grauzone - das Online-Poker. Die Zone ist deshalb grau, weil es zwar eigentlich verboten ist, online um Geld zu spielen. Aber verklagt wurde bisher noch niemand, jedenfalls kein Onlinepokerspieler. Die Angst geht um, dass die Behörden in der Folge hunderttausende Prozesse anstrengen müssten. Legitimiert war das Verbot bisher durch das Staatliche Glücksspielmonopol - es durften keine Lizenzen an ausländische Onlinepokeranbieter in Deutschland vergeben werden.
Seit zwei Tagen wankt das Staatliche Glücksspielmonopol wie damals die Mauer, diesmal hat der Europäische Gerichtshof (EuGh) fest daran gerüttelt und es in Teilen für illegitim erklärt. Das Monopol hatte lange so sicher gestanden wie die Mauer aus Beton, jetzt droht es zu kippen. Die Zukunft sieht rosig aus, auf den ersten Blick. Die Zukunft könnte in Bezug auf Poker jedenfalls theoretisch so aussehen, dass bald legal im Internet gespielt werden kann.
Italiener sind gern unter sich
Doch auch diesmal stellt sich die gleiche Frage wie damals bei der Grenzöffnung: Ist das wirklich gut? Oder lebt es sich in der Grauzone vielleicht sogar besser?
Anders als beim Fall der Mauer in der DDR gibt es diesmal bereits Anschauungsmodelle, die Schlüsse auf die Zukunft zulassen. In Frankreich gibt es seit Juni 2010 Lizenzierungen für ausländische Pokeranbieter - doch diese dürfen ihre Software nur unter der Landeskennung ".fr" anbieten. Die ".com"-Adressen sind nicht mehr erreichbar. Und während sich über Jahre unter der ".com"-Adresse Franzosen - wenn auch in der Grauzone - mit der internationalen Pokerwelt messen konnten, spielen sie seither nur noch unter sich.
Wie hoch der Preis für diesen Kompromiss ist, kann noch nicht abgeschätzt werden. Auf Dauer wird die Spannung eher sinken denn steigen, wenn man nur noch gegen Landsleute spielen kann. Natürlich sinkt auch die Zahl der möglichen Gegner. In Italien, das die Lizenzierung schon früher einführte, hat das Modell funktioniert - Italiener sind offenbar gern unter sich. Die Basis in Frankreich ist ebenfalls groß.
Auch in Deutschland müssten Online-Pokerspieler keine Angst haben, keine Gegner mehr zu finden. Doch es gibt noch andere Auswirkungen einer möglichen gesetzlichen Neuregelung. Pokeranbieter kassieren "Rake", also einen Anteil an jedem Pott, um den im Internet gespielt wird. Die Höhe ist unterschiedlich, liegt aber in der Regel bei fünf Prozent und ist nach oben gedeckelt. Diese Beträge werden steigen, denn die Pokeranbieter müssen Lizenzgebühren an die Länder abführen und werden diese Gebühren an die Spieler weiterreichen.
Virtueller Streik
In Frankreich führte das neue Modell zu vielen kleinen und großen Merkwürdigkeiten. Plötzlich wurden Pötte "besteuert", bei denen es noch gar nicht zu einem Flop gekommen war - vorher unvorstellbar. Es war wie das Kassieren von Eintritt für eine Kinovorstellung, obwohl man sich nur ein Filmplakat angeschaut hatte. Die Spieler auf "Pokerstars.fr" protestierten an den virtuellen Tischen - sie nahmen Platz und spielten nicht.
Auch für eine Lizenzierung ausländischer Pokeranbieter in Deutschland gibt es schon mehrere Modelle und noch kein einziges, auf das sich Länder und Pokeranbieter schnell einigen könnte. Viele Fragen sind offen: Soll es Cashgames geben oder nicht? In Italien wurden zunächst nur Turniere und Sit'n'gos angeboten. Wie hoch sind die Lizenzgebühren? Sind sie so hoch, dass sich eine deutsche Lizenz für den Anbieter noch lohnt? In Frankreich führte die Antwort auf diese Frage zum Verzicht einiger großer Anbieter. Sie verschwanden freiwillig vom französischen Markt.
Zumindest eines steht fest: Die Länder werden nicht mehr lange ein Monopol verteidigen können, das vor allem auf dem Argument der Suchtprävention beruht - und das die Länder selbst ad absurdum führen. So gelten Automaten nur als "Unterhaltungsspiel mit Gewinnmöglichkeit" und unterliegen damit der Vergnügungssteuer - nicht aber den strengen Auflagen für das Glücksspiel. Zum Beispiel das Werbeverbot, das private Wettanbieter trifft.
Die Ziehung der Lottozahlen wird hingegen immer noch im Fernsehen übertragen.
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