27. Juli 2006, 19:36 Uhr

Doping-Desaster

Fahrt in den Abgrund

Von Jörg Schallenberg

Was hatte Floyd Landis den Journalisten nicht alles aufgetischt, um sein märchenhaftes Comeback in den Alpen zu erklären. Jetzt fällt das Lügengebäude zusammen. Der Profi-Radsport und die Tour de France stehen vor dem Aus – wenn sie sich nicht radikal ändern.

Jetzt also Floyd Landis. Nicht, dass diese Nachricht - B-Probe hin oder her - wirklich überraschend wäre. Der Tour-Sieger 2006 startet für den Phonak-Rennstall, der die vergangenen Jahre immer wieder in Dopingfälle verstrickt war. Dem Olympiasieger Tyler Hamilton aus den USA, dem Schweizer Straßen-Weltmeister Oscar Camenzind und dem spanischen Vuelta-Zweiten Santiago Perez wurden ihre Lizenzen wegen Dopingvergehen entzogen, Landis wäre nur der nächste in der Reihe.

Bevor er zu Phonak wechselte, fuhr er für das Team US Postal, das dank seines ehemaligen Kapitäns, der siebenmalige Tour-Sieger und jetzige Mitbesitzer Lance Armstrong, ohnehin einen schlechten Ruf in Sachen unerlaubte Leistungssteigerungen genießt. Schließlich war die wundersame Auferstehung von Landis auf der Alpenetappe nach Morzine vielen Beobachtern verdächtig erschienen – nachdem der 30-Jährige am Tag zuvor am Ende seiner Kräfte den Berg nach La Toussuire empor gekrochen war.

Keine Überraschung also. Aber dennoch: Wenn man gerade vor wenigen Tagen von der Tour de France zurückgekehrt ist, im Kopf die Bilder vom strahlenden Sieger auf den Champs Elysées und, wichtiger noch, die Bilder von all jenen Begegnungen mit Landis am Rande des Rennens, dann steht man zumindest ein paar Momente fassungslos da und denkt: Das darf doch nicht wahr sein!

Landis war also laut A-Probe mit dem Hormon Testosteron gedopt an jenem Tag, als er nach seinem glänzenden Comeback und dem obligatorischen Dopingtest im Videowagen des französischen Fernsehens Platz nahm und aussah, als würde er gleich tot vom Stuhl fallen. Doch den Journalisten vor ihm erzählte er eine schöne Geschichte von jenem Bier, das er als einziges ungewöhnliches Hilfsmittel am Abend zuvor getrunken habe. Wenige Stunden später saß Landis dann ein wenig erholter auf einem Barhocker im Garten des Teamhotels und verbreitete wieder und wieder die hoch pathetische Sage vom "All American Boy", der bei seiner letzten Chance auf eigene Faust alles gewagt und alles gewonnen habe. Der sein Team nicht enttäuschen wollte. Dann gab es noch einmal die Episode mit dem Bier zum Mitschmunzeln und als einzige Erklärung für die rätselhafte Leistungssteigerung den lapidaren Verweis, dass an diesem Tag eben der richtige Landis auf dem Rad gesessen habe, 24 Stunden zuvor dagegen nur eine Helden-Attrappe.

Alles Lüge?

Ist es tatsächlich so abgelaufen, dass der US-Amerikaner nach seinem Einbruch in heilloser Panik zum erstbesten Aufputschmittel gegriffen hat, das ihm – woher auch immer – erst unter die Finger und dann unter die Haut kam? Es scheint fast, als sei die Geschichte dieser Tour de France tatsächlich eine derart billige Schmierenkomödie gewesen – immerhin mit einer Art morbiden Happy Ends: Der gute, alte, geschmähte und tot gesagte Dopingtest hat noch einmal funktioniert – und er hat die Welt der Tour und des Radsports möglicherweise endgültig auf den Kopf gestellt.

Konnte man nach dem Ausschluss der Favoriten Ivan Basso und Jan Ullrich vor dem Start der 93. Frankreich-Rundfahrt noch hoffen, dass dieses Mal ein vergleichsweise sauberes Rennen gefahren werden würde, so erweisen sich diese Gedanken jetzt einzig als naiv. Die Frage lautet nun, noch dringlicher gestellt als vor knapp vier Wochen: Wie kann sich der Profi-Radsport noch aus diesem Sumpf ziehen?

Die Diskussionen über neue Tests, genetische Fingerabdrücke und eine veränderte Gesetzgebung muss beschleunigt geführt werden. Wenn die Legislative in manchen Ländern zu lange braucht, müssen die Radsportverbände und die Teams selbst aktiv werden, so radikal wie möglich. Eine neue Idee in diesem Zusammenhang: Wie wäre es, wenn jene Teams – wie Phonak – von der Eliteserie ProTour ausgeschlossen werden, deren Besitzer unverblümt sagen, dass es in letzter Konsequenz egal ist, ob gedopt wird oder nicht?

Um einen Zeitpunkt für grundlegende Veränderungen zu definieren: Die Tour de France 2007 kann nicht unter denselben Rahmenbedingungen stattfinden wie jene in diesem Jahr. Welchen Sinn hat diese Veranstaltung noch, wenn von Bjarne Riis über Jan Ullrich und Lance Armstrong bis zu Floyd Landis (vom toten Marco Pantani wollen wir gar nicht reden) alle Tour-Sieger seit 1996 unter schwerstem Dopingverdacht stehen? Momentan: keinen.

Doch Konsequenzen ziehen müssen nicht nur die Aktiven, sondern auch jene, die ihr Treiben in die Welt hinaustragen. All jene Journalisten haben nun Recht bekommen, die - wie etwa Andreas Burkert von den "Süddeutschen Zeitung" - in keinem Artikel den Hinweis auf einen möglichen unsauberen Grund für diese oder jene formidable Leistung vergaßen. Alle anderen, die lästigen Kollegen bei Pressekonferenzen gerne mal über den Mund fuhren oder meinten, man müsse sich doch auf das Sportliche konzentrieren und alles Andere mal beiseite lassen, stehen dumm da. Das betrifft einmal mehr insbesondere die öffentlich-rechtlichen TV-Berichterstatter.

In Zukunft ist Misstrauen angesagt. Die Fahrer, aber auch die Teamchefs, Manager, Betreuer und Ärzte werden für eine lange Zeit damit leben müssen, dass in diesem Geschäft vorläufig niemandem mehr vorbehaltlos geglaubt wird. Niemandem.


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