Wetzlar – Es war ein Boxkampf, wie man ihn nicht alle Tage sieht. Schon nach vier Runden fragte sich das Publikum in der Rittal-Arena: Würde Weltmeister Arthur Abraham seinen IBF-Titel im Mittelgewicht verteidigen können, würde er dem weit weniger lädierten wild angreifenden Kolumbianer Edison Miranda über zwölf Runden stand halten können? Der 26 Jahre alte Berliner armenischer Herkunft – er nahm die deutsche Staatsbürgerschaft Ende August an - kämpfte ab der vierten Runde mit einer schweren Verletzung: Der Gegner hatte ihm den Kiefer gebrochen.
Von diesem Moment an kämpfte Abraham nicht nur gegen einen teilweise unsauber agierenden Herausforderer – mehrmals musste der Punktabzüge wegen Tiefschlags und absichtlichem Kopfstoß hinnehmen -, sondern auch mit dem Schmerz. Das Blut schoss ihm immer wieder aus dem Mund. Die blutverschmierten Hemden von Trainer Ulli Wegner und dem Ringrichter zeugten von der schweren Verletzung. Abrahams Kiefer war derart angeschwollen, dass er den Mund nicht mehr schließen konnte.
In der fünften Runde stand der Kampf kurz vor dem Abbruch. Miranda hatte Abraham mit einem absichtlichen Kopfstoß weiter zugesetzt. Ein Arzt tastete Abrahams Backe ab und versuchte die Wunde im Mund zu stillen. Vergebens. Der Ringrichter wollte den Kampf abbrechen. Doch der Supervisor beschloss: weiterboxen!
Zunächst gelang das Abraham noch sehr gut. Er setzte weiter schwere Treffer, musste sich dann aber immer mehr auf die Verteidgung verlegen. Schwer keuchend und scheinbar am Ende seiner Kräfte verbrachte er die Pausen in seiner Ecke, kurz davor aufzugeben. Doch Trainer Wegner feuerte seinen Mann an und trieb ihn zum Weitermachen. Es ging darum, den Weltmeistertitel zu verteidigen und sich damit den lukrativen Zugang zum amerikanischen Markt zu sichern.
Abraham lag nach Punkten vorn, er hatte beim Kolumbianer schwere Wirkungstreffer gelandet. Doch der schlagstarke Herausforderer blieb brandgefährlich. Ein weiterer schwerer Punch auf Abrahams Kiefer hätte jederzeit das vorzeitige Ende des Kampfes bedeuten können. Abraham, teils schwankend, gelang es, in den letzten Runden dem Gegner immer wieder auszuweichen. Er überstand alle zwölf Runden und siegte klar nach Punkten (114:109, 115:109, 116:109). Für den ungeschlagenen Abraham war dies der 22. Sieg in seiner Profi-Karriere. Miranda verlor dagegen im 27. Fight zum ersten Mal.
Der früher als "Schlumpf-Boxer" bekannte Abraham hatte den Mittelgewichts-Titel der IBF im Dezember 2005 in Leipzig durch einen K.o.-Sieg gegen Kingsley Ikeke (USA) erobert und ihn seitdem zweimal freiwillig verteidigt. Das Duell mit Miranda war die erste Pflichtverteidigung. Diesesmal musste King Arthur wegen eines Rechtestreits auf sein Schlumpf-Outfit verzichten. Abraham ist der einzige deutsche Weltmeister neben Markus Beyer.
Die Siegesfeier im Ring fiel spärlich aus. Die Schmerzen waren zu groß, als dass der alte und neue Weltmeister hätte jubeln können. Sein Gesicht war so geschwollen, dass er nicht einmal mehr lachen konnte. Unmittelbar nach dem Kampf wurde er in einem Notarztwagen ins Krankenhaus gebracht, wo er operiert werden sollte. Voraussichtlich kann er mindestens ein halbes Jahr nicht mehr boxen.
Alexander Schwabe
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