07. Juli 2008, 11:24 Uhr

Wimbledon-Finale

Spiel, Satz, Sternstunde

Von Jörg Allmeroth, London

"Sensationell", "epochal" - kein Superlativ kann die Dramatik des Wimbledon-Finales zwischen Roger Federer und Rafael Nadal beschreiben. Ob Becker oder Borg - selbst ehemaligen Tennis-Größen fehlten nach diesem Match die Worte. Der Spanier könnte Federer schon bald als Dominator ablösen.

Von der Terrasse des Spielerrestaurants marschierte er mit zwei dicken Kleidersäcken, einer Tennistasche und auch noch einem kleinen Koffer herüber zu Tor 20 des All England Club. Toni Nadal sah um Viertel vor Elf am Sonntagabend nicht wie der stolze Onkel, wie der engste Weggefährte und Trainer des neuen Wimbledon-Champions aus, sondern wie ein müder Gepäckträger, der am Ende eines knüppelharten Tages seine letzte schwere Tour geht. "Der Bursche hat mich fast umgebracht", sagte Nadal mit einem schalen Grinsen, "das war wie ein Attentat auf meine Gesundheit".

Es war tatsächlich ein historischer, ein denkwürdiger, ein unvergesslicher, ein faszinierender Spieltag, der bei allen Beteiligten im Grand Slam-Tempel an der Church Road seine tiefen Spuren hinterließ. Nicht weniger als eine der großen Zäsuren in der Tennisgeschichte erlebten 15.000 Zuschauer mit dem epischen Sturz des scheinbar ewigen Wimbledon-Königs Roger Federer und der Thronbesteigung von Rafael Nadal, dieses kraftvollen Revoluzzers aus Mallorca, der um 22.16 Uhr in der surrealen Dramaturgie dieses Endspiels endlich am Ziel aller Träume und Wünsche war. "Es war ein Erlebnis, das du nicht in Worte fassen kannst. Emotional wie nichts, was ich jemals auf einem Tennisplatz erlebt habe", sagte der Spanier später in der Nacht, in der Nacht nach seinem wahrlich unbeschreiblichen 6:4, 6:4, 6:7 (5:7), 6:7 (8:10) und 9:7-Sieg über den Schweizer Maestro.

Wie von einem anderen Planeten war das Tennis der beiden besten Spieler dieser Generation, und genau so unwirklich endete auch das Duell der Superlative: Als fast gar kein Licht mehr die grüne Spiel-Wiese erhellte, als der Centre Court fast schon zur Dunkel-Kammer geworden war, vollzog sich doch noch im 63. Spiel eines "sensationellen Kampfs" (Björn Borg) der Machtwechsel. Es war ein epochaler, ein epischer Moment, und Zufall oder nicht, die Szenerie glich aufs Haar der theatralischen Spätaufführung, mit der Amerikas Pete Sampras vor acht Jahren ein letztes Mal in Wimbledon gesiegt hatte – anno 2000 gegen den Australier Patrick Rafter.

Ein Match für die Ewigkeit

Und wie damals beim letzten Hurra von Sampras illuminierte auch jetzt beim ersten Coup von Nadal nur noch eine Batterie von Blitzlichtern das Tennis-Theater, in dem der Held des Tages erschöpft, aber glücklich seine Trophäe in die Höhe stemmte, den Goldpokal für den Sieger der Offenen Englischen Meisterschaften. Nur schemenhaft war für die 15.000 Zuschauer auch zu erkennen, wie Nadal während der offiziellen Zeremonien durch den Herzog von Kent kurz in den Cup hinein biß, ganz so, als wolle er sich noch einmal vergewissern, ob er echt ist. Und ob das alles überhaupt Wahrheit ist oder doch nur eine Illusion.

Doch es stimmte. Er, Rafael Nadal, war der Sieger, der Triumphator an einem 6. Juli 2008, den keiner der beiden Gladiatoren, keiner aus der Entourage der Stars, keiner der Fans auf dem Centre Court und keiner der vielen Millionen Zuschauer vor dem Fernsehschirm so schnell vergessen wird. Die ohnehin schon prickelnde Fortsetzungsserie der Duelle zwischen Federer und Nadal erlebte einen atemraubenden Höhepunkt, ein Match für die Ewigkeit, in dem der Rekord für die Ewigkeit nicht aufgestellt wurde, der sechste Federer-Sieg hintereinander. "Es war das beste Wimbledon-Finale aller Zeiten", befand Ex-Champion Boris Becker, der vom Geschehen so in seinen Bann gezogen wurde, "dass mir die Hände zitterten." Wer das Spiel gesehen habe, werde sich an die mitreißendsten Momente "noch in Jahren erinnern", sagte Ex-US-Star John McEnroe, "das hat sich ins Hirn eingebrannt".

Das längste Wimbledon-Endspiel der Geschichte lieferte die verrücktesten, die schönsten, die ungewöhnlichsten Drehungen und Kniffe, die man sich vorstellen kann. Es war wie ein Roman, der sich aufblätterte, ein Drehbuch, in dem die beiden Figuren durch alle Höhen und Tiefen marschierten, in dem sie sich nie sicher konnten, ob ihr Glück von Dauer war – und in dem sie sich immer wieder aufrappelten nach allen nur denkbaren Rückschlägen. Niemals zuvor balancierten zwei Spieler so nervenzehrend am Abgrund des Scheiterns und spielten doch gleichzeitig Traumschläge wie am Fließband.

Federer über die "schlimmste Niederlage meiner Karriere"

Was wie eine Versagensbilanz aussah, die vielen ungenutzten Breakchancen von Federer (1:13) und von Nadal (4:13), war eine Demonstration der Stärke, des Behauptungswillens, der Standfestigkeit: Wie ums Überleben kämpften der Schweizer und der Spanier um diesen Titel, knallten dem anderen Asse und fantastische Passierschläge um die Ohren, wenn es am meisten zählte – bei den Big Points. Als "antikes Drama" erschien dem ehemaligen englischen Weltklassespieler Tim Henman dieses grenzenlose Spiel, das mehr als einmal das Begriffsvermögen seiner Betrachter überstieg.

Die Vorahnung eines Zeitenwechsels lag auch in der Luft an diesem späten Sonntagabend, an dem Nadal nach drei vergebenen Matchbällen, zweien davon im Tiebreak des vierten Satzes bei 7:6 und 8:7, dann endlich in der 288. Minute des Finales sein neues Königreich Wimbledon eroberte. Um die Gravität des Augenblicks zu spüren, musste man nur den geschlagenen Nummer eins-Spieler Federer betrachten, seine rotumrandeten, verheulten Augen, sein starres Gesicht, seine gebeugte Haltung – mit jeder Bewegung und mit jedem Wort wirkte er wie einer, der aus dem letzten Refugium vertrieben worden war, aus seinem ganz persönlichen Tennis-Paradies. "Es ist die schlimmste Niederlage meiner Karriere – bei weitem", sagte der 26-Jährige, "viel schlechter habe ich mich selten gefühlt." Schon jetzt wusste Federer, "dass ich an diesem Spiel länger knabbern werde als an jedem anderen, denn: "Für eine Niederlage in einem Wimbledon-Endspiel gibt es nur schwer Trost."

"Nadal wird nur schwer zu schlagen sein"

Schon gar nicht, wenn der Sieger drauf und dran ist, selbst eine neue Dynastie im All England Club zu begründen – ein Sieger, der mit seinen 22 Jahren in der Altersklasse war, in der John McEnroe den großen Björn Borg 1980 stürzte und in dem Federer 2001 selbst das Sampras-Zeitalter in Wimbledon kühl beendete. Folgen nun die Nadal-Jahre im immergrünen Grand-Slam-Tempel? "Er hat Wimbledon und das Spiel auf Gras so schnell lieben gelernt, dass er nur schwer zu schlagen sein wird", sagte Borg, der in der königlichen Box das Match verfolgt hatte. Wo bei Federer alle beeindruckenden Serien gerissen waren, wo er nach 65 erfolgreichen Rasenmatches und fünf Champion-Jahren in Wimbledon erstmals in die Knie gezwungen wurde, hatte der ungestüme Nadal nun seinen ersten bahnbrechenden Grand-Slam-Triumph jenseits von Paris errungen und sich auch des notorischen Zusatzes "Sandplatz-König" entledigt – einer Beschreibung, die zuletzt ohnehin nur noch als Beleidigung für den bärenstarken Allrounder aufgefasst werden konnte.

Mochte die Weltrangliste ihn am Montag auch unverändert als Nummer 2 der Welt führen, und dies schon in der 155. Woche hintereinander, war Nadal doch die moralische Nummer 1. "Wer die French Open und Wimbledon gewinnt, ist immer die Nummer 1", sagte Becker, "da ist egal, was mir der Computer sagt." Schon bald könnte sich der Machtwechsel aber auch schwarz auf weiß vollziehen: Nadal hat nur noch 545 Punkte Rückstand auf seinen Freund und Gegenspieler Federer. 545 Punkte, die in den nächsten Wochen leicht aufzuholen sind für den Mann aus Mallorca, der dann seine Muskeln nicht knapp unterhalb, sondern auf dem Gipfel spielen lassen wird. Daran zweifelt keiner mehr.

Nicht nach diesem 6. Juli 2008. Nicht nach einem Tag, an dem Nadal den Besten der Welt an seinem Lieblingsort schlug. Nichts ist nun mehr so, wie es war. Nicht für Federer. Und nicht für Nadal.


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