Aus Valencia berichtet Carsten Kemmling
Erst der Rennausfall am Montag, dann der planmäßige Ruhetag - beim America's Cup steigt die Spannung. Die Atmosphäre zwischen den beiden Segel-Syndikaten Alinghi und BMW Oracle ist so aufgeheizt, dass die Wassersport-Welt nun endlich eine Antwort auf die Frage haben will: Wer ist der Schnellste?
Den Protagonisten Larry Ellison (BMW) und Ernesto Bertarelli (Allinghi) geht um Ehre, um Macht im Segelsport und viel mehr noch darum, wer das letzte Wort hat. Beide wollen es jetzt wissen. Die Rennabsage am Montag war keine künstliche Verzögerungstaktik, um den Spannungsbogen unerträglich stark anzuspannen. Beide Teams erklärten ungewöhnlich einvernehmlich, dass die Absage wegen drehender und zu schwacher Winde in Ordnung ging. Keine Vorwürfe, keine Anklagen.
Auch der Ärger darüber, dass am Dienstag ein Ruhetag eingelegt werden musste, hält sich in Grenzen. Denn diesmal hätte Starkwind ein Rennen verhindert. Beide Teams verzichteten auf Trainingseinheiten, um das Material nicht zu gefährden.
Deshalb wird weiter spekuliert, wer am Mittwoch das erste Rennen gewinnen wird. Obwohl die Boote extrem unterschiedlich sind, versichern selbst Team-Insider glaubhaft, dass die Leistungsfähigkeit der Mehrrumpfer so nahe beieinander liegt, dass der Ausgang des Duells völlig offen ist.
Nach wie vor werden Alinghi bessere Chancen bei extremen Leichtwind-Bedingungen eingeräumt. Das hängt mit der Herkunft des Katamarans zusammen. Er stammt ab von Bertarellis 41-Fuß-Flauten-Renner "Le Black" ab, der nach 2000 drei Jahre lang die Langstrecken-Regatten auf dem Genfer See beherrscht hatte.
Konsequenter Leichtbau bei Alinghi
"Alinghi 5" ist eine hochskalierte Version des Katamarans, sehr leicht, und durch eine ausgeklügelte Verstrebung zwischen den Rümpfen mit einer extremen Steifigkeit ausgestattet. Durch das geringe Gewicht benötigt der Kat weniger Wind, um einen Schwimmer aus dem Wasser zu heben. Der geringere Widerstand im Wasser lässt ihn dann deutlich schneller segeln.
Dem leichten Boot wird auch auf dem Vorwind-Kurs ein größeres Potenzial eingeräumt. Theoretisch kann es einen direkteren Kurs auf das Ziel zusteuern. Deshalb drehten die Schweizer am Montag während der Wartezeit Kreise um den Konkurrenten. Sie wollten der Wettfahrtleitung zeigen, dass durchaus genug Wind für einen Start vorhanden sei. Ein Wink mit dem Zaunpfahl.
Der "USA" von BMW Oracle werden dagegen größere Chancen bei stärkerem Wind eingeräumt. Der futuristische 68 Meter hohe Segel-Flügel erzeugt zwar extrem viel Druck und Vortrieb, er kann aber auch durch die neun beweglichen Elemente am Profil sehr effizient abgelassen werden. Außerdem stammt der Trimaran von dem 35 Meter langen Starkwind-Vehikel "Groupama 3" ab, der vor einer Woche gestartet ist, um in Rekordzeit unter 50 Tagen um die Welt zu jagen. Die Designer des französischen Bootes haben bei der Konstruktion der "USA" geholfen.
Robustes BMW-Oracle-Boot brilliert bei starkem Wind
Christoph Erbelding, deutscher Strukturspezialist bei BMW Oracle, bestätigt, dass die größere Festigkeit zu einem etwas höheren Gewicht führt. Allerdings habe man das Schiff ständig verändert, seit klar war, dass "Alinghi 5" für extreme Leichtwind-Bedingungen optimiert worden ist. Entsprechend tunten auch die Schweizer ihr Boot für mehr Wind. So gingen sie am Montag mit vierzehn Crewmitgliedern an Bord. "USA" segelte nur mit zehn Mann. Ein Unterschied von rund 360 Kilogramm.
Neben dem absoluten Geschwindigkeitspotenzial wird auch Verlässlichkeit eine große Rolle spielen. So bezifferte ein Insider die Wahrscheinlichkeit, dass eines der beiden Boote auseinander bricht, auf 30 Prozent.
Eine zusätzliche Unwägbarkeit ist die fünfminütige Vorstart-Phase, in der sich die Gegner unter der Aufsicht von Schiedsrichtern schon beharken dürfen. Dort ist es einem prinzipiell langsameren, aber manövrierfähigeren Boot durchaus möglich, den Gegner effektiv auszubremsen.
Starker Seegang gefährdet den Rennstart am Mittwoch
Fragen über Fragen. Am Mittwoch sollte es Antworten geben. Die Startzeit war für 10:06 Uhr angesetzt. Doch wegen der starken Winde verschoben die Organisatoren den Beginn auf 13 Uhr. Problematisch könnte vor allem die Wellenhöhe sein. Die See dürfte von den starken Winden noch aufgewühlt sein. Und besonders Alinghi hatte Bedenken angemeldet, dass die Sicherheit bei einer Wellenhöhe von über einem Meter gefährdet ist.
Im Darsena-Hafen zerrt der starke Wind an der großen schwarz-rot-goldenen Flagge über der deutschen America's-Cup-Basis. Eingeschweißt in Plastikfolie liegt der deutsche Cupper wie ein gestrandeter Wal vor der Hallentüre.
Daneben zeigen die Italiener von Mascalzone Latino Flagge. Es ist wie eine stumme Anklage der ausgeschlossenen kleinen Teams: Leute, bringt endlich dieses Duell über Bühne, damit wir beim nächsten America's Cup wieder mitspielen können.
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