100-Meter-Sieger Bolt: Mit angezogener Handbremse zum Fabel-Weltrekord

Aus Peking berichtet Jens Weinreich

Abgebremst und trotzdem Weltrekord gelaufen: Der Fabelerfolg des Jamaikaners Usain Bolt mit 9,69 Sekunden über 100 Meter im olympischen Finale gibt Rätsel auf. Bolts Paradedistanz sind eigentlich die 200 Meter, vor seinem Olympiasieg hatte er lediglich acht Rennen über die kurze Distanz absolviert.

Was war das? Die größte Show, die die Welt je gesehen hat? Ein Außerirdischer? Oder der größte Betrug, den der Sport bisher erlebt hat? Größer als die Skandale um Ben Johnson, die Tour de France, das Team Telekom, das kalifornische Balco-Labor und das DDR-Dopingsystem? Fragen über Fragen. Usain Bolt, 21, aus Trelawny Parish in Jamaika, ist im Vogelnest von Peking um 22.28 Uhr Ortszeit so schnell gerannt, wie nie ein Mensch zuvor. 9,69 Sekunden wurden für den Olympiasieger gestoppt. Ein Zehntel schneller als der ebenfalls aus Jamaika stammende, aber für Kanada startende Ben Johnson vor 20 Jahren bei den Sommerspielen in Seoul. Drei Hundertstel schneller als am 31. Mai in New York, als Bolt schon einmal Weltrekord rannte und die Bestmarke seines Landsmanns Asafa Powell auf 9,72 Sekunden verbesserte.

Neun-Komma-sechs-neun.

"Es hätten auch 9,60 sein können", sagte Bolt, der in seinem Leben gerade acht ernsthafte 100-Meter-Sprints gemacht hat. Er war bis zu seinem Weltrekord in New York nur als 200-Meter-Läufer bekannt. Die 100 Meter hatte er damals als Trainingseinheit für seine Lieblingsstrecke bezeichnet. Und noch etwas: Eigentlich wollte er bei Olympia die 200 und 400 Meter laufen. Doch in New York entschied er, die Stadionrunde sein zu lassen.

Was war das also in Peking? Ein Wunder? Oder ein Jogging-Gate? Denn 91.000 Menschen im Olympiastadion und hunderte Millionen an den TV-Geräten haben gesehen, dass Bolt sich nicht einmal voll verausgabt hat. Sein Rennen mit offenen Schuhen dauerte 70, maximal 80 Meter. Dann ist er ausgetrudelt, hat sich umgesehen, nein: zurück geschaut, wo die anderen bleiben. Wie sagte Richard Thompson aus Trinidad, der mit 9,89 Sekunden die Silbermedaille gewann? "Es ist schon komisch, wenn du Usain abstoppen siehst und selbst noch mächtig zu pumpen hast."

Nuggets, schlafen, Nuggets, Gold

Während also die Konkurrenz hinter Usain Bolt noch einen Wettbewerb bestritten, schlug sich Bolt siegesgewiss auf die Brust, setzte sein breitestes Grinsen auf, joggte durchs Ziel und beschleunigte erst wieder danach. Die nächste Kurve nahm er gleich mit, rannte fast 200 Meter weiter und stoppte erst auf der Gegengeraden an einem Zuschauerblock. Dort nahm er Jamaikas Flagge und einen riesigen goldenen Sportschuh seines Ausrüsters in Empfang. Damit verstieß er gegen die Werberichtlinien des IOC. Aber das machte auch nichts mehr, wo sich doch alle Welt fragte, ob er nicht gegen andere Regeln verstoßen hat.

Sechs Mal sei Usain Bolt allein in Peking von Drogenfahndern getestet worden, behauptete später in den Stadionkatakomben der jamaikanische Teamarzt. Als Bolt neunzig Minuten nach seinem Darbietung und einem Interview-Marathon bei den Rechteinhabern der Fernseh- und Radiostationen zur Pressekonferenz auftauchte, stärkte er sich mit einem Müsli-Riegel. Jemand wollte wissen, wie er den Tag verbracht habe. Er sei gegen 11 Uhr aufgestanden, erzählte Bolt, habe ein paar Nuggets gegessen, sei wieder Schlafen gegangen, habe danach noch ein paar Nuggets gegessen, und dann ging es auch schon ins Stadion. Welche Nuggets es waren, hat Bolt nicht erzählt.

Auch wenn es nachrangig erscheint angesichts der Wundertaten des Usain Bolt, sei noch die Statistik komplettiert: Hinter Bolt (9,69) und Thompson (9,89) kam der Amerikaner Walter Dix (9,91) auf Rang drei vor Churandy Martina von den Niederländischen Antillen. Asafa Powell aus Jamaika, der in der Ära vor Usain Bolt vier Mal Weltrekord gerannt war, wurde Fünfter. Powell kann zwar schnell rennen, aber er hat nicht die Nerven für ein Finale. Schon bei der WM 2007 in Osaka war er klar favorisiert – wurde aber nur Dritter.

Stürmischer Jogginglauf

Weltmeister Tyson Gay, gehandicapt von einer Muskelverletzung, die er sich bei den USA-Olympiaentscheidungen Anfang Juli in Eugene im US-Bundesstaat Oregan zugezogen hatte, schied bereits im Halbfinale aus. Eigentlich wäre Gays vorzeitiges Adieu eine der Geschichten dieser Leichtathletik-Wettbewerbe gewesen, wenn, ja wenn das Finale nicht so unglaublich verlaufen wäre. So aber ist das Schicksal des Tyson Gay nur eine Fußnote wert.

Weltrekord zu laufen, sei nicht sein Ziel gewesen, kokettierte Bolt. "Es ging mir allein um die Goldmedaille." Er erzählte dann etwas vom großen Spaß, den er gehabt habe, vom Tanzen, das er so liebe, und dass er seinem Coach Glen Mills dankbar sei. Was man so sagt auf Pressekonferenzen.

Angesichts seiner Leistung scheint auch die goldene Plakette über 200 Meter schon vergeben. Die Frage ist nur, ob er den Fabelweltrekord von Michael Johnson bricht, für den 1996 in Atlanta 19,32 Sekunden gestoppt wurden. Doch eigentlich ist auch das keine Frage mehr. In Peking scheint die schwimmende und sprintende Menschheit neue Evolutionssprünge zu vollziehen, wie im Wasserwürfel und im Vogelnest, den beiden architektonischen Wahrzeichen dieser Spiele, täglich zu bestaunen ist.

Apropos Michael Johnson. Der gewesene Wunderknabe, der seit 1999 auch den Weltrekord über 400 Meter hält, jobbt in Peking, wenn er nicht gerade von Johannes B. Kerner zum Doping befragt wird, für die britische BBC. Der Co-Kommentator Johnson also war begeistert von Bolts stürmischen Jogginglauf. "Er hätte 9,66 rennen können", schrie Johnson. Sein Kollege Colin Jackson, ehemaliger Weltrekordler im Hürdensprint, fabulierte: "Bolt kann den Weltrekord auf 9,5 Sekunden verbessern."

Neun-Komma-fünf.

Wenn das Ben Johnson wüsste.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Doping - wie sauber sind die Olympischen Spiele?
zum Forum...
Diskutieren Sie mit anderen Lesern!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles zum Thema Olympische Sommerspiele 2008
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Vote
100-Meter-Sprint

Ist eine Zeit von unter 9,6 Sekunden möglich?

Die Abstimmung ist beendet. Klicken Sie hier, um das Ergebnis zu sehen.

Fotostrecke
Fabel-Weltrekord: Mit offenen Schuhen zum Sieg