50 Jahre "Sportschau": Der Samstagsbesuch der alten Dame
Die ARD-"Sportschau" feiert runden Geburtstag. Heute gucken viele Fußballfans nur noch aus alter Gewohnheit samstags zu. Peter Ahrens erinnert sich an die glorreichen Tage, als die Sendung noch ein Fernsehereignis war.
Guten Abend allerseits.
Wer 50 Jahre alt wird, setzt schon mal Fett an. Man ist nicht mehr so sportlich wie früher, alles will nicht mehr so reibungslos klappen, die ersten Wehwehchen sind da. Man ist lange nicht mehr so fit, aus Männern werden Onkel, aus Frauen Tanten. Gedanken an den Ruhestand kommen auf.
Die "Sportschau" wird in diesem Jahr 50 und feiert dieses Jubiläum am Samstag. Sie ist eine Tante geworden.
Sie war mal eine junge Frau. Ich habe sie angehimmelt. Allein schon bei der schmetternden Titelmelodie wurde ich einst unruhig - ein Fanfarenstoß für die halbe Nation, alles stehen und liegen zu lassen. Samstags 17.48 Uhr oder 18.03 Uhr, merkwürdige Anfangszeiten für die ARD in den siebziger Jahren - und dann kam Ernst Huberty. Der Pullunder tief ausgeschnitten, der Silberscheitel akkurat auf die Seite gekämmt, er steht im WDR-Fernsehstudio vor einer Wand von drehbaren Fußbällen aus Pappe, auf denen die drei Partien zu sehen sind, die sich die Redaktion für dieses Wochenende schon vor dem Anpfiff aus den neun Bundesligaspielen ausgesucht hatte. Pure Glücksgefühle.
Das Wochenende zerfiel in zwei Teile
Mein Wochenende war zweigeteilt: Es gab vor der "Sportschau" und danach. Der erste Teil war nichts als Vorfreude. Einkaufen am Samstagvormittag, da die Geschäfte um zwölf Uhr schlossen. Mittagessen, Spinat mit Spiegelei und Bratkartoffeln, drei Uhr Kaffeetrinken, Frankfurter Kranz, dazu schon mal zum Warmwerden Kurt Brumme im Radio auf WDR 2, Sport und Musik. Und anschließend die große Frage: Welche drei Spiele - von mehr Partien zu berichten hatte der DFB untersagt - würden gleich im Fernsehen zu sehen sein? Hatten Huberty und Co. das langweilige 0:0 von Eintracht Braunschweig gegen den MSV Duisburg ausgesucht oder hatten sie Glück und das 7:4 des 1. FC Kaiserslautern gegen Bayern München erwischt? Spannung pur.
Der zweite Teil nach der "Sportschau" war zu vernachlässigen. Das Wochenende lief aus, Kirche, Braten, Sonntags-"Sportschau" mit Adolf Furler, der den Galopper des Jahres kürt.
Die "Sportschau" gehörte zu den Fernsehereignissen der Woche, ein Monopolist für den Fernsehfußball, und aus heutiger Sicht ist es geradezu lächerlich, welch simple Dramaturgie diese Sendung besaß. Sechs der neun Bundesliga-Resultate wurden gleich zu Beginn der Sendung auf einer profanen Grafik verraten, es gab das nackte Ergebnis, sonst nichts. Es folgten drei möglichst emotionslos kommentierte Spielberichte, vorzugsweise von Wilfried Luchtenberg oder Karl-Heinz Vest besprochen.
Eine Sendung ohne Showeffekte
In der "Sportschau" gab es keinen Flohzirkus, keine Affen, die Toupets klauen wie bei der ZDF-Schwester, dem "Aktuellen Sportstudio". Es gab keine Show, kein Firlefanz, kein Torwandschießen, es gab allerhöchstens das Fußball-Ballett, bei dem WDR-Redakteur Manfred Sellge Spielszenen zu Musik kombinierte und die Bilder dazu hin und her bewegen ließ. Das war neben dem Tor des Monats der Gipfel des Entertainment.
Wie die Sendung, so waren die Moderatoren. Ernst Huberty altväterlich, Klaus Schwarze, der auch nach Jahren noch Probleme mit der freien Rede vor der Kamera hatte. Adi Furler und Fritz Klein, die Pferdefreunde, Holger Obermann, der später als Entwicklungshelfer in Sachen Fußball die Seiten wechselte, fürs süddeutsche Idiom waren Manfred Vorderwülbecke und Eberhard Stanjek zuständig. Und der kürzlich verstorbene Hans-Joachim Rauschenbach, der die Zuschauer mit vermeintlich humorvollen Bonmots zu quälen pflegte. Sein berühmtester Satz über eine Schweizer Eiskunstläuferin: "Wer als Zwiebel geboren ist, kann nicht als Rose erblühen." Sport war reine Männersache. Altmännersache.
Wenn die "Sportschau" zur DFB-Pokal-Auslosung nach Frankfurt am Main schaltete, Wolfhard Kuhlins in einem spartanischen Büro hockend die Altfunktionäre des DFB, Walter Baresel und Horst Schmidt um sich scharte, dann war das kuscheliges Nachkriegsfernsehen in Reinform. Heute gilt das als Kult. Vielleicht war es das auch.
Von der Privatkonkurrenz kalt erwischt
Die Konkurrenz der privaten Fernsehsender hat die "Sportschau" in den achtziger Jahren überrumpelt. Plötzlich lagen die Bundesliga-Rechte bei RTL oder Sat.1, später bei Premiere, plötzlich war ein Fußballspiel poppig, bunt, ein Event, keine Veranstaltung mehr, die Moderatoren standen am Spielfeldrand, nicht mehr im warmen Studio. Die Sportschau hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen als das "Guten Abend allerseits" vom Moderatoren-Kinnbart Heribert Fassbender.
Die Sendung hat sich im Grunde von dieser Zeit nie wieder völlig erholt. Auch wenn man heute wieder ausführlich über sämtliche Samstagsspiele berichten darf. Auch wenn sie mit Reinhold Beckmann und Gerhard Delling über Anchormen verfügt, die den Geist des Privatfernsehens ausatmen, routinierte Sprücheklopfer, die eine Gala zur Krebshilfe genauso gekonnt wegmoderieren wie einen Kindergeburtstag. Ein Holger Obermann, ein Fritz Klein wären heutzutage als Moderatoren in ihrer hölzernen Unbeholfenheit rettungslos der Häme preisgegeben.
Die "Sportschau" ist heute die Tante, die noch dazu kommt, wenn sich die ganze Familie schon im Internet, in der Sky-Kneipe oder im Live-Radio über die Bundesliga informiert hat. Ein Stück Gewohnheit ist der Besuch der alten Dame immer noch, sich an das Argument der öffentlich-rechtlichen Grundversorgung klammernd, zu der die Fußball-Bundesliga seit fast 30 Jahren nicht mehr gehört.
Die Sportschau ist eine 50-jährige, faltige, ältere Dame geworden, teilweise grell auf jung geschminkt. Aber ich habe sie geliebt.
Gute Nacht allerseits.
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- Samstag, 08.01.2011 – 15:40 Uhr
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