Streit im deutschen Davis-Cup-Team Verletzte Teamseele

Seit dem Wochenende rumort es im deutschen Davis-Cup-Team. Die Spielabsagen von Philipp Kohlschreiber und Thomas Haas in Frankfurt werfen Fragen auf: Wollten sie sich tatsächlich für das anstehende ATP-Turnier schonen? Die Spieler rechtfertigen ihr Handeln.

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SPIEGEL ONLINE Fußball
Hamburg - Es hätte ein schönes Wochenende werden können für das zuletzt wenig euphorisch stimmende Herrentennis. Das deutsche Davis-Cup-Team mit seinen Vorzeige-Athleten Philipp Kohlschreiber, Thomas Haas und Florian Mayer war gegen Spanien mit einer 3:0-Führung frühzeitig ins Viertelfinale eingezogen; am Samstagabend wurde gefeiert in Frankfurt am Main, trotz wiederkehrender Unstimmigkeiten innerhalb des Teams.

Nur einen Tag später war klar: Es passt so allerhand nicht im Kreise der Besten des Deutschen Tennis-Bundes (DTB).

5000 Zuschauer waren am Sonntag gekommen, um die deutschen Top-Spieler in einem der letzten beiden Einzelduelle zu sehen. Sportlich waren die Matches unbedeutend, doch die Halle war voll, die Besucher hatten für einen unterhaltsamen Sportnachmittag bezahlt. Doch das erwartete Einzel wurde unter lauten Pfiffen abgesagt - weder Haas noch Kohlschreiber noch Mayer standen mehr zur Verfügung.

Alle drei Sportler hatten ärztliche Atteste, die ihnen das Recht auf eine Spielabsage einräumten. "Formal ist alles korrekt abgelaufen", versicherte DTB-Präsident Karl Altenburg. Und das Management von Florian Mayer ließ SPIEGEL ONLINE wissen: "Florian hat sich beim Spiel gegen Feliciano Lopez eine Schulterprellung zugezogen. Er ist während des Matches zweimal auf die linke Schulter gefallen und musste noch während des Spiels behandelt werden und eine Schmerztablette nehmen, um das Spiel beenden zu können."

Trotzdem wird seitdem viel spekuliert über diese "sehr unglückliche Situation", wie sie der Präsident des Weltverbandes ITF, Francesco Ricci Bitti, nannte. Die ITF habe Ermittlungen eingeleitet, der Oberschiedsrichter solle befragt werden. Es ist schwer vorstellbar, dass die Ermittlungen etwas ans Licht bringen, was auch? Dass sich Kohlschreiber, Haas und Mayer schlicht "verweigert" (so deutete es der frühere Profi Nicolas Kiefer) hätten?

Mayer fiel gegen Lopez zweimal auf die linke Schulter

Wohl kaum. Von einer Verweigerung könne bei Mayer wegen seines deutlichen Krankheitsbildes und dessen Bestätigung durch einen Arzt keine Rede sein, sagt sein Management. Ähnlich sieht es bei Haas und Kohlschreiber aus: Haas berief sich auf seine Schulterprobleme von den Australian Open, Kohlschreiber auf Oberschenkelschmerzen, mit denen er sich ebenfalls bereits seit dem Turnier in Melbourne herumplage. Beide Sportler hatten wegen ihrer Verletzungen beim ersten Grand Slam des Jahres aufgegeben, im ersten Moment klingen ihre Entschuldigungen plausibel.

Doch es sind die Nebentöne, die dieser Geschichte einen anderen Klang geben. So losten Haas und Kohlschreiber am Samstagabend angeblich in Feierlaune nach ihrem vorherigen Doppelsieg mit Teamchef Carsten Arriens aus, wer von ihnen am Sonntag zum Einzel antreten muss. Kohlschreiber soll demnach verloren haben - und daraufhin seine Spieluntauglichkeit aufgrund gesundheitlicher Probleme geltend gemacht haben. "Wenn jemand zum Losen antritt, heißt das, er hätte spielen können", sagte laut "Süddeutscher Zeitung" ein mit dem Vorgang vertrauter Funktionär.

Arriens braucht "Zeit und Abstand"

Während Mayer seinen Start beim ATP-Turnier in Zagreb, das an diesem Donnerstag beginnt, abgesagt hat, stehen sowohl Kohlschreiber als auch Haas auf der Starterliste. Einer von beiden soll am Montag sogar schon wieder trainiert haben.

Aus sportlich-wirtschaftlicher Sicht ist dieses Verhalten vielleicht nachvollziehbar, das ATP-Turnier ist wichtiger und lukrativer. Die meisten Top-Athleten und ihre Trainer würden vermutlich ähnliche Entscheidungen treffen, ginge es darum, sich für ein relevantes Turnier zu schonen. Im Profifußball ist das üblich.

Doch im Fall des deutschen Davis-Cup-Teams sagt der ganze Vorgang mehr aus über das Gleichgewicht der Mannschaft als über sportliche Ambitionen Einzelner. So steht Arriens schon seit einiger Zeit bei den eigenen Spielern in der Kritik; es ist es ein offenes Geheimnis, dass Haas und Kohlschreiber weder ihm noch einander herzlich zugetan sind. Beobachter der Szene werten ihr Verhalten in Frankfurt deshalb eindeutig als Diskreditierung des Teamchefs, dessen Absetzung nur wenige Tage später unter anderem vom Württembergischen Verband gefordert wurde.

Arriens, seit gut einem Jahr im Amt, ist sich bewusst, dass das Schauspiel vom Wochenende vor allem für ihn eine tiefere Tragik besitzt. "Ich brauche jetzt ein bisschen Abstand und Zeit, darüber nachzudenken", sagte er.

Am Freitag und Samstag treffen sich die Spitzen der deutschen Tennis-Landesverbände in Hannover zu einer außerordentlichen Sitzung. Die Tagesordnung dürfte sich nach dem vergangenen Wochenende geändert haben.



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
awun 06.02.2014
1.
Ich frage mich mehr warum sportlich vollkommen gleichgültige Spiele im Tennis noch ausgetragen werden. Das ist doch Unsinn. Dafür interessiert sich doch auch kaum jemand noch, weder Sportler noch dadürch auch die Zuschauer. Andere Sportarten bekommen es ja auch hin bei "Best-of-X" Wettbewerben das Geld für Karten von nicht stattfindenden Turnieren zurück zu geben... Was kommt als nächstes, werden dann auch im Einzel demnächst die letzten beiden Sätze ausgespielt auch wenn einer schon 3:0 führt?
r-flection 06.02.2014
2. An sich...
Zitat von awunIch frage mich mehr warum sportlich vollkommen gleichgültige Spiele im Tennis noch ausgetragen werden. Das ist doch Unsinn. Dafür interessiert sich doch auch kaum jemand noch, weder Sportler noch dadürch auch die Zuschauer. Andere Sportarten bekommen es ja auch hin bei "Best-of-X" Wettbewerben das Geld für Karten von nicht stattfindenden Turnieren zurück zu geben... Was kommt als nächstes, werden dann auch im Einzel demnächst die letzten beiden Sätze ausgespielt auch wenn einer schon 3:0 führt?
...ist mir Ihre Argumentation ja verständlich, andererseits steht im Artikel selbst, dass ziemlich viel Zuschauer in der Halle waren die die Spiele gerne gesehen hätten.
chris__78 06.02.2014
3.
Zitat von r-flection...ist mir Ihre Argumentation ja verständlich, andererseits steht im Artikel selbst, dass ziemlich viel Zuschauer in der Halle waren die die Spiele gerne gesehen hätten.
Zunächst einmal bekamen die Zuschauer ja auch 1 Einzel mit dem Ersatzmann zu sehen (was der Artikel unterschlägt), nur das andere Einzel des Tages wurde abgesagt. Ansonsten, ist es ja so, dass die Karten schon weit im Vorfeld verkauft wurden. Und die wenigsten hatten wohl damit gerechnet, dass das Ding mit 3:0 schon durch ist. Man hätte also u.U. die alles entscheidenden Spiele gesehen. Da war manch einer sicherlich sowieso schon verärgert, dass er nur Karten für den Spieltag hatte, an dem es um nichts mehr geht und machte dann seinem Ärger erst recht Luft, als dann auch noch die Absage on top kam. Das Risiko hat man nunmal beim Kartenkauf, ich hätte mich auch geärgert, aber aus Sportlersicht, die ja ihr Geld über die folgenden Turniere erspielen und nicht wie Fußballer (da hinkt der Vergleich im Artikel) festes Gehalt bekommen, kann ich das nachvollziehen, dass man sich schont. Ist halt Pech für die zuschauer. Genauso wie, wenn man sich Karten für einen Boxkampf holt, wo der Kampf nach 1 Runde vorbei ist, weil einer umknickt und aufgibt.
Knack5401 06.06.2018
4. Sportlich gleichgültig?
5000 Zuschauer wollten Sport sehen. Ein Match und einen Sieger. Reaktion: Straft Sie in Ihrer Überheblichkeit mit Mißachtung, ignoriert bzw. boykottiert die angeblich lukrativen Auftritte und entzieht ihnen damit die Werbepfründe. Und das so lange, bis sie wieder solche Veranstaltungen schätzen lernen. Und wenn sie dann wieder kommen, aufstehen und auf dem Platz alleine stehen lassen. Ich habe für deren Verhalten keinerlei Verständnis.
Werner655 06.02.2014
5. Unverschämtheit
Zitat von sysopGetty ImagesSeit dem Wochenende rumort es im deutschen Davis-Cup-Team. Die Spielabsagen von Philipp Kohlschreiber und Thomas Haas in Frankfurt werfen Fragen auf: Wollten sie sich tatsächlich für das anstehende ATP-Turnier schonen? Die Spieler rechtfertigen ihr Handeln. http://www.spiegel.de/sport/sonst/absage-von-kohlschreiber-und-haas-streit-im-deutschen-davis-cup-team-a-951849.html
Was ist das denn für ein handzahmer Artikel? Da traut sich wohl niemand klare Position zu beziehen. Sorgen, dass man bei der nächsten PK ins Katzenstübchen muss? So naiv kann ja nun wirklich niemand sein, gerade angesichts der sogar beschriebenen indiskutablen Vorgänge des Vorabends zu glauben, dass die Drei allesamt verletzt gewesen sein sollen. Vorsichtshalber schießt man sich dann auf einen Teamchef ein, der beim Vorliegen diverser Atteste was hätte tun sollen??? Im Übrigen: Wenn der eine oder andere Fußballer bei einem Spiel "geschont" werden soll, spielt dafür ein anderer. Der muss nicht immer schlechter sein. Aber gespielt wird dennoch, und die Zuschauer müssen nicht unverrichteter Dinge wieder abdüsen. Meines Erachtens nach handelt es sich bei dieser Speilabsage um eine Unverschämtheit ersten Ranges. Ohne Konsequenzen darf das eigentlich nicht bleiben, selbst wenn das deutsche Tennisteam viertklassig spielen müsste. Die Herrschaften des DTB werden es aber schon entsprechend hinbiegen, dass auch sie künftig nicht auf`s Katzenklo müssen.
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