"Ich habe nie gedopt. Es existieren keine Beutel mit meinem Blut, schon gar nicht in Spanien. Ich habe mit diesem Doktor Fuentes nichts zu tun."
Drei schöne Sätze. Drei Sätze, die sich wohl jeder, der ein bisschen Freude am Radsport hat, heute Vormittag gewünscht hätte. Allein – Jan Ullrich hat keinen von ihnen gesagt, und auch nichts, was nur halbwegs ähnlich geklungen hätte. Dabei hätte der erfolgreichste deutsche Radsportler genug Zeit gehabt. Fast eine Dreiviertelstunde lang legte der 33-Jährige - erstmals nach seiner Suspendierung von der Tour de France am 30. Juni 2006 - seine Sicht der Dinge dar und hielt sich nicht mit allzu diplomatischen Formulierungen auf. Es war ein Monolog voll unterdrückter Wut.
Ullrich attackierte gleich zu Beginn seiner Ansprache an die Radsportnation die "schwarzen Schafe" unter den Pressevertretern, die er im Ballsaal II des noblen Hotels Intercontinental nahe der Hamburger Binnenalster entdeckt haben wollte: "Ihr seid hier nur geduldet, nicht erwünscht." Weil er schon einmal in Fahrt war wie lange nicht mehr, knöpfte sich der einstige Radstar gleich noch den "zerstreuten Professor aus Heidelberg" vor, womit der Dopingexperte Werner Franke gemeint war, mit dem Ullrich in mehrere juristische Auseinandersetzungen verwickelt ist. Schließlich konnte er gar nicht davon ablassen, Rudolf Scharping, den Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer, zu piesacken ("größter Schulterklopfer aller Zeiten"). Scharping hatte es gewagt zu fragen, ob Ullrich dem Radsport mehr geschadet als genützt habe.
Auch Verbände, Richter und Ermittler watschte Ullrich beim verbalen Rundumschlag pauschal ab, befand, dass es in Spanien überhaupt und sowieso "drunter und drüber ginge", verwies auf laufende Verfahren und betonte, "dass ich jederzeit wieder fahren könnte, wenn ich eine Lizenz beantrage".
Wer darüber hinaus irgendwelche klaren inhaltlichen Aussagen zu den nach wie vor bestehenden Dopingvorwürfen erwartet hatte, wurde enttäuscht. Ullrichs Auftritt sollte abgesehen von seinem Rücktritt keine Fakten liefern, er war vielmehr eine schlichte Inszenierung, die aber nicht ohne Wirkung blieb.
Schon lange, bevor der frühere T-Mobile-Kapitän die Bühne im Interconti betrat, wurden die Bilder seiner ruhmreichen Karriere unablässig, wie in einer Endlosschleife, auf eine große Leinwand projiziert. Eine beeindruckende Abfolge von Siegen, Podestplätzen, Ehrungen, dramatischen Sprints und spektakulären Stürzen flimmerte auf die wartenden Reporter im Ballsaal herab: Ullrich, der stolz als Gewinner das Kinn reckt, Ullrich im gelben Trikot, Ullrich, der bei der Zieldurchfahrt jubelnd die Arme hochreißt. Noch sollten die Journalisten und die ebenfalls eingeladenen Fanclub-Abgesandten all jene Bilder geballt präsentiert bekommen, die es so lange nicht mehr zu sehen gab – und nie wieder geben wird.
Neben der Leinwand hingen eine Reihe von Trikots, die an Ullrichs Erfolge bei der Tour de France, bei der Vuelta d'Espana oder bei Deutschen Meisterschaften erinnerten. Vor allem einer staunte angesichts dieser Ansammlung von Reliquien: Jan Ullrich. Als er im Blitzlichtgewitter die Bühne betrat, schaute er sich zunächst andächtig um, nickte anerkennend und flüsterte seinem Pressesprecher Michael Lang gerührt zu: "Das habt ihr schön hingekriegt."
Möglich, dass die Hauptfigur dieses Tages in all der Hektik jenes unauffällige blau-weiße Leibchen übersehen hat, das ganz links an der Stirnseite des Saals angebracht war – das Trikot des österreichischen Volksbank-Teams, dem Ullrich, wie er möglichst unpräzise formulierte, als "Berater" und "Werbeträger" zur Verfügung stehen wird – ebenso wie bei jenen beiden Firmen, die laut Ullrich "hochwertige Sportfunktionswäsche" und "Reifendichtungsmittel" herstellen. Man muss sich das in etwa so vorstellen als wenn Michael Schumacher künftig einen Formel-3-Rennstall beraten und darüber hinaus als Repräsentant für Hersteller von feuerfester Unterwäsche und - nun ja - Reifendichtungsmittel arbeiten würde. Statt Teamchef bei Ferrari zu werden.
Ullrichs "erfreuliche Neuigkeiten" über seine berufliche Zukunft, die er vorab versprochen hatte, zeigen deutlicher als alles andere, welch gewaltigen Abstieg der begnadete Bergfahrer in den vergangenen acht Monaten hinter sich gebracht hat. Es passte nur zu gut, dass Volksbank-Teamchef Thomas Kofler unmittelbar nach der Pressekonferenz eilig betonte, dass Ullrich auf keinen Fall seinen Platz einnehmen werde. Dann nämlich könnte eine – immer noch drohende – Sperre des Deutschen die Starts des österreichischen Rennstalls ernsthaft gefährden. Brüchiger kann eine berufliche Zukunft kaum sein.
Allein Ullrich scheint immer noch nicht begriffen zu haben, wo er gelandet ist. Oder er will es nicht wahrhaben. Im besten Falle begreift er sein halbherziges Engagement in der zweiten Liga als ersten, vorsichtigen Schritt zurück in den professionellen Radsport, um von dort aus eine Klasse höher Fuß zu fassen, sofern die straf- und sportrechtlichen Verfahren gegen ihn im Sande verlaufen.
Was nicht unwahrscheinlich ist, denn 43 von 51 Fahrern, die im Zusammenhang mit der "Operacion Puerto" zunächst beschuldigt wurden, sitzen längst wieder im Sattel, darunter auch Ivan Basso. Fast kann man Ullrich verstehen, dass er sich ungerecht behandelt fühlt - ohne aber ernsthaft zu versuchen, all die Vorwürfe gegen ihn zu widerlegen. In der Welt des Radsports galten lange Zeit eigene Gesetze, und nur die scheint Ullrich bis heute zu akzeptieren. Wenn sein eigenartiger Auftritt im Intercontinental eins zeigte, dann dies: Jan Ullrich ist noch lange nicht in der Realität angekommen.
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