Ich dachte ja, mein einziges Problem seien die runtergelaufenen Laufschuhe. Doch nach eineinhalb Stunden im Sportgeschäft und dem Bezahlen eines dreistelligen Betrags, wurde mir klar, dass die Schuhe meine geringste Sorge sein sollten. Ich habe einen Hüftschiefstand, eine Beinlängendifferenz, Senk-Spreizfüße und einen beginnenden Hallux Valgus (Hammerzeh). Außerdem wurde mir der Kopf gewaschen wegen der unvernünftigen Steigerung meines Trainingsumfangs über die Feiertage. Und ich wurde mit hochgekrempelten Hosenbeinen und ohne Jacke im Schneesturm um den Block gescheucht. So funktioniert anscheinend heutzutage Schuhkauf.
Beim Betreten des Ladens stürzen sich zwei junge Männer (ich kenne sie flüchtig vom Sehen, sie stehen immer halbnackt in der ersten Reihe bei den regionalen Laufserien) auf meine mitgebrachten Altschuhe. Die Männer fachsimpeln erst minutenlang, ehe sie mir befehlen: "Schuhe und Socken aus, Hosenbeine hoch und aufs Laufband!" Da werde ich nun vorwärts und rückwärts gefilmt, die Achsen und Gelenkwinkel vermessen und mitleidslos Diagnosen verkündet: seltener High Heels tragen, häufiger barfuß laufen, Greifübungen mit den Zehen machen. Über meinen schmerzenden linken Gesäßmuskel wundern sie sich auch nicht: Der kommt von der "kompensatorischen Außenrotation des Beines". Nee klar, logo.
Zehn Laufbandkilometer, sieben Paar Schuhe - eine neue Problemzone
Nach etwa zehn Kilometern auf dem Laufband und um den Block in mindestens sieben Paar Schuhen nähern wir uns der Entscheidung. Modelle werden mir gereicht und im selben Augenblick wieder entrissen. "Nein, auf keinen Fall. Aber dieser, warum eigentlich nicht?" Ich fühle mich wie Harry Potter, der im Schuhgeschäft seinen ersten Zauberstab verpasst bekommt. Woran merkt der Laie eigentlich, dass er die richtigen Schuhe anhat? Sprühen die Funken? Ich schwitze Blut und Wasser und hoffe, mich mit meiner Wahl nicht als Banausin zu outen.
So besitze ich nun nicht nur mein erstes Paar Markenschuhe (der Leisten ist jetzt weiter, daher für meinen Plattfuss geeignet - wurde mir gesagt), sondern auch eine neue Problemzone: in der Super-Slow-Motion der Laufbandanalyse habe ich auf der Wade Orangenhaut entdeckt. Ist das nicht gemein?
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