Achilles' Ferse Der Bazillenkiller

Schietwetter vor der Tür, die kränkelnde Familie im Haus: Da helfen im Kampf gegen fiese Bazillen nur Magnesium, Vitamin C und jede Menge Rotwein. Achilles-Leser Zegartowski macht das Beste aus den widrigen Umständen und wird mit einem perfekten Lauf belohnt. 

Petrischale mit Bazillen-Kulturen: Trickreich beim Aufbau des Immunsystems
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Petrischale mit Bazillen-Kulturen: Trickreich beim Aufbau des Immunsystems


Bei uns zu Hause klingt es zur Zeit meist so: "Schnief. Hatschi. Würg. Hüstel. Rotz." Nein, nicht ich bin verschnupft, sondern meine Frau. Und meine Tochter. Die beiden haben bereits Muskelkater vom vielen Niesen, Husten und Räuspern. Das geht nun schon seit einer Woche so, fühlt sich aber an wie ein halbes Jahr. Doch ich halte durch. Noch. Aber auch nur dank Magnesium, Vitamin C, Zink - und viel Rotwein. Mein Motto lautet: Tod den Bazillen!

Ich war neulich auf der Suche nach Hinweisen für ein sinnvoll strukturiertes Training und habe mir mal wieder den Laufratgeber von Herbert Steffny angesehen. Es heißt ja, dass im Winter nicht nur Sieger gemacht werden, sondern gerade Laufen bei Schietwetter das Immunsystem stärkt. Im Steffny-Buch bin ich auf einen arbeitnehmerfreundlichen Plan gestoßen.

Besonders gut finde ich den Plan, weil er lediglich drei Mal die Woche von mir verlangt, bei dem Mistwetter rauszugehen. Und nur einmal im Dunkeln. Natürlich habe ich all diese reflektorenreichen Nachtläufer-Klamotten, die angestrahlt einen A380 runterlotsen könnten. Aber auch gut angezogen ist es irgendwie immer noch dunkel, kalt und ungemütlich. Doch es hilft alles nichts, der Plan sieht vor: mittwochs ein normaler Lauf, samstags ein schneller kurzer und am sonntags ein langsamer langer Lauf. Mein Ziel ist es, ein Fitness-Läufer zu sein. Klingt irgendwie gut. Und gesund.

Dumm nur, dass ich gestern auf einem Geburtstag war: Nudelauflauf, Chili, Pommes, Reis, Wein, Ramazotti. Ich versuchte mir einzureden, dass die Nudeln Carbo-Loading sind, der Wein alle Bazillen meiner kränkelnden Familie abtötet und das Chili für den nötigen Schwung am heutigen Tag sorgt. Den konnte ich brauchen, standen doch für den Vormittag zehn Kilometer zügiger Dauerlauf an. Doch auf Chili und Carbo-Loading folgten auch noch Absacker. "Komm schon, einer geht noch rein, ist doch mein Geburtstag", wurde ich zum Trinken genötigt. Aber nach dem zweiten Glas war Schluss, den Bilderbuch-Papa spielend - "Schatz, die Kleine ist doch sicher müde. Lass' uns fahren" - drängte ich zum Aufbruch.

Dann das Erwachen am Morgen. Und, oh Wunder, es war kein böses: Kein Kater, keine Blähungen, kein Pelz auf der Zunge. Es konnte, nein, es musste losgehen. Noch schnell ein Blick nach draussen: etwas bedeckt, leichter Wind, kein Regen, nicht zuviel Sonne, perfekt! Also rein in die Laufhose, Pulli und Jacke übergezogen, Pulsuhr um, iPod eingestöpselt und los. Vorher noch schnell eine Magnesium-Pille eingeworfen. Und einen Espresso getrunken. Und Rührei mit Bratwurst gegessen. Dann ging es aber wirklich los.

Und was soll ich sagen: Es war ein wunderbarer Lauf! Ich kam fröhlich nach Hause, voller Energie, mit frisch aufgepäppeltem Immunsystem und in freudiger Erwartung meiner Familie. Kaum war die Haustür auch nur einen Spalt breit offen, schallte es mir schon "Hatschi, Schnief, Schnodder" entgegen, die Kleine rannte auf mich zu und grub ihre Viren-Nase in meine Funktionsfasern.

Aus dem Wohnzimmer sagte meine Frau heiser: "Beeil dich, wir müssen zu Mutti, du bekommst Kalb mit Rotkohl, Pilzen und grünem Pfeffer!" Mit neuem Schwung verschwand ich in die Dusche und anschließend ab zu den Schwiegereltern. Ich freute mich schon auf den Rotwein. Schließlich musste ich noch einige Bazillen killen.



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