Achilles' Ferse Hechelnd beim Hot-Yoga

Verrenken, bis die Bandscheibe quietscht: Achilles-Leser Marvin Running wagte einen Ausflug in die Welt des Yogas. Sein innerer Schweinehund war dabei und erzählt, was das ungelenke "Herrchen" dabei erlebt hat.

Yoga-Profi: Mehrmals die Decke anröcheln
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Yoga-Profi: Mehrmals die Decke anröcheln


"Anderthalb Stunden für 90 Jahre Lebensfreude" - das verspricht Bikram Choudhury, Erfinder des Bikram-Yoga. Klingt wie ein gutes Investment. Auch weil bei Bikrams Hot-Yoga-Übungen geschmeidige Läufermuskeln als Zusatzrendite abfallen sollen. Für einen inneren Schweinehund wie mich ein gefundenes Fressen: Wenig Bewegung, viel Ertrag. Und so steht mein Herrchen eines schönen Tages in einem Hamburger Yoga-Studio und lässt sich für seine erste Yoga-Klasse einweisen. "Hallo, ich bin Clivia", sagt die freundliche Frau hinter dem Tresen. "Ich leite die nächste Klasse. Du weißt, dass die Übungen in einem auf 40 Grad Celsius aufgeheizten Raum stattfinden?" Herrchen nickt. "Hast du etwas zu trinken dabei?" Herrchen klärt sie auf, dass wir beim Laufen auch 30 Kilometer ohne Trinken schaffen. Da würden wir beim Yoga ja wohl kaum ins Schwitzen kommen. Clivias Mundwinkel zucken: "Wie du meinst."

Dann schickt sie uns auf die Matte. Die Yoga-Matte, meine ich. Wir breiten sie in dem mollig warmen Raum nebenan auf dem Fußboden aus. Natürlich haben wir uns vorher umgezogen. Ausgezogen würde besser passen, denn bei Bikram-Yoga trägt man nicht gerade viel. Im Yoga-Raum ist es schön warm. Und ruhig. Sehr ruhig, nach so einem aufregenden Arbeitstag.

Dann hören wir eine Tür zuschlagen und Clivia, die Klassensprecherin, kommt in den Raum. Ich schrecke hoch. "Wir sind eingeschlafen, oder?" "Und wenn schon", meint Herrchen. "Hätte bestimmt keiner gemerkt."

"Das kann ja alles nicht so schwer sein"

Wir richten uns auf und stellen uns auf Anweisung Clivias in die Mitte der Matte. Der Blick ist auf die verspiegelte Wand vor uns gerichtet. Und auch auf eine nicht gerade gertenschlanke Yogine. In ihren zartrosa, halblangen Leggins und einem bauchfreien Top im gleichen Farbton steht sie zwischen uns und dem Spiegel. Los geht es mit einigen Atemübungen, bei denen wir mehrmals die Decke anröcheln müssen.

"Das kann ja alles nicht so schwer sein", denkt Herrchen. Doch dann kommt "Ardha Chandrasana", der "halbe Mond". Bis in die Zeigefingerspitzen sollen wir uns zur Decke recken und dann halbmondförmig erst nach rechts, dann nach links biegen. Bei uns ist nach wenigen Grad Neigung, auf einem Zifferblatt wäre es vielleicht ein Uhr, Schluss. Die Mitschülerin vor uns senkt sich geschmeidig in eine gemütliche Drei-Uhr-Position. Streberin. Herrchen flüstert angespannt: "Wie macht sie das?" Er drückt und zieht, aber später als halb zwei wird es bei ihm einfach nicht. "Streckt euch wieder zur Decke", gebietet Clivia. "Legt den Kopf weit in den Nacken. Und nun beugt euch zurück. Eure Finger wollen auf die Fenster hinter euch zeigen."

Eigentlich sollte Herrchen sich jetzt zurückbeugen. Aber er steht nur da und glotzt entgeistert nach vorn. Wie ein Japaner, der seinem Vorstandsvorsitzenden begegnet, beugt sich dort diese rosa Yogarette nach unten. Nur eben rückwärts. Wir können geradewegs in ihr Gesicht sehen. Das sieht ziemlich verboten aus. Die Biegung, nicht das Gesicht. Irre ich mich, oder zwinkert sie uns zu und imitiert Schnarchgeräusche? Wie bös'. Von nun an sei ihr Spitzname 'Miss Piggy'.

"Wenn das so weitergeht, taugen unsere Organe als Currywurstfüllung"

Endlich streckt sich auch Herrchen nach hinten. Es knackt. Der Atem stockt. Lungenflügel flattern. Die Wirbelsäule sperrt sich. Bandscheiben quietschen wie Daumenschrauben. "Eure inneren Organe werden massiert", sagt Clivia hinter uns. Wir hören ihre sanfte Stimme, sehen können wir sie nicht. Herrchens Ungläubigkeit wandelt sich in Beklemmung. "Hat sie 'massiert' gesagt oder 'massakriert'?", fragt er. "Wenn das so weitergeht, taugen unsere inneren Organe nach dieser Klasse nur noch als Currywurstfüllung."

Endlich dürfen wir uns wieder aufrichten. Herrchen ist erleichtert. Diese Übung hat ihn zwar angezählt, aber er bleibt unbeugsam. Leider hilft gerade diese Qualität im Moment überhaupt nicht. Denn hier macht man alle Übungen zweimal: Das zweite "Set" Halbmond folgt sogleich. 'Miss Piggy' vor uns entpuppt sich leider zunehmend als 'Miss Perfekt'. Grazil beugt sie sich in noch unmöglichere Winkel als eben. Als hätte sie keine Wirbelsäule im Rücken, sondern einen Flexi-Bar.

Die nächste Übung baut Herrchen wieder auf. Bei einer Serie von Kniebeugen stehen unsere durch Küsten und Canyons gestählten Beine wie ein Fels. "Hier haben wir diesen Nur-Yogis gegenüber einen echten Vorteil", freut sich Herrchen. Dumm nur, dass mittlerweile vom Saum unserer Shorts eine Kaskade von Schweißtropfen hörbar auf unsere Matte träufelt. Das Handtuch dämpft das Geräusch kaum. Auch dumm, dass wir hier die Einzigen sind, denen das so ergeht. Und dass es um uns herum so ruhig ist. Auf die Kniebeugen folgt eine komplizierte Kombination aus Ganzkörperknoten und Balanceakt.

Die hätte vielerlei positive Wirkungen, unter anderem soll sie die Sexualorgane durchbluten. "Hmm", meint Herrchen, "dieser Effekt lässt noch auf sich warten. Glücklicherweise. Wie sähe das wohl aus, wenn wir in dieser Körperhaltung auch noch unsere Sexualorgane voll durchbluteten?" Da kommt Clivia heran und erklärt uns beiläufig, dass wir die Arme falsch ineinander gewickelt hätten. Eieiei. Dann haben wir unseren Blutstrom wohl gerade schief gepolt. Hoffentlich hat das keine Spätfolgen.

Zum Abschluss gibt es noch eine Atemübung, bei der wir hecheln müssen. Das fällt uns ausnahmsweise sehr leicht. Und dann heißt es endlich wieder: "Savasana!" Ahhh, Liegen! Totenstellung. Der Raum ist fast leer, als Herrchen wieder aufwacht. Und das nur, weil 'Miss Perfekt' ihn anstupst. "Das erste Mal?", fragt sie. Herrchen faselt etwas von tiefer Konzentration und wankt aus dem Raum. 'Miss Perfekt' hält uns freundlicherweise die verspiegelte Tür auf. Sie schwitzt überhaupt nicht. Und wenn sie es täte, wäre es wahrscheinlich ein Tröpfchen Quellwasser mit einem dezenten Abgang von Pfirsich.

Mehr Sportabenteuer von Marvin Running gibt es in seinem Blog auf Achim-Achilles.de .



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